Ich sitze auf der Damentoilette am Boden, starre in die Kloschüssel und spüre tiefen Frieden.
*
Eine Stunde zuvor betrat ich mit meinen Kindern den Spielbereich. Viel gab es dort nicht: einen weichen Boden, eine umlaufende Sitzbank, ein paar für uns uninteressante Polsterspielelemente und eine Tanzfläche mit einem Projektor darüber. Ich war froh, dass uns niemand anbot, ihn einzuschalten.
Die größere Tochter war unruhig. Ich ahnte, dass sie den Wellengang nicht vertrug, auch wenn sie es nicht sagen wollte. „Ich gehe zurück zu Mama“, äußerte sie und verschwand.
Die Jüngere probierte den Raum aus. Sie legte sich auf den Boden und starrte zur Decke, steckte den Kopf unter ein gebogenes Polsterstück und spähte durch eine Lücke in der Fensterfolierung hinaus aufs Meer.
„Ich will auch zurück“, sagte sie enttäuscht.
Wir erreichten eben die Sitze meiner Frau und der Größeren, da blickte die Jüngere ruckartig zu mir auf, das Gesicht in Pein verzogen, die Augen hilfesuchen geweitet, die Lippen zusammengepresst.
„Musst du speien?“, fragte ich sofort.
Sie nickte.
„Hältst du es bis zum Klo aus? Dann trage ich dich.“ Sie nickte wieder und schon tänzelte ich wie ein betrunkener Boxer einen Ausfall zur nächsten Toilette.
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Wir kehrten nicht zu den anderen zurück. Meine Tochter wollte einen anderen Zweiersitz, weiter hinten und näher zur Mitte. Sie lehnte sich an mich und wir starrten auf die See hinaus. Meine Augen klammerten sich an den Horizont. Es half.
„Ich verstehe dich“, sagte ich. „Mir ist auch schlecht und ich bin ganz verschwitzt deswegen. Meine Stirn ist nass vor Schweiß“.
„Ich spür’s“, antwortet meine Tochter schläfrig und drückt ihren nackten Arm gegen meinen. Ihr Kopf neigte sich. Der kühle Zug einer Belüftungsanlage trocknete meinen Schweiß und ließ mich frösteln. Der bewölkte Himmel war ein hellerer Ton des Meeres oder umgekehrt, das wusste ich nicht mehr. Wichtig war nur, den Blick an dieser Scheidelinie zu halten, ganz in der Ferne, ohne Ablenkung, und mein Kind in meinen Armen zu spüren. Die Ruhe seines Atems, den in einen Schlummer gleitenden Körper.
„Papa, ich will schlafen“, richtete sich die Tochter auf und im nächsten Moment brach es aus ihr hervor. Der Strahl verteilte sich über ihr Kleid, unsere Hosen, Sitz, Schuhe, Boden. Es ging alles viel zu schnell für die Kotztüte. Das einzige, was ich tun konnte, war die Jacke auf ihrem Schoß zu einer Schüssel zu formen und so viel möglich aufzufangen, was sie hervorwürgte.
*
„Ich will aufs Klo“, sagte die Tochter später. „Vorsichtshalber.“
Sie hatte die letzte Kleidung an, die wir noch im Rucksack gefunden hatten. Wir wankten den Gang nach hinten, vorbei an dem Sitz, den ein freundlicher Mitarbeiter der Reederei erst gereinigt, dann abgedeckt hatte, und drückten erneut die Tür zur Damentoilette auf. Ich schloss die Kabinentür und wir schauten beide in die Kloschüssel.
„Musst du nochmals?“, fragte ich.
„Ich weiß nicht … Nein. Aber ich will hier bleiben.“
„Klar“, antwortete ich, kniete mich vor die Schüssel und legte einen Arm um meine Tochter. Sie lehnte ihren Kopf an mich. Minuten vergingen. Ich vermisste den Horizont und wusste, ich würde verlieren.
„Geht’s dir gut?“, fragte ich.
„Ja“, antwortete die Tochter. „Aber ich will hier bleiben.“
„Das machen wir.“
Ich starrte auf den Füllstand und bildete mir ein, es sei die Trennlinie zwischen Himmel und Wasser. Es half nichts. Ich spürte, wie mir die Kontrolle immer weiter entglitt.
„Okay“, sagte ich, beugte mich vor und übergab mich. Viermal kotzte ich mit einem immer lauter werdenden Würgen, das am Ende fast ein Röhren war.
Der Moment des Erbrechens ist vollkommene Hilflosigkeit. Ein Loslassen, wie es vielleicht – in einem fundamentaleren und unumkehrbaren Sinne – das Sterben sein mag. Etwas bricht auf, wir geben auf, müssen aufgeben, uns hingeben, wir verlieren uns, die uns durch Leben tragende Illusion von Kontrolle ist vollkommen als solche entlarvt, alles scheint ganz rettungslos und mit Urgewalt zu schwinden.
Ich spürte dieses Zusammenbrechen, ja war es, zugleich hörte ich mich und registrierte die Veränderung meiner Töne, ich wusste, dass meine Tochter neben mir stand und zuschaute und fragte mich, was es mit ihr machte, ich staunte über die Farbe des Erbrochenen und ich wunderte mich, dass es nicht stank, alles zugleich in diesen wenigen Sekunden. Was ich nicht mehr konnte, war, mich an meine Erkältung zu erinnern und den Schluss zu ziehen, dass ich deswegen weniger riechen mochte.
Ich räusperte mich, spuckte in die Schüssel, wischte mir das Gesicht mit Klopapier ab und drückte die Spülung.
„Wollen wir zurück?“
„Nein“, antwortete die Tochter.
„Ich habe eine Idee. Ich setze mich einfach hier auf den Boden und du kannst dich auf meinen Schoß setzen und dann warten wir. Was meinst du?“
„Ja“, sagte meine Tochter.
Ich war dankbar für den sauberen Boden, das saubere Klo, diese fantastisch saubere Toilette auf diesem Schiff.
Wir saßen auf dem Boden, aneinander gelehnt, aneinandergeschmiegt, und starrten auf ein Blatt Klopapier, das noch in der Schüssel lag. Wir sahen das Zittern des Wassers in der Schüssel. Wir hörten das Klappern eines losen Wandelements und das Brummen der Motoren. Wir spürten, wie sich das Schiff hob und senkte im Wellengang. Die Zeit verging, aber wir waren.
Friede kehrte ein. Und genau jetzt war das hier der schönste Ort auf Erden.
