Es raucht

Kürzlich kam einer in die Wohnung herein, ohne zu klopfen, ohne zu grüßen. Vielleicht grüßte er nur deshalb nicht, weil er unsere überraschten Gesichter sah und dann auch nicht recht weiter wusste.

Es war der Ofenbauer, der nach dem Lehmofen schauen wollte, an dem etwas kaputt gegangen war. Der Handwerker wusste wohl noch nicht, dass wir jetzt in den Räumen wohnten, wo bei seinem letzten Besuch noch meine Mutter gewohnt hatte. Sie hatte ihn benachrichtigt und er hat sie sicherlich draußen im Hof getroffen und war dann einfach hereingekommen, weil er dachte, sie weiß ja Bescheid, dass er da ist.

Meine Frau hat mehr Freude am Kommunizieren als ich und so besprach sie sich mit dem Ofenbauer: Was fehlt, was müssen wir tun, was braucht der Handwerker für sein Tun. Seine Reaktionen fielen denkbar knapp aus. Auf manche Fragen reagierte er einfach gar nicht und wenn es gar keinen Ausweg gab, entließ er zwischen halb zusammen gepressten Zahnreihen ein einzelnes Wort. „Noi“, zum Beispiel. Nur „Na“ wäre noch kürzer gewesen. Meine Frau will es ja gerne genau wissen, woran sie ist, und hakte nach. Es half nichts. Der Mann quälte sich weiter mit seinen einsilbigen Antworten und da winkte ich hinter seinem Rücken meiner Frau zu: Aufhören! Lass den armen Mann in Ruhe!

Mit mir redete er dann. In zwar kurzen, aber grammatikalisch vollständigen Sätzen. Vielleicht hatte er Angst vor meiner Frau.

Eine Eigenheit unserer Wohnsituation ist, dass es immer noch nur eine Handglocke gibt für zwei Wohnpartien. Heute schellte es, als wir beim Mittagessen saßen. Ein großer, schwarzer Mann mit lauter Stimme stand draußen: der Kaminkehrer.

„Störe ich beim Mittagessen? Das tut mir leid“, brüllte er munter. „Ich muss erst einmal aufs Dach. Ich weiß ja, wo die Leiter steht.“

„Ich sehe schon, du kennst dich aus“, ließ ich ihn gewähren. Wer weiß, wo unsere Leiter steht, den kann ich auch gleich duzen.

Ein paar Minuten später kam er nochmals herein, um die Kamine von innen zu entrußen. „Und M. [meine Großmutter] ist auch da?“, neigte er den Kopf Richtung Nebenhaus.

„Ja, aber sie macht gerade ihren Mittagsschlaf.“

„Dann komme ich einfach um halb 3 wieder. Passt das? Es ist ja so: Immer wenn ich zur M. komme, sehe ich den Rudl vor mir! Als wäre er noch da. Jedesmal wieder! Wie lange lebt er schon nicht mehr?“

„Das muss 2003 gewesen sein, meine ich.“

„Ja so was! Wie die Zeit rennt! Und ich sehe ihn immer noch vor mir“, rief er und machte sich auf den Weg.

„Noh an scheene Namittag“, brüllte er noch über seine Schulter zurück, „und bleibats gsund!“

Das wünschen wir auch, sagte ich zur geschlossenen Tür.

3 Gedanken zu „Es raucht

  1. Stephan

    Die Einblicke in eure „heile Welt“ des Mehr-Generationen-Wohnens mit dem weiten Blick ins Umland und den Allgäuer Alpen im Hintergrund ist immer ein bisschen wie Urlaub. Lasst es euch weiter gutgehen und der lieben Katja weiterhin alles Gute!

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