Schlagwort-Archive: Neujahr

Freiheit

Zum ersten Mal habe ich an dem mir ja aus gerade diesem Grunde stets so verhassten Silvester nichts getan, was ich nicht machen wollte. Habe mich zu nichts gedrängt gefühlt, zu nichts überwinden müssen, bin keine schalen Kompromisse eingegangen, gleichzeitig keine Spur von Verlust, Entfremdung, Begrenztheit. Versenkung war die richtige Wahl. Von einer Viertelstunde vor Mitternacht bis eine Viertelstunde nach derselben saßen wir in Meditation. Irgendwo dort, da, drüben krachte und knallte und rauchte es. Hier ein stilles Lächeln auf den Lippen.

Von der Wasserreserve bei Wildberg aus öffnet sich ein wunderbarer Blick: auf die Alpenkette, hinüber ins Oberbayerische, das im Dunst verschwimmt, hinunter ins Alpenvorland. Das Neujahr zeigt sich sonnig wie schon die letzten Tage. Selten schenkt diese Jahreszeit der Raunächte so viel Licht wie dieses Mal. Schnee liegt auf den Hügeln immer noch keiner, nur droben in den Bergen, die Flanke der Pleisspitze leuchtet gleißend auf. Hier unten knisterndes Gras, knirschendes Laub, knuspernde Erde, krachende Platten. Eis und Frost herrschen auf unserem Weg und Lichtbahnen zaubern zwischen den Bäumen.

Die Gäste konnten nicht kommen, eine Krankheit hatte sie im letzten Augenblick doch noch aufgehalten. Es galt das Beste daraus zu machen. Anstatt das vegetarische chinesische Menü aufzutischen, kochte ich über einen langen, gemächlichen Abend hinweg immer wieder nur ein Gericht. Wir aßen, wir genossen, wir machten etwas anderes, bis mir einfiel, ich könnte jetzt doch das nächste Rezept ausprobieren. Selten erlauben wir uns so viel Freiheit.

Neujahr

1.

Die Autobahn, auf der nachts, in der ersten Stunde des neuen Jahres, sechs Menschen ihr Leben verloren haben, ist noch immer gesperrt, sehe ich aus dem Zugfenster heraus.

Ich bin froh, der Stadt wieder entkommen zu sein, in der ich die letzten Tage verbracht habe. Bald spaziere ich einen Hügel hinauf, Sonne, Wiesen, Bergblick, das ganze Programm. Ein Schwenk bringt den Rückstau auf der Autobahn wieder ins Blickfeld. Auch andere Menschen zieht es an dem Nachmittag auf die schöne Höhe, man kommt ins Gespräch. Eine Freundin, so erzählt ein Paar, sei von der Gegenfahrbahn aus Zeugin des Unfalls geworden. Sie hat das Krachen gehört, wie sich die Fahrzeuge ineinander verkeilten, das Schreien der Menschen. Zitternd fuhr sie am nächsten Parkplatz ab, unfähig, ihre Fahrt fortzusetzen.

Kinder treten aus dem Wald und zu den Erwachsenen heran, Holz auf den Armen, um etwas zu basteln, zu bauen, ein Lächeln im Gesicht, ganz Unschuld. Sie sind eine Wette auf die Zukunft.

2.

Hier auf dem Land dreht man an Neujahr ganz leibhaftig seine Runde und wünscht den Nachbarn zu Kaffee, Bier, Likör oder unter verzweifelter Abwehr eben all dieser Angebote, jedenfalls allzeit viele Hände schüttelnd „A guats Nuis“.

Die Großmutter hat dazu eigens ihren besten Pullover angezogen und die feinen Gläser herausgestellt, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gibt, und nebenbei wechseln Nachbarn, die sich die Klinke in die Hand drücken, den Preis für eine Ladung Holz oder die Kunde über ein Stück verkauftes Land. Archaische Riten und das Versprechen eines Morgen, das auf dem Gestern steht.

 

Allgäu_Winter_Wertach