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Mehr Licht

… und dann war es der lichteste Tag des Jahres, alles erstrahlte in unbegreiflicher Klarheit, schon morgens in der eiskalten Luft war das abzusehen, die Alpengipfel zeichneten sich scharf gegen den Himmel ab, und später alles voll des Lichts, als sei die Welt in Licht neugeboren an diesem Februartag, nachdem doch bereits der Januar den heimischen Photovoltaikanlagen Rekordwerte eingebracht hatte, Kilowattstunden wie ein Sommermonat, erzählte auf der Mittagsrunde ein väterlicher Kollege.

Selbst die Klammer des Kopfschmerzes, die so viele im Griff hatte an diesem strahlenden Tag – bald schon wieder Vollmond, haben wir etwa Föhn, ach den Nacken verlegen – lockerte sich. Da befreite aber auch das offene Gespräch, das An- und Aussprechen in dem kurzerhand vorgeschlagenen Termin, An- und Aussprechen ja sowieso immer empfehlenswert, nichts hilft uns weiter als Klarheit in der Kommunikation, klar wie dieser Tag.

Und das Licht ist selbst im Sinken der Sonne noch Fülle.

Unendlich schön

Das Wetter kalt, aber nicht eiskalt, nur morgens die Scheiben am Auto freigekratzt.

Schnee immer noch keiner. So etwas kenne ich aus den Jahren in Stuttgart, da war es ja normal, dass der erste und auch nur kurze Schnee pünktlich zur Antiquariatsmesse Ende Januar fiel, aber doch nicht hier im Allgäu. Die Langlaufsüchtigen fahren alle nach Balderschwang hinein, über einen Pass sozusagen ins hinterste Tal Deutschlands, in Zeiten der Zombieapokalypse würde ich dorthin flüchten, auch wenn das – Riedbergpass hin oder her – am Ende gar nichts bringen würde, weil die Untoten ganz gemütlich aus dem Vorarlberg her einmarschieren könnten. So wie der Braunbär, der vor ein paar Monaten dort seine Spuren hinterlassen hatte. Kothaufen von Bären findet jetzt keiner in Balderschwang, dafür aber Massen an Langläuferinnen und -läufern, der reinste Irrsinn, die Apokalypse also schon angebrochen.

Jetzt weiß ich auch nicht so recht, wie ich von Zombies und Braunbären überleite zu Peter Handke. Will auch nichts schreiben über Nobelpreisdebatte, „Eine winterliche Reise“ und Balkankrieg. Das haben andere schon ausreichend getan und ich argumentiere jetzt gewissermaßen mit Peter Handke aus dem feingeistig Apolitischen heraus, was mir allerdings auch leichter fällt als Handke, denn ich habe schließlich auch keine Grabrede für Milošević gehalten und deswegen stehen auch keine Journalisten vor meiner Gartentür und stellen mir „solche Fragen“.

Gut, für die Abwesenheit der Journalisten vor meiner Tür gibt es auch noch andere Gründe, aber ich will auf etwas anderes hinaus. In Handkes Journalen lese ich gerne. Bei ihnen geht es mir wie mit Gedichtbänden: Zwischen zehn oder fünfzehn nichtssagenden, aber immerhin dankbar kurzen Einträgen findet sich eine Perle, und diese macht das Leben reich. „Ein (tief) wahrer Ausdruck, dachte ich gerade am Fluß in der Dämmerung, ist: ‚Unendlich schön‘. Also verewige das unendlich Schöne“, notiert Peter Handke in seinem zweiten Journalband, „Am Felsfenster morgens“, im Februar 1987.

Und das ist es, denke ich mir, was mich anspornt, hier weiterzuschreiben.

Kalt also am Morgen, doch nicht eiskalt, Wolken droben, der östliche Horizont frei, daher schönes Licht. Noch immer leuchtet das Morgenrot über den Bergen auf, also bis aus dem Süden heraus. Als würde die Sonne im Süden aufgehen – im Süden!, sage ich mir immer wieder, während ich das Fahrzeug in den Morgen hineinsteuere –, und das ist mir ein Wunder. Das ist das Magische an dieser Jahreszeit, die gerade zu Ende geht.

Tauwetter

Es apert. Morgens, da trägt die Schneedecke. Später am Tage aber verwandelt sich die Oberfläche in einen sulzigen Brei und der Fuß bricht durch die noch feste, aber nicht mehr tragende Schicht darunter. Noch ist das Allgäu schneeweiß, aber von den Rändern her – an Waldsaum und Südhängen – breitet sich der Vorfrühling aus und gibt in diesem Jahr zum ersten Mal Gras und Erdreich dem gierigen Auge preis. Sonnseitig tropft Schmelzwasser von den Dächern und Vögel hört man wieder pfeifen, die ersten Stare sind zurück von jenseits der Alpen.

Der Weg zum Haus meiner Ahnen ist noch immer eine vereiste Fläche. Mit einer Stoßscharre hacke ich schattseitig einen Pfad frei, um der Großmutter das Gehen zu erleichtern, ein Stück weit zumindest bis knapp vor den Briefkasten, bis die Hand schmerzt. Dann gehe ich auf die Sonnenseite hinüber und finde dort, am anderen Seite des Grundstücks, einen trockenen Streifen zwischen Schneeflächen und der Haselnuss, die schon anschwillt, um bald ihre Pollen freizugeben. Dort breite ich ein Handtuch aus, ziehe mich aus, strecke mich. Wie mein Körper nach den Küssen der Sonne giert! Es ist Mitte Februar und ich liege nackt im Licht, die Berge im Blick.

Später, nach Kässpätzle und Mohnkuchen, verstaut der Onkel zwei große Stücke Bergkäse in seinem Trompetenkoffer, gleich Schmuggelgut auf seiner Rückfahrt ins ferne Berlin. Der Abendhimmel dann eine Palette von Pastellfarben und ein Versprechen für den nächsten Tag.

Getragen

In die gleißende Helle hinaus. Bei Minusgraden barfuß und im T-Shirt in den funkelnden Schnee für ein paar Fotos. Mir frieren allein schon die Finger an der Kamera. Zum Glück ist nicht Instagram der Anlass für die Bilder, das würde ich ja im Leben nicht aushalten.

Dann, wieder beschuht, einige Schritte den Horizont hinauf. Niemand war vor uns auf dem Schnee, unberührt bis auf die Fährte eines Fuchses, die wir kreuzen. Manchmal trägt der Harsch – ein Knirschen unter den Stiefeln wie das geduldige Krümeln von Keksen , ein erhebendes, eben tragendes Gefühl, als könne man über Wasser gehen. Ein Wunder jeden Winter wieder.

Und manchmal trägt der Harsch nicht und die Füße krachen durch die Platten. Das ist dann kein Kekskrümeln mehr, sondern der Biss eines Tyrannosaurus Rex durch ein Iglu hindurch. Wehe seinen Bewohnern.

Schnee_Winter_Allgäu_Harsch_Licht_Spuren

 

Das Leuchten des Wassers

„Ich nahm das Wasser, trank es; es war köstlich und leuchtete, wie auch das Glas in meiner Hand.“ Wie Ernst Jünger seinen Opiumrausch beschreibt, so müsste das Leben doch solche Momente auch ohne Rauschmittel schenken, nicht immer, das wäre zu viel verlangt, aber immer wieder. Das nennte ich Lebenskunst. Stattdessen das verhasste Gefühl, nicht zu genügen.

Für den Schnee ist kein Platz mehr, es bleibt nur, ihn mit der Schaufel die Böschung hinaufzuwerfen. Das Handgelenk schmerzt von Stunden windumtost auf deinem Dach, das ich von kniehohem Schnee befreite, der Horizont gleich drüben auf dem Feld ein wirbelndes Weiß, Vorboten eines Sturms. Der Rotz lief mir aus der Nase, langsam sickerte die Nässe durch das Leder der Bergstiefel und das Herz erzitterte vor archaischer Lust. Das Gestern.

Nun schmerzt das Handgelenk, das Frühstück misslingt, der Fluss des Vorabends ist versiegt und ein Mensch ist nicht im Reinen mit sich selbst. „… ständig das Gefühl zu haben, nicht zu genügen, als ob ich scheitere, aber nicht so ganz weiß, warum“, lese ich auf dem Display und ich weiß, wie er sich fühlt.

Es pfeift ums Haus, dem Westwind ausgeliefert, der Schnee wird schwer, die Straße trügerisch, dann kommt der Regen. „Falling Down“, der Widerstand der Ohio-Indianer – Shawnee, Delaware, Mingo im Frontierkrieg -, ein Zitat von Handke, ein Geburtstagsbesuch, einen zweiten schon im Vorfeld abgesagt, ein letztes Mal für heute die Schneeschaufel in die Hand, das Buch von Onetti lege ich weg, zu sehr beunruhigt es mich, also Ernst Jünger, wie bieder der Grabenkämpfer doch sein konnte, also doch lieber wieder Peter Handke?

Dann dreht sich der Schlüssel im Schloss, sie tritt ein und alles ist Vertrauen.

 

Die grüne Hölle

Hinein in die Provinzstadt, an der Höhe vorbei, wo vor 2000 Jahren römische Verwaltungskräfte ihre Villen gebaut haben, als der Ort tatsächlich für einige Jahre Provinzhauptstadt war, heute aber Möchtegernmetropole der „Grünen Hölle“, wie ein Schriftsteller einmal das Allgäu genannt hat, ein hiesiger, und das darf und muss er ja auch sagen, sonst wäre er nicht Schriftsteller, sondern Panegyriker.

Ein paar Flocken fallen, an der Einfallsstraße meterlange Eiszapfen, trotzdem Tauwetter, zumindest sackt der Schnee zusammen. Bücher sind gegangen, andere kommen schon nach, es ist, rede ich mir ein, das Ideal, nicht eine stetig größer werdende Sammlung aufzubauen, sondern eine immer bessere, treffendere, mir angemessenere Auswahl an Büchern zur Hand zu haben. Das ist selbstredend ein Prozess, der nie aufhört, solange man lebt, sich bewegt.

Die weltbeste Butterbreze – sie gehört zur Habenseite der Möchtegernmetropole der Grünen Hölle – lasse ich links liegen. Bis zum Ende des Monats werde ich kein Getreide essen. Dampfig ist es in dem Café, obwohl, vielleicht auch nur warm, die Scheiben sind nicht beschlagen. Es läuft zu einem Brei unkenntlich gemachte Hintergrundmusik, sie bedrängt mich, lieber wäre mir, nur das Stimmengewirr und die klirrenden Gläser und den Schlag des Kaffeelöffels an Keramik und das Stapeln der Espressotassen zu hören.

Wie schön war doch die Stille, als ich morgens die Augen nach der Meditation öffnete. Die Verschmutzung unserer Welt findet auf unzähligen Ebenen statt, denke ich mir auf meinem Barhocker und schaue hinaus.

Ich nehme den letzten Schluck und mache mich auf, ein Dach von Schnee zu befreien. Das aber ist eine andere Geschichte.

Weiß

Am Abend wieder ein paar Bücher aussortiert. Ein Bedürfnis, alles leichter zu machen, weg, weg, weg. Raum schaffen für Neues, das muss es wohl sein, denn für eine Planung hin auf den Tod ist es zu früh.

Gehe ich nochmals in den Hof hinunter, um Schnee zu schaufeln? Ein Blick aus dem Küchenfenster zeigt, es würde sich lohnen. Was ich jetzt noch in der Nacht wegschaffe, wird morgen Früh nicht zur Last. Über dem First krängt, vom Westwind getrieben, der Schnee, löst er sich, wird er hinabstürzen auf das Auto – vorhin noch rot, schon wieder weiß –, woran ich nie denke, wenn ich aus dem Fahrzeug aussteige, froh, den Berg wieder einmal hochgekommen zu sein. Es ist, so betrachtet, doch tapfer, dieses kleine Ding, dessen Entwickler von Sommer in Burgund geträumt haben mögen.

Der Schnee verändert alles: Tagesrhythmen, Raum und Zeit, Innen und Außen, wird Gefahr, wird reinste Schönheit. Morgens schaute ich hinaus, auf die erstarrten Wälder, auf das schwarze Blank des noch frei fließenden Baches, die Weichheit eines jeden Lautes unter dem Fall der Flocken, das Schimmern im Licht, die Klarheit des Atems.

Die Eschen singen nackt im Eis.

Oder selbst die Strukturen schaffen

Der Hof ist eine Falle und der Wind hat uns hineingetrieben. Verschlossen ist das Gattertor zum Steg, ein Sprung zu weit, alles zu kalt. Ein Fenster öffnet sich und die heimliche Beobachterin zeigt sich als Engel. „Ihr wollt über den Bach? Dann geht dort hinter die Hütte, da ist eine Brücke.“ Wir finden ein Schalbrett überm Gewässer, die Enden auf Ziegeln aufgelegt, mit Schraubzwingen fixiert. Eis liegt auf der Planke. Ich trete auf das Brett, es knackt im Holz, es knackt im Eis, beides trägt. Die anderen folgen, über die weiße Wiese schwärmen wir aus.

In einem russischen Auto werde ich zur Arbeit gefahren von einer blonden Frau mit blassgrünen Augen und blasser Haut, in ihrem Haar hängt Eis. Kühl und nordisch sieht sie aus, aus dem Winter kommend, aber doch, das ginge auch, aus dem russischen Winter, mit jenem Gesichtsausdruck einer unbeeindruckbaren Agentin. Das Auto ist direkt, ungeschminkt und ursprünglich: die Motorengeräusche kernig, die Technik Mechanik, am Handgriff über der Tür hängt ein Karabinerhaken. An den Knien ist es kalt. Die Sonne geht auf, sie wärmt nicht, aber es ist gut.

„Oder selbst die Strukturen schaffen“, sagte ein Kollege am Mittagstisch. Verzweifeln ließe sich leicht an der Welt. Und wenn einen dies und das bearbeitet hat, reicht manchmal der Anblick einer niedergeholzten Hecke, der nun nackten Kreuzung, um in alttestamentarischer Verzweiflung die Hände in die Höhe zu werfen. Das Heilmittel haben wir immer selbst in der Hand. Jeder unserer Einkäufe, jede unserer Begegnungen, jedes unserer Worte ist eine Entscheidung, die wir treffen. Daran denke ich mir, als ich die Hände aus der Höhe sinken lasse und mein Panzerhemd abstreife und den Rock darunter und mit offenem Herzen da stehe und Menschen Worte schenke, die kein Richter auf Erden verlangen würde und die die Welt trotzdem schöner machen.

Es liegt an uns.

Kreise ziehen

Als die seit Tagen alles erdrückende Wolkendecke aufreißt, habe ich noch eine gute Stunde.

Ich beschließe, meinen Geburtsort zu umrunden. Nicht aus Sentimentalität, Erinnerungen an jene allererste Lebenszeit habe ich keine, auch nicht schöner Wege wegen. Vielleicht um den Ort nochmals anders kennenzulernen.

Am Bahnhof starte ich meine Runde, er ist mir der erinnerungsträchtigste Ort in dieser Marktgemeinde. Wie oft bin ich in meinen Jugendjahren hier mit dem letzten Zug aus der Stadt gekommen und dann zu Fuß die vier Kilometer nach Hause gegangen. Regen war dabei nicht die schlechteste Wahl, denn dann fühlte ich mich getarnt an jener kurzen Strecke durch den Wald, wo der Weg ausgerechnet am steilsten wurde und auch noch die Kadaverkiste stand damals im letzten Jahrhundert und mich immer die namenlose Angst vor der Dunkelheit erfasste.

Ich erinnere mich, als ich die erste Bahnunterführung passiere, von der das Sträßchen hinaufführte auf die Endmoräne, an jene Liebespein im Hochsommer, als der letzte Abendglanz am Horizont meinen Herzschmerz in ein Gedicht formte, oder einen feuchten Herbst, als ich in Stiefeln, die mir nicht passten, erst zum Zug hinunterjoggte und dann zurück aus der Stadt mit blutigen Fersen dahinschlich, bis ich die Stiefel auszog und barfuß ging über den nassen, kalten Asphalt.

Nach der zweiten Unterführung schlage ich mich nach rechts. Eine von Eschen gesäumte Allee öffnet sich von mir, von ihr hatte ich nichts gewusst. Am Wegesrand kauert das Schützenhaus, der Ostwind beißt sich in mein Gesicht. Er schmerzt in der Nase, ich atme durch den Mund, es ist besser, wenn auch widersinnig. Ich biege auf eine Wiese ab, quere sie nach Gutdünken. Das ist die Freiheit des Winters.

Bald habe ich Wertstoffhof und neuen Kreisverkehr hinter mir. Ein Schlenker hinüber übers Feld in den DM? Ich entscheide mich dagegen. Nichts, was ich gerade wirklich von dort bräuchte. Ein Schild kündigt weiteren Grünflächenfraß durch Gewerbebauten an. Auf dem Fußballplatz neben dem Freibad spielen Männer Fußball. Scharf pfeift der Schiedsrichter, scharf pfeift der Wind. Nicht alle tragen Mützen, manche Waden sind nackt.

Dann gehe ich wieder auf einem unbekannten Weg. Am Tennisverein vorbei, danach ein versteckter Bauernhof, gegenüber ein Stock, aus dem ein ganzer Wald von Haselbüschen wächst, Dutzende von dünnen und nicht so dünnen Stämmen auf kleinstem Areal. In eine bewaldete Senke hinab, ein Bach fließt, mehrfach gebremst von Betonwehren, der Iller entgegen. Technobässe jenseits der Baumlinie.

Ein Feldweg kurvt um den Ort herum, die Musik verebbt, die Sonne steht am Wolkenrand, Strommasten der Überlandleitung. Das Lauteste ist nun der Wind. An einem Oma-Häuschen vorbei biege ich in die letzte Straße der Neubausiedlung. Um die Ecke einer Thujahecke kommt mir ein Herr entgegen – der erste Mensch, der mir auf meiner Runde begegnet -, wir schlingern beide ein bisschen, bis wir herausgefunden haben, wie wir einander ausweichen.

Dann die Unbarmherzigkeit der Waschbetonsiedlung, drei Stockwerke leicht versetzt aufeinandergestapelt, und das ins Dutzendfache wiederholt, Schrecken der 60er- und 70er-Jahre. Mir ist es recht, gleich wieder hinauszuziehen aus dem Ort, der Feldweg gen Norden, hinüber ins Moos, wird mir zur Flucht.

Auch andere atmen hier auf. Und jedesmal wieder die Überlegung, sage ich „Hallo“ oder „Servus“ oder „Grüß Gott“. Ich prüfe rasch Gesicht, Aussehen, Erscheinung und entscheide mich dann. Manchmal treffe ich den richtigen Ton, manchmal nicht. Ein Mädchen hangelt sich unter einem Stacheldraht hindurch, ein blonder Junge steuert einen Traktor, er nickt mir zu. Ein Schafstall, die vom Wind gehärtete Oberfläche des Schnees in Schollen zerbrochen.

Eine Kehre und schon habe ich den Ostwind wieder im Gesicht. Der Feldweg ist eine Bahn aus Eis, Kinn und Wangen schmerzen, da schützt der kurze Bart kaum, dazu müsste er schon sehr viel länger sein. Die Strecke wird ein fröhlicher Kampf. Bis ich die ersten Häuser erreiche, bin ich wieder versöhnlicher gestimmt.

Zum Bahnhof fünf Minuten, zeigt ein Schild, alle Wege sind mit Wanderschildern versehen, der Fremdenverkehr will kein Irregehen. Fremd bin in gewisser Weise auch ich. Ich kenne niemanden in diesem Ort, wird mir bewusst – ein Trampelpfad hinter Leitplanken -, zumindest niemanden so gut, dass man sich wechselseitig einladen würde. Als ich am Bahnhof anlange, weiß ich, dass ich das ändern will. Ganz sicher gibt es unter den paar Tausend Menschen hier auch welche, auf die ich mich freue, sie kennenzulernen. Ja doch, so stehe ich am Ausgangspunkt meiner Reise, der Kreis ist gezogen. Nun gilt es, Kundschafter auszusenden …

Aber zuerst die Sauna. Binnen Minuten erhöht sich meine Umgebungstemperatur um 100 Grad, der Atem müht sich nun auf andere Weise, Wasser tritt aus den Poren. Am längsten nistet die Kälte zwischen Lippen und Kiefer.

Winter_Schnee_Feldweg_Allgäu

Winterfarben

Im Tal ist der Schnee schwer und nass, die Bäume sind schwer und nass, alles ist schwer und nass und kalt und unter Wolken begraben. Ich mag den Monat meiner Geburt nicht.

Über einen bewaldeten Kamm stapfen wir den Hang empor, immer wieder an starken Bäumen vorbei, die geknickt sind wie Streichhölzer von Männerhand, und wir reden über einen, der einen Achttausender ohne Sauerstoff in 16 Stunden bestiegen hat. Er ist so schnell hinauf und wieder herab, dass er sich wegen Höhenkrankheit keine Gedanken machen musste. Und wir keuchen bereits auf dieser Steigung im Wald.

An der Dolde einer Engelwurz haben sich Eiskristalle festgesetzt. Spuren von Has und Fuchs im Schnee, wir sind die ersten Stiefelträger seit Tagen. Oben am Rand der kleinen Hochebene strecken sich starke Tannen zwischen den Fichten, Misteln sammeln sich im Geäst, drüben die Silhouetten nackter Laubbäume vor dem Wolkenhimmel. Dort wird der Weiler Gerstland sein. „Wo die Laubbäume stehen, sind die Menschen nicht weit.“ Auf der weißen Wiese ist ein Haufen aufgestapelt für das Funkenfeuer am Abend. Eine Mopedspur im Schnee, immer wieder rechts davon ein Fußabdruck, wo der Fahrer seinen schlingernden Kurs abzusichern hatte.

Am ersten Hof ein Fuhrpark aus drei Fendt-Traktoren, in der Wiese vor dem Haus ist ein Schneepflug abgestellt mit vielen bunten Handabdrücken, der Hof eine Fassade aus Holzschindeln und Klinkerbau, man sieht an ihm schon das Westallgäu. Am nächsten Hof der Geruch von Funkenküchle – in Fett ausgebratenen Krapfen für den Abend. Die Frauen also sind fleißig, und die jungen Männer werden sich abends betrinken, und wo der Funken wetterbedingt abgesagt wird, betrinken sich die jungen Männer halt auch ohne das wintervertreibende Feuer aus alter Zeit.

Der Schritt ist schwer im Schnee, manchmal knackt Eis, da ist ein Mensch, ein Hund. Abgesetzt vom Tann wacht eine Tanne mit Zweigen so dicht, ein Mensch könnte sich darin verstecken und nicht gesehen werden. Unter den tiefen Ästen kein Schnee, der Baum ehrwürdiger Schirmherr über einen Flecken Wiese.

Ein Hohlweg, dann am Waldrand entlang, winterleere Hütten, die Fußspuren fallen ab, der Weg windet sich zwischen Holz und Hang dahin. Es ist ganz still und einsam. Dann zwischen mächtigen Nadelbäumen ein Pfad, zugeweht im schweigenden Wald, es ist ganz Winter, ganz Menschenferne, als läge er jenseits der Mauer, die Westeros durchtrennt. Jenseits eine halb verschneite Spur, ein schlankes Kreuz auf einer baumfreien Höhe, dann durch tiefen Schnee hinab. Er löst sich bei jedem Tritt und rollt in hastiger Flucht den Schritten voraus, kreuz und quer springen und hüpfen die Kügelchen vor uns her. So klein ist eine Lawine etwas Heiteres.

*

„Doa bin i numm gradelt, doa waret scheene Kiah dinn.“ In der Stube der Königsalpe tickt eine Uhr, ein Kachelofen wärmt, schwarzweiß blickt von der Wand der einstige Besitzer Bonaventura König herab, eine historische Karte klärt über die Zeiten auf, als das Land noch nicht zu Bayern gehörte. Nur an einem Tisch sitzen noch Leut‘, als wir eintreten. Es ist 16 Uhr, vielleicht sind wir die letzten Gäste auf Wochen hin, ab Ostern ist dann wieder sicher offen. Am Holztisch neben dem Ofen lassen wir uns nieder und es ist gar nicht zu vermeiden in solch einer Stube, dass man das Gespräch der anderen hört. Die Wirtin, der Wirt, ein Besucher, in der Färbung eines gelebten Dialekts geht es um die ewigen Themen des Bauernstandes: um die Rinder und das Bauen, Beziehungen und Suizid, Glück und Unglück. „Da willst du für 20 Kühe bauen und dann wird dir der Platz für 40 vorgeschrieben. Immer bauen und bauen, das kannst du doch auch nicht.“ „Sie ist bei ihm eingezogen, sie hat halt einen Unterschlupf gesucht. Aber das ist ja auch recht.“

Die Ohren glühen ganz warm. Ich ziehe den Wollpullover aus, über das Shirt darunter ziehen sich Salzstreifen. Den Rücken an die warmen Kacheln gelehnt, lausche ich, lausche den Worten am Nebentisch, ihrer Farbe, dem Tosen des Feuers im Ofeninnern, ein beruhigendes Geräusch, ein Klang der Kindheit.

*

Und auf dem Abstieg dann die Farben: unendlich viele Töne Grau, das dunkle Grün der Nadelbäume, ins Schwarz versinkend, das zu Blau wird, je ferner die Wälder stehen, das Weiß des Schnees und über allem ein metallischer Glanz. Was auf dem Aufstieg Eintönigkeit war, ist nun Reichtum. Und da liebe ich den Monat meiner Geburt.

Allgäu_Winter_Westallgäu_Königsalpe_Gschwend