Als gäbe es kein Morgen

Gegen Abend sind wir noch losgeradelt in eines der umliegenden Dörfer. Das Freibad dort kenne ich aus meiner Kindheit. Sicherlich 30 Jahre war ich dort nicht mehr schwimmen gewesen. Es ist ein sehr einfaches Freibad: ein ummauertes Becken unterhalb der Straße, eine Stange trennt Nichtschwimmer- und Planschbecken ab vom Rest, ein bisschen Wiese, kein Zaun, kein Kassenhäuschen. Kein Sprungbrett, keine Rutsche, kein Spielplatz, kein Kiosk, keine Bänke, nichts von alledem. Nur ein paar Wasserpflanzen im kalten, klaren Wasser und vielleicht ein paar Pferdeegel, die wir immer Blutegel nannten, obwohl sie nicht an Menschen gehen und uns trotzdem schaudern ließen. Das Wasser in diesem Freibad ist nicht nur kalt. Es ist furchtbar kalt. Eine Quelle bricht aus dem Hang, sie speist das Becken und auf der anderen Seite des Beckens ist sie dann schon Dorfbach.

Als wir mit dem Rad auf den Kiesweg einbogen, kam ein Jugendlicher herauf, eine Sporttasche über die Schulter geworfen. Ich grüßte ihn und er grüßte offen, fast herzlich zurück, als kenne er mich. So grüßt man nur an einem Ort, wo jeder jeden kennt. Im Freibad herrschte auch an diesem Abend kein Gedränge, das tut es nie. Ein paar Mädchen tollten mit einem Schlauchboot herum. Eines kam auf uns zu: „Kann jemand von euch ein Foto machen?“ Ohne Scheu sagte es das Mädchen und ganz selbstverständlich verwendete es die persönliche Anrede, als gäbe es hier keine Fremden, könne hier niemand fremd dem anderen sein. Ich knippste ein paar Mal drauflos, dann fragte ich, fast schon vergessen, wohin ich das Handy legen dürfe. „Einfach auf das Handtuch da drüben!“

Später gingen sie und ließen das Schlauchboot zurück, die Schnur um eine Stange gelegt, und dann waren außer uns nur drüben noch ein paar Jugendliche, die den Abend genossen, ein bisschen Bier, kein Krakeelen. Sie verließen das Bad fast zeitgleich mit uns, quetschten sich in ein kleines, altes Auto und machten sich lachend davon, als warte das Leben noch mit einem Versprechen auf sie, als gäbe es kein Morgen.

Nur noch das Schlauchboot lag da, ungesichert, frei von Angst vor Diebstahl und Sachbeschädigung oder was uns sonst immer auch dazu bewegt, Dinge festzuketten oder einzusperren. Etwas Seltenes, ja Seltsames umwehte uns hier: der flüchtige Geist der heilen Welt. Als wir auf die Sättel stiegen, fühlten wir uns jung. Vergessen das Altern von Geist und Seele. Vergessen die Herausforderungen unserer Zeit, der vergiftete Atem unserer Gesellschaft, der sich darin eilt, Schuldige zu suchen, je pauschaler und aberwitziger, umso besser, nur nicht in sich selbst. Vergessen jedes Müssen, Sollen, Dürfen.

Wir radelten in die untergehende Sonne, den Duft der Jugend in der Nase, als würde der Sommer ewig gehen, als gäbe es kein Morgen.

11 Gedanken zu „Als gäbe es kein Morgen

  1. Eberhard Rapp

    Wunderschön, dass es so etwas noch gibt.

    Es erinnert mich an eine Tour in Schottland auf einen Berg in der Speyside, den Ben Rhinnes. Als ich abends zurückkam und ins Auto einsteigen wollte, entdeckte ich, dass der Schlüssel schon im Schloss steckte. Ich hatte morgens in der Eile offensichtlich vergessen, ihn abzuziehen, die Kiste abzuschließen und ihn in die Tasche zu stecken. Da kommt dann für eine Zeitlang doch der Glaube an die Menschheit wieder zurück. Zumindest an die, die in Schottland auf dem Land wohnt.

    Dank + Gruß Eberhard

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  2. Herr Ärmel

    Ähnliches gerade in dieser Woche auf einer Kürzestreise wieder erlebt.
    Der menschliche Umgang.
    Die unterschiedlichen Siedlungsformen, in denen man miteinander umgeht. Manchmal umgehen muss. Sie prägen das Verhalten der Menschen.

    Ich danke Ihnen für Ihren Bericht. Er erdet. Es ist wichtig, dass sich Menschen, die noch urprüngliche menschliche Begegnungen erleben, dass diese Menschen sich darüber austauschen.
    Im öffentlichen Raum, ob auf der Autobahn oder in der Einkaufszone finden mehr und mehr irrwitzige Begegnungen statt. Durch Berichte wie dem Ihren, fühlt man sich weniger alleine mit seinen Beobachtungen und Wahrnehmungen.

    Bleiben Sie wohlauf – ich sende Ihnen herzliche Grüsse,
    Herr Ärmel

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    1. zeilentiger Autor

      Oh ja, wie viele irrwitzige Begegnungen wir machen können … Aber was soll ich sagen: Manchmal überraschen einen diese, denke ich an die Arbeit heute, aus dem engsten Umfeld.

      Bleiben auch Sie wohlauf!
      Es grüßt herzlich
      Ihr Zeilentigerschreiber

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  3. wildgans

    Als gäbe es kein Morgen…Wie passend, diese Überschrift…vielleicht gibt es wirklich nicht mehr einfach endlos neue Morgen…?
    Grad denke ich an das Haushofer-Buch von der Wand…
    Gruß von Sonja

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