Geht hinaus in den Wind

Die Tochter, die von sich selbst noch nicht einmal als „ich“ spricht, kauft sich mit dem Geld aus ihrer Spardose einen Hufkratzer. Das macht mir ein bisschen Angst. In welchem Alter hatte ich das erste Mal etwas selbst gekauft? Und was war dann da mein Horizont? Süßigkeiten, fürchte ich.

Was mache ich hier eigentlich? Das frage ich mich zum tausendsten Mal. Wozu bloggen? Und wann eigentlich?

In meiner Arbeit stellt sich mir diese Sinnfrage heute nicht. Oh doch, es sticht mir im Rücken und ich fühle mich zerschlagen und einher geht jene Gemütslage, die sich am treffendsten mit dem Wort „zuwider“ ausdrücken lässt. Den maladen Rücken kann ich darauf zurückführen, dass ich aus der dunklen Wärme des Bettes unvermittelt hinaus gegangen war in eine andere, schneidende Dunkelheit, um mit der Schaufel Bahnen zu ziehen durch den Schnee, statt meine Morgenübungen zu machen. (Die Schneeverwehungen in unserem Hof sind nun, abends, wieder einen Meter hoch.) Die Zerschlagenheit erklärt das noch nicht. Immerhin, um den Bogen zum Beginn des Absatzes zu schließen, tragen mich Texte, die redigiert werden wollen, im Flug durch den halben Tag.

Nach dem Mittagessen nehme ich eine Außentreppe an einen luftigen Ort. Der Wind zieht weiße Bahnen durch die Luft, er wirbelt den Schnee in Kreisen herum, schüttelt ihn durch, reißt ihn mit, fährt herum, ich lese Zeichnungen der Tollheit an der Wand des Himmels, einzig für mich geschrieben.

Ich stehe da oben, absichtslos, aufnehmend, ganz und gar körperlich. Und zum ersten Mal an diesem Tag fühle ich mich echt. Spüre ich die Essenz dessen, was ich das rare, kostbare Gut der Wirklichkeit nennen möchte (was das auch immer sei).

Und kann nur raten:

Geht hinaus in den Wind und erfahrt euch!

6 Gedanken zu „Geht hinaus in den Wind

  1. Robert

    „Geht hinaus in den Wind und erfahrt euch!“

    Ein wahrlich guter Rat. Am vergangenen Sonntag bereits befolgt. Bei eisigem Gegenwind aus der Kleinstadt hinaus, am Fluss entlang bis in die nahe Grossstadt. Nach einer kleinen Rast über den großen Strom zurück in die Kleinstadt. Diesmal bei Sonnenschein und mit Rückenwind.
    Nach fünf Kilometern werden die inneren Stimmen leiser, nach zehn flüstern sie. Nach zwanzig Kilometern schweigen sie.

    Ganz herzliche Grüße aus der schneefreien Landschaft
    Robert

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    1. zeilentiger Autor

      Danke, Moritz. Über eine solche schöne und ermutigende Rückmeldung freue ich mich sehr. Und das Thema Buchprojekt … Darüber wäre bei anderer Gelegenheit zu sprechen.
      Herzliche Grüße
      Holger

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  2. C Stern

    An luftreichen Orten wird nicht nur der Kopf ausgelüftet, sondern werden auch Herz und Seele freier. Eine Erfahrung, die auch mir kostbar ist!

    „Gleich einer ziehenden Wolke, durch nichts gebunden.
    Ich lasse einfach los, gebe mich in die Launen des Windes.“ (Taigu Ryôkan)

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