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„Das ist doch Quatsch, das ist Senf“

Der Weg zum Galgenhölzle ist eine Wüstenlandschaft en miniature, geformt und geschliffen vom scharfen Ostwind, der seit ein paar Tagen weht. Jenseits des Scheitels der Schneedünen sammeln sich Schatten. Die flachen Rücken der Dünen fallen in Terrassen ab, gehärtet von den eisigen Temperaturen. Den Menschen tragen sie noch nicht. Der Fuß bricht ein, Platten aus Schnee brechen rings um den Schuh auf: drei, fünf, zehn Zentimeter stark unter dem hellen Februarlicht.

Ich bezweifle, schon einmal einen Winter erlebt zu haben, der so unbeständig ist wie dieser. Um Weihnachten herum bis ins neue Jahr war ich krank, alles war Düsternis und an das Wetter habe ich keine eindeutigen Erinnerungen. Seither aber kippt der Winter vom einen Extrem ins nächste. Der Schnee eines Monats fällt verdichtet in wenigen Tagen herab, türmt sich zu Bergen, nur um in plötzlich und viel zu warm einbrechendem Tauwetter fast in Stundenfrist zusammenzuschmelzen. Erneuter Schneefall, dann stürmische Winde aus West und Verwehungen, die jede Fahrt vom Hügel herab zum Abenteuer machen, blitzschnell Frühlingsgehabe, nochmals Schnee und dann beißender Wind aus Ost und die Verwehungen kriechen von der anderen Seite her über alle Wege und Straßen.

Ruhe, winterliche Ruhe, kehrt nicht ein, stattdessen Purzelbäume zwischen Saharasand und arktischen Strömen. Zumindest die Vögel halten die Minusgrade nicht ab, im Licht des Februars ihren Gesang anzustimmen.

Zur weiteren Naturbetrachtung komme ich nicht, denn Kind und Frau treten auf den Plan. Letztere kommt barfuß über den Schnee. „Ich muss meinen Kreislauf irgendwie in Schwung bringen“, seufzt sie. Später schauen wir ein Kinderbuch an. Die Tochter (knapp anderthalb Jahre, der Rede, von einem halben Dutzend Wörtern abgesehen, noch nicht mächtig) entdeckt auf einem Herbstbild Weintrauben. Sie liebt Trauben. „Da da da!“, deutet sie auf die Früchte und schaut uns erwartungsvoll an.

Meine Frau erklärt ihr, dass es Trauben zur Zeit nicht gibt (jedenfalls nicht auf der nördlichen Hemisphäre und welche aus Chile oder Südafrika kaufen wir nicht, aber das erklärte sie der Tochter nicht). Das Kind beginnt zu weinen.

Trauben gibt es nicht, erklärt die Mutter weiter, aber Rosinen – das sei ja praktisch das Gleiche, nur getrocknet. Rosinen liebt die Tochter auch. Also gehe ich mit ihr zum Küchenschrank und hole die Packung Rosinen heraus. Auf dem Etikett sind pralle, grüne Trauben abgebildet. Im Beutel liegen dunkle, schrumpelige Rosinen. Meine Tochter schaut mich unzufrieden an und tippt auf das Bild. Also erkläre ich geduldig und dreimal hintereinander, was ihre Mutter ihr eben schon gesagt hatte. Endlich greift das Kind in den Beutel und schiebt sich eine Handvoll Rosinen in den Mund. Quod erat demonstrandum.

Wir kehren zum Buch zurück und sofort tippt die Tochter wieder auf die herbstlichen Weintrauben und beginnt zu jammern. „Gib ihr doch nochmals ein paar Rosinen“, bittet mich meine Frau. Doch die interessieren die Tochter nicht mehr. Sie zieht mich zum Kühlschrank. Ich nehme sie auf die Arme und öffne die Tür. Die Tochter scannt den Inhalt. Hm, keine Trauben, so was Blödes. Dann greift sie nach dem Tamarindenmark. Davon hatte ich am Vortag etwas zum Kochen verwendet, während sie mir zugeschaut hatte. „Das kannst du so nicht essen, das muss man erst einweichen“, sage ich ihr. Dann eben etwas anderes. Das Kind sucht umher und tippt auf ein Glas Senf.

„Das ist doch Quatsch, das ist ein Glas Senf“, meine ich. Unsere Tochter isst im Grunde alles, was wir auch essen. Alle Gewürze, in bescheidenem Maßen sogar Chili, und am allermeisten liebt sie Oliven, eingelegte Kapern und Käse, den ich nicht hinunterbekommen würde.

Aber Senf, nein, den verabscheut sie.

Die Sonne geht inzwischen unter und der grimme Ostwind weht noch immer. Morgen aber wird das Wetter kippen, die Temperaturen auf plus 10 Grad schnellen und alles wieder einmal schlagartig anders werden. Wenn man da nicht …

„Du, die Tochter braucht eine neue Windel. Magst du?“

Am Feuer

Zur Hochzeit eine Feuerschale geschenkt bekommen. So in etwa könnte ich diese Zeilen einleiten, auch wenn der Satz nicht in jeder Hinsicht wahr ist. Er ist doch wahr genug.

Ich entzünde die Schale, nun allein, auf der Wiese, auf der wir gefeiert haben. Es ist ein friedlicher Ort, von vier Seiten von Bäumen umgeben, die der Großvater und dann meine Mutter gepflanzt haben. Nach Süden hin, jenseits des Gartens, den meine Großmutter immer noch eigenhändig pflegt und hegt, stehen die Bäume niedriger und lassen einen Blick auf die Alpen zu. Heute sind die Berge verdeckt, von Wolken, wie sie auch hier den ganzen Tag über uns hinweg gezogen waren. Ein denkwürdiges Wetter, der April von einst im sommerlichen Gewand: Wolkenbänke und Sonnenschein, Düsternis, Nieselregen und wieder schwüle Hitze, Gleißen und Donnergrollen, Gewitterwind, nochmals Licht, welches das Blau der Libellen funkeln lässt, dann erst der erwartete Schauer und so weiter.

Das Feuer lodert, Falken stoßen droben ihre Schreie aus, Bienen summen in der hohen Linde hinter mir, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu nutzen. Ich stutze und drehe den Kopf. Die Linde hat doch schon ausgeblüht. Summt es im Ahorn daneben? Aber auch er blüht nicht …

Im sinkenden Licht ziehe ich mir etwas Langärmeliges über. T-Shirt-warme Abende gibt es hier auf dem grünen Hügel nicht. Sie sind seufzende Erinnerung an meine Zwischenjahre in der Stadt. Dann lehne ich mich zurück.

Der Platz allein vor dem Feuer ist eine Auszeit, so wie die Stunden am Klavier die letzten Tage eine Auszeit waren, eine Auszeit anderer Art. Jene verlangen ein Tun, dafür ist ihr Geschenk, mich schwingen zu lassen auf einer Seinsebene, die nicht mehr verlangt vom Leben. „Musizieren wirkt wie meditieren“, ist ein Onkel überzeugt. Etwas verändert sich im Gehirn, im Herzen, im Weltbezug.

Vor dem Feuer hingegen lasse ich. Es öffnet sich ein Raum, der meine Finger nach dem Notnotizbuch, wie Frau Wildgans es formuliert, greifen lässt. Papier raschelt, ein Stift fährt über das Blatt, Schrift in der Dämmerung. Das war lange nicht.

Ein stakender Reiher erhebt sich …

​Ein stakender Reiher erhebt sich, erst am anderen Ende des Sees wagt er einen entrüsteten Ruf und quert dort mehrmals über dem Wasser. Ein Sirren in den Schwarzerlen löst die Stille des Fichtenholzes ab. Es frischt auf. Lange bleibe ich an der kalten Asche eines Lagerfeuers nicht sitzen.

*

Weit in den Osten des Landkreises bin ich gefahren, um meinen Pflichten nachzukommen. Die junge Frau im Landratsamt widerlegt mit ihrem Lächeln alle vermeintlichen Fährnisse von Amtsbesuchen, wie ich ja überhaupt seit Jahren auf Ämtern fast nur freundlichen Mitarbeitern begegnet bin. Die Schulungen scheinen Früchte zu tragen, das Wort Bürgerservice Inhalt zu gewinnen – zumindest solange man die Grenzen einer bürgerlichen Rolle nicht austesten muss oder will. Die junge Frau also lächelt und der Klang ihres Dialektes entzückt mich. Plötzