Das Maß an Geschwindigkeit

Abends holte ich noch einen Freund am Autobahnkreuz ab. Die Tankstelle war überfüllt. Es waren nicht die Menschen, die hier üblicherweise ihre Mitfahrgelegenheit suchen oder verabschieden, sondern junge Leute, die mir austauschbar erschienen, in sauber geputzten, mir vage merkwürdigen Autos. Ein paar saßen in Klappstühlen oder umlagerten die parkenden Wagen, andere fuhren in ihren Fahrzeugen hin und her und hin und her. Da begriff ich erst, dass die Tankstelle nicht nur Feierort für junge Leute in Zeiten von Corona war, sondern mehr noch, Anlaufstelle für getunte Autos. Immer mehr Fahrzeuge mit Spoilern und Heckflossen fuhren ein, ließen ihre Motoren heulen, Auspuffe krachten, jeder Fahrer sah ähnlich gegelt und austauschbar aus und für gewöhnliche Tankstellenkunden schien gar kein Platz mehr in diesem Treiben.

Ich parkte neben der Ausfahrt eines Autohauses, kein Ort, an dem ich ein Auto abstellen würde, aber ich wollte es ja gar nicht verlassen, ich wartete nur auf das Fahrzeug aus Leipzig, das einen Freund ausspucken und sich dann wieder auf die Autobahn schwingen würde. Mein linker Arm hing aus dem Fenster hinaus, die rechte Hand tippte auf dem Handy herum, mein Blick ging immer wieder suchend umher, um jedes Mal wieder bei dem absurden, ja mir unfassbar erscheinenden Schauspiel vor mir zu landen. Schon drehten sich ein paar der jungen Leute zu mir um und ich ahnte die Frage, was will der alte Knacker da, vielleicht lachte sogar jemand höhnisch auf, der will doch nicht etwa ein Rennen fahren. Ich fühlte mich an einen todlangweiligen Film erinnert mit dem frühen Harrison Ford, der in den Sechzigerjahren spielt und in dem andauernd junge Leute in Autos hin und herfahren, als bestünde der Sinn ihres Lebens in nichts als dem Cruisen.

Ein Polizeiwagen bog herein und ich fragte mich, wie oft sie an Freitagabenden hier wohl patrouillierten, aber da sah ich N. im schwarzen T-Shirt und mit der Tasche in der Hand, schlank und etwas abgekämpft von der Fahrt und ich winkte ihm durch das offene Fenster zu.

Am nächsten Tag stiegen wir auf den Schönkahler. Eine Genusstour, wie man so sagt, kein großes Ding, nicht einmal 1700 Höhenmeter hat der Berg. Von Genuss erst einmal keine Rede, die meiste Zeit ging es auf Forstwegen hinauf und später wieder auf Forstwegen hinab, öder ist da nur noch Asphalt. Erst ab der Pfrontner Alpe, an der ein paar Hühner auf dem Misthaufen scharrten, dann Pfade über Bergwiesen und Glockengeläut von Vieh, malerisch ein einzelner Laubbaum über einem Felsenband und recht bald der Gipfel. Der Ausblick dort dann doch schön, tatsächlich in jede Richtung sehenswert und netterweise pausierte das Wolkentreiben gerade jetzt und ließ auch mal Sonne durch. Erst als wir wieder abstiegen, machte es wieder zu. Manche Wolken trieben so dunkel, als wollten sie gleich ihre Last abladen, aber nein, ihre sie trugen ihre stumme Drohung weiter, sollten doch noch ein paar weitere Menschen erschrecken.

Wunderbar dann auf dem Rückweg der schmale Pfad ins Himmelreich hinüber, zwischen den beiden Ächsele hindurch, kaum ein Mensch unterwegs, nur ein paar Bremsen, die uns die Waden blutig stachen, sonst Stille, Weg, Gehen.

Am Feuer

Zur Hochzeit eine Feuerschale geschenkt bekommen. So in etwa könnte ich diese Zeilen einleiten, auch wenn der Satz nicht in jeder Hinsicht wahr ist. Er ist doch wahr genug.

Ich entzünde die Schale, nun allein, auf der Wiese, auf der wir gefeiert haben. Es ist ein friedlicher Ort, von vier Seiten von Bäumen umgeben, die der Großvater und dann meine Mutter gepflanzt haben. Nach Süden hin, jenseits des Gartens, den meine Großmutter immer noch eigenhändig pflegt und hegt, stehen die Bäume niedriger und lassen einen Blick auf die Alpen zu. Heute sind die Berge verdeckt, von Wolken, wie sie auch hier den ganzen Tag über uns hinweg gezogen waren. Ein denkwürdiges Wetter, der April von einst im sommerlichen Gewand: Wolkenbänke und Sonnenschein, Düsternis, Nieselregen und wieder schwüle Hitze, Gleißen und Donnergrollen, Gewitterwind, nochmals Licht, welches das Blau der Libellen funkeln lässt, dann erst der erwartete Schauer und so weiter.

Das Feuer lodert, Falken stoßen droben ihre Schreie aus, Bienen summen in der hohen Linde hinter mir, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu nutzen. Ich stutze und drehe den Kopf. Die Linde hat doch schon ausgeblüht. Summt es im Ahorn daneben? Aber auch er blüht nicht …

Im sinkenden Licht ziehe ich mir etwas Langärmeliges über. T-Shirt-warme Abende gibt es hier auf dem grünen Hügel nicht. Sie sind seufzende Erinnerung an meine Zwischenjahre in der Stadt. Dann lehne ich mich zurück.

Der Platz allein vor dem Feuer ist eine Auszeit, so wie die Stunden am Klavier die letzten Tage eine Auszeit waren, eine Auszeit anderer Art. Jene verlangen ein Tun, dafür ist ihr Geschenk, mich schwingen zu lassen auf einer Seinsebene, die nicht mehr verlangt vom Leben. „Musizieren wirkt wie meditieren“, ist ein Onkel überzeugt. Etwas verändert sich im Gehirn, im Herzen, im Weltbezug.

Vor dem Feuer hingegen lasse ich. Es öffnet sich ein Raum, der meine Finger nach dem Notnotizbuch, wie Frau Wildgans es formuliert, greifen lässt. Papier raschelt, ein Stift fährt über das Blatt, Schrift in der Dämmerung. Das war lange nicht.

Fährten

Im flachen Uferwasser tummeln sich die Kaulquappen, eine Handbreit tiefer dürfte der Moorsee noch unwirtlich kalt sein. Menschen schwimmen noch nicht darin. Nur auf der Wiese liegen ein paar: Radfahrer bei ihrer Rast, drüben FKKler, denn der Weiher ist eines der wenigen Gewässer in der Region, an dem Nacktbaden geduldet wird seit altersher und immer noch, denn unsere Gesellschaft wird ja prüder.

Ich ziehe meine Hand aus dem Wasser und richte mich auf. Das Kind zappelt vor Freude auf meinem Rücken, es brabbelt ein bisschen vor sich hin, versucht über meine Schulter zu schauen, hat die Augen überall. Es ist gerne draußen. Wenn wir morgens als Erstes an den Gartenrand treten, ist sein Blick vollste Aufmerksamkeit – ganz wach und offen gegenüber den Phänomenen der Welt, den Farben der Blumen, dem Gesang der Vögel, dem Wogen der Zweige. Das registriere ich aus müden, von Furchen umrahmten Augen.

Von hier oben, am Eschacher Weiher, liegt einem das halbe Allgäu zu Füßen, und der Blick reicht frei über die Voralpen hin zu den noch weiß geschmückten Gipfeln. Ein Wölkchen ist als Zier in das Blau über den Bergen gesetzt. Neben blühendem Weißdorn machen wir Rast, ein abgeschiedenes Tal unter uns, Grillen singen, ein frischer Ostwind wütet im Haar, ansonsten Licht.

Interessant wird es, wo wir in den Abgrund hineinblicken, an dem wir stehen, sagte die kluge Graugans zu meinem letzten Eintrag. Wenn wir den Fragen nachgehen, sie erwandern, während wir Fuß vor Fuß setzen, und uns nicht nach ein paar streunenden Stunden abwenden, zurück in den Kreis der Familie. Ich stimme ihr vollkommen zu. Und so ließe sich auch aus den wenigen Beschreibungen und Gedanken der vorausgegangenen Absätze – ich lese die Zeilen noch einmal – etwas erwandern. Spuren sind da. Ich müsste ihnen nur folgen, unbeirrt ihrer Fährte folgen und wohin käme ich dann: Da ist Altern. Da sind Angst, Unfreiheit, Einsamkeit. Welche Düfte!

Aber diese Wanderungen gehören hier nicht hin, sie suchen einen anderen Ort.

Als wir über einen Pfad blühende Wiesen queren, fährt die Hand der Tochter immer wieder über meinen Arm. Es ist, als würde sie mich zärtlich streicheln. Das ist eine Form des Glücks.

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Am Trauf – Eine Wanderung

Das Schönste ist der Gesang der Grillen. Ich liebe den Sommer und ich liebe ganz besonders dieses Zirpen der Insekten, diesen Sound des Sommers. Oben auf den grünen Hügeln des Allgäus höre ich sie nicht. Es mag zu kühl sein, viel mehr noch wird es der Mangel an Lebensraum sein, der sie schweigen lässt. Die industrialisierte Grünlandwirtschaft lässt ihnen wenig Spielraum.

Zwei Autostunden Anfahrt sind ein großer Einsatz für eine Tageswanderung. Der Weg auf die Schwäbische Alb lohnt sich erst dadurch, dass ich mich mit einem Freund aus alten Tagen verabredet habe. An einem Parkplatz, an dem ich einmal eine Etappe beendet hatte, treffen wir uns, und da macht auch der kühle Morgenhimmel endlich auf und lässt etwas Sonne durch. Unser Weg aus dem Städtchen gleich eher einer Flucht. Es ist der Drang des Wanderers, die Zivilisation mit ihrem Asphalt, ihrem Motorenrauschen zu entgehen. Es ist auch der Wunsch, die Coronamasken hinter uns zu lassen. Was noch treibt uns an, frage ich mich im Stillen. Die Frage wird mich in den nächsten Stunden begleiten. Denn etwas hat sich verändert, wird mir klar.

Der Nordrand der Schwäbischen Alb ist oft schroff. Steil fallen die bewaldeten Hänge ab, immer wieder durchbricht Kalkfelsen das Grün. Über Dutzende von Kilometern verlaufen Waldpfade direkt am Albtrauf: gen Norden hin der Absturz, nach Süden hin hinter Bäumen und Büschen eine Ahnung der Hochebene, von Feldern, Äckern, Dörfern, und unter den Füßen Erdreich, Steine, Wurzelwerk, weiches Buchenlaub vom Vorjahr. Man kann Stunden so gehen, ohne zu ermüden, ohne sich zu langweilen. Gehen als Meditation.

Hier oben zwischen Bad Urach und Schloss Lichtenstein reihen sich Güter aneinander. Stolze, alte Pferdehöfe, das lauschige Schafhaus auf der Eninger Weide, der Stahlecker Hof mit seinen urtümlichen, weiten, baumbestandenen Weiden, Yaks grasen hier zwischen dem Bruchholz, Ziegen steigen über Astwerk und Stämme, die nächste Wiese ein Blütenmeer. Man könnte Wurzeln schlagen hier und schauen und schauen, denn so schön sieht man Viehhaltung selten.

Das lässt das Staubecken mit seinen dunklen Ahnungen vergessen, das wir eine Stunde oder so zuvor passiert haben. Drahtgitter, ein gigantisches Rund aus Beton, Warnschilder, drunten dann undurchdringliches Wasser und ein Rumpeln. „Ich weiß, ich habe zu viel The Walking Dead gesehen“, meint mein Begleiter. „Dort wäre es ganz klar, was das Rumpeln ist: ein paar Hundert Zombies, die da irgendwann hineingeraten sind. Man möchte gleich schneller gehen und leise sein dabei.“ Es rumpelt wieder, als wir den nächsten Pfad in den Wald einschlagen, und eine Weile sehe ich Untote hinter dem Gebüsch, ist die Welt reduziert auf das, was man bei sich trägt auf ewiger Flucht.

Nachmittags beginnen die Schmerzen. Für uns ist es beide mehr oder weniger Saisonstart, und da sind 26 oder 28 Kilometer kein Pappenstiel. Eine Ferse schabt am Schuh, die Füße ermüden, die Leiste und die Hüften melden sich, dann auch das Knie. Das Knie, das ist schlecht. Das sollte nicht sein, alles andere ist erwartbar. Unser Gespräch ist schon lange erebbt, wir passieren auf unserem Traufpfad eine aussichtsreiche Felsnadel nach der anderen, fallen in ein Marschdelirium, in dem alles verschwimmt, abfällt.

Freiheit? Nein, eine Frage bleibt, Kilometer für Kilometer: Warum mache ich das hier? Was war früher meine Motivation dafür und warum ist sie schwächer geworden, denn sonst würde ich mir diese Frage nicht stellen? Die Vermessung der Welt durch den eigenen Fußgang hat an Wertigkeit verloren. Zuerst war es mir Flucht, dann Anreiz für eine besondere Form der Welterschließung, auch Weltverbindung. Jetzt zieht es mich zurück in einen engeren, viel engeren Kreis. Ja, der Radius verengt sich mit Familie. Das Ausschreiten, das Streunen, die Verlockung des Horizonts, sie gehören in eine andere Lebensphase.

Und doch war es gut, diesen Weg heute gegangen zu sein. Darüber sind wir uns einig und denken eine gemeinsame Vater-Kind-Wanderung an. Glücklich mache ich mich auf den Heimweg, lasse das warme Land mit seinen Grillen und Buchenwäldern und Schafsweiden und weichen Dialekt zurück, rolle nach Süden, Süden, Süden, jubel schließlich auf, als ich endlich die Alpen vor mir sehe, wie ich es immer ganz unwillkürlich tue, und kehre nach Hause zurück.

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Andererseits

Es wäre schön, all die Namen der Pflanzen zu wissen, die da draußen gerade blühen, andererseits.

Genau einen Monat ist der letzte Beitrag auf diesem Blog alt, ist da viel passiert in diesem Monat, denke ich mir und will WordPress schon wieder schließen, andererseits.

Die Nacht eine der ermüdendsten, seit wir zu dritt sind, die Moral sowieso bereits darnieder – Ein-Tages-Midlifecrisis, wer es unbedingt gelabelt haben mag, das geht auch wieder vorbei –, in der Ahnung des Morgens wurde ich hinausgeworfen, um auf dem Lager vor dem Bücherregal noch ein wenig Ruhe zu finden, sprich: Energie für den Arbeitstag, aber das hat dann auch nichts mehr gebracht und dann noch der Shitstorm, wo ich doch vor meiner Abwesenheit noch manches zu klären hätte, andererseits.

Also Flucht aus dem Büro, ans Tischchen im Garten, Struktur schaffen, ganze Seiten fülle ich mit Aufgaben, die wir in der Wohnung in den nächsten Wochen noch erledigen wollen, Stare teilen kreischend das Blau über mir, schöner als jedes X-Wing-Geschwader, aber die TIE-Jäger haben mir eh immer besser gefallen, Schwärme von Staren also und selbst die Eschen stehen inzwischen grün, wenn auch noch nicht alle in ihrer Krone voll, und dann noch eine Seite und einen Kaffee und danach eine Romesco-Soße gemacht, extra viel Nüsse, dafür kein Knoblauch, ihr zuliebe, und zum ersten Mal Scamorza-Käse und mit Pilzen und Spargel aufs Brot und dann der Tag eigentlich auch schon wieder rum.

Andererseits.

 

Plopp

Nichts macht mir so Lust auf Bier wie Bücherkisten zu schleppen. Einmal habe ich die ganze Bücherwand allein 5 1/2 Stockwerke nach unten getragen, um niemanden damit belästigen zu müssen. Selbst ist der Mann und so. Ich hatte die Anzahl der Stufen ausgerechnet, ich weiß sie nicht mehr, ich weiß nur noch, dass mir Bier vielleicht nie so gut geschmeckt hat wie an jenem Tag. Jetzt sind es weniger Stufen und auf viel mehr Tage verteilt, aber das Bier schmeckt wieder, alkoholfrei, nach langer Zeit, in der ich ihm gar nichts abgewinnen konnte, und dazu die warmen Tage, wie ein früher Sommer, ich liebe diese Sonne, sauge sie auf, lege mich nackt zwischen die blühenden Bäume, mit einer Zeituhr, weil die Haut ja noch so blass, und dazu eine Trockenheit, die gibt es hierzulande eigentlich gar nicht und erst recht nicht um diese Jahreszeit, wo es doch dauernd an den Alpenrändern herunterschüttet, aber vom Gefühl her einfach geil, auch wenn da etwas in mir flüstert: Das ist nicht gut und bitte, bitte regne doch auch zwischendurch mal, aber die Sonne nehme ich trotzdem mit und bin wie aufgeladen nach einem halben Jahr auf Notstrom, strotzend, nachglühend, könnte gerade einfach immer weiterschleppen und dann noch ein Bier und dann ist der Kasten schon leer und das Regal immer noch nicht. Morgen dann Regen, sagt der Wetterbericht.

Waldrand, frei von Angst

Der Wind heute wieder aus Ost, frisch, aber nicht mehr eisig. In den Lärchen raschelt es, als steige ein großes Tier durch die Bäume, ein Geist des Waldes vielleicht. Unter den Füßen knirschen die gespreizten Fichtenzapfen, sie flüstern von Feuer und Glut. Ein Holunderbusch zeigt eine erste Ahnung von Blattansatz, spielt den Herold der kommenden Wochen. Am Himmel die euklidische Geometrie eines Milans, unten die ausschwärmenden Bienen, ihr Summen übertönt das Rauschen in den Zweigen, und lautlos zwei Zitronenfalter zwischen ihnen, Blüten gleich in diesem Tanz.

Nur ich bin Mensch an diesem Waldrand. Wenn ich weitergehe, wird Covid-19 hier kein Begriff sein, und schon jetzt ist die Welle der Angst – das Ranking nationaler Infiziertenraten, die Katastrophensucht der Live-Blogs auf den Zeitungsseiten, das digitale Trommelfeuer – etwas Unwirkliches, Blasses irgendwo jenseits der Hügel.

Passierschein

Mittags spaziere ich zum Pestfriedhof. Das war eine andere Nummer: Letalität von 95%. Vögel singen in den noch unbelaubten Bäumen, Blumen treiben aus dem Boden, die Sonne wärmt. Menschen sehe ich nicht. Immer bin ich allein an diesem Ort.

Das war gestern und da lag bereits greifbar in der Luft, was heute verkündet wurde. Der Ministerpräsident verhängt Ausgangsbeschränkungen im ganzen Bundesland. Kolleginnen rationalisieren: Sie hatten ja gesagt, sie müssten zu weiteren Mitteln greifen, wenn sich die Menschen nicht an die ausgegebenen Regeln halten. Ich bin, nicht unwidersprochen, anderer Meinung. Für mich war das Drehbuch längst geschrieben. Verabreicht wird die Medizin dann häppchenweise, so schluckt der Patient sie williger.

Im Windschatten beginne ich zu schwitzen, nur der bemooste Stein unter mir ist noch kalt. Eine Ameise krabbelt über mein Knie. Ich stehe auf und kehre zurück ins Büro. Jeden Tag werden wir weniger. Verdachtsquarantäne als Kontakt zweiten oder dritten Grades, die Entwarnung dann nach Tagen; verrinnende Aufgaben, Unterauslastung, wie der Firmengründer es nennt; Aushilfe in überlasteten Abteilungen, erst dort, dann ein paar weitere drüben. Am Abend weiß niemand: Werde ich die anderen am nächsten Morgen wiedersehen? Darf ich selbst wieder an meinen Schreibtisch?

Es ist ein bisschen Ferienlagerstimmung: überreizt und zugleich nicht ernst zu nehmen – als sei alles ein Spiel, gespielt mit schrillem Gelächter. In den Weidenkätzchen summen schon die Bienen.

Heute also die Nachricht, die Geschäftsführerin verkündet sie eine halbe Stunde später über den Lautsprecher, sie muss sich selbst dabei erst finden, so unbekannt ist ihr die Situation. Der Freitagnachmittagsrest unseres Teams teilt sich auf, den übrigen ihre ‚Passierscheine‘ zukommen lassen. Auf dem Heimweg werfe ich die Schreiben in ein paar Briefkästen, die Alpengipfel verschluckt, der Himmel düster. Wäre es Sommer, wehte gewiss Staub über die einsamen Straßen.

Zuhause feiern wir ein bisschen Nauruz, das persische Frühlingsfest mit seinen uralten Wurzeln, Tag-und-Nacht-Gleiche. Es beginnt für mich das gute halbe Jahr, das nicht so gute halbe liegt nun zurück. Das gefärbte Ei ist mir misslungen, die Schale zersprungen, die Rote Bete hat kaum abgefärbt, aber dafür, dass ich auch noch nie ein Osterei gefärbt habe, soll es mir recht sein. Köstlich dafür der persische Kräuterreis mit seiner Kruste und dazu das letzte, wirklich allerletzte Glas Chutney aus dem vorletzten Herbst, als ich in der Flut der Früchte Abende lang eingekocht hatte: Äpfel, Birnen, Quitten und immer wieder Äpfel, voller Gewürze und wurzelweise Ingwer.

Zu Nauruz legen die Zoroastrier und Parsen ihre heiligen Schriften auf den Tisch, die Muslime den Koran, Christen die Bibel. Und wer es nicht ganz so mit der Religion hat, einen Lyrikband. Im Iran von Hafis, dem Goethe-verehrten, versteht sich. Da meine Hafis-Ausgabe nur ein Reclamheftchen ist, gesellt sich ein zweiter Gedichtband hinzu: „Mein Europa“ – ich will den Glauben daran nicht verlieren – von Michael Krüger, dem Verlagsleiter von Hanser einst. Wir waren im Herbst auf seiner Lesung in der Provinzstadt, die Tochter ein paar Wochen alt, ihre erste Dichterlesung und friedlich eingehüllt in ihrem Tragetuch, es war wunderschön, und wunderschön auch die Widmung Michael Krügers an die jüngste Zuhörerin des Abends. Dann greife ich ein drittes Mal ins Regal und ziehe die Gedichte von Nietzsche heraus. Dieser a-moralisierende Querdenker kann nicht schaden in diesen Tagen. Die Tochter isst zum ersten Mal Reis. Ich könnte ihr Stunden zuschauen, wie sie Lebensmittel erkundet, ertastet, erschmeckt, so voller Ja zum Leben.

Später nochmals online. Die Zeitung voll mit Kriegsmetaphern und ich verstehe nicht, wieso.

Meinen täglich Kümmel gib mir heute

Noch nicht einmal angefangen, muss ich mich schon erklären: Mir geht es nicht um den echten oder Wiesenkümmel, den ich nicht besonders schätze, und erst recht nicht um einen Schnaps, den ich noch viel weniger leiden mag, sondern um den Kreuzkümmel. Den liebe ich außerordentlich. Daran ist schon zu erkennen, wie gefährlich es ist, beide Gewürze zu verwechseln oder durch nachlässigen Sprachgebrauch auch nur Raum zu öffnen für eine Verwechslung durch Dritte – ein Verhalten, das regelmäßig meine Entrüstung zur Folge hat. Und trotzdem mache ich genau das hier. Kümmel passt einfach besser in den Rhythmus der Überschrift.

Seit Wochen also ist kein Bio-Kreuzkümmel mehr zu bekommen, nicht von Lebensbaum, nicht von Sonnentor, auch nicht von Brecht im Reformhaus, wohin ich mich selten verirre. Ich rüste mich, möglichen Mehrfachrückständen von Pestiziden zum Trotz, konventionell angebauten Kreuzkümmel zu kaufen, allein, auch daran scheitere ich kläglich. Der Asiashop hat den ganzen Monat über geschlossen, das Besitzerpaar wohl in Thailand, einen indischen Lebensmittelhändler, wie ich ihn in Stuttgart gerne besucht habe, gibt es in der Provinzstadt nicht, und für den türkischen Supermarkt habe ich keine Zeit mehr. Meine Unruhe wächst. Mangelangst, Verknappungsnot, Belagerungsmentalität.

Ich erzähle vom Kreuzkümmel, um nicht vom Coronavirus zu schreiben. Der mit dem Erreger verbundenen Überrepräsentanz in unseren Medien und unseren Köpfen will ich nämlich keinen Vorschub leisten oder anders gesagt, mich nicht auch noch der Maschinerie der Angst in die Arme werfen. Was ja nicht heißen soll, dass der Virus harmlos wäre, nein. Aber …

Ach, ich wollte doch genau das nicht tun. Seit heute jedenfalls kenne ich Menschen, die sich deswegen in häuslicher Quarantäne befinden. Man darf gespannt sein.

Kreuzkümmel habe ich dann doch noch gefunden. Bio, ganzer Samen, online bestellt, meiner Frau sei Dank.

Flug durch Gewitterwolken

Verfüge ganz über deine Stunde, sagte sie, und ich weiß nicht, was zu tun. Denn nichts von dem, was ich eigentlich so gern getan hätte in meinem Freiraum, hat irgendeine Bedeutung – seines Sinns entkleidet, zernichtet von Müdigkeit. Dann reicht es immerhin noch dafür, ein paar Stücke von Kenny Wheeler anzuhören. Es rührt mich, welch weichen Klang er dem Blech entlockt. Meine Augen nässen sich. Das passiert mir schnell bei Musik, mir ist es unangenehm, vor Zeugen allemal, ich sollte das gar nicht erst erwähnen. Ich könnte die Trompete wieder einmal herausnehmen, denke ich mir, aber ich müsste ganz unten anfangen. Einen Ton halten, einfach nur halten. Statt brüchig zu zittern um die gedachte Tonhöhe herum, zu flattern wie ein Jungvogel bei seinen ersten Flugversuchen.

Aber der hat noch Kraft.

Ist so zielstrebig, so unermüdlich, so unfassbar gierig in seiner Weltaneignung. Wie das Kind, das lernt und lernt und abends dann nicht mehr einzuschlafen weiß, weil es so übervoll ist, weil in den neu geschaffenen Nervenbahnen womöglich Gewitter wüten, als sei das Loslassen körperlicher Schmerz, Kind, wie du dich wehrst so voll von Welt und Selbsterfahrung.

Ich will nur sinken, sinken, sinken.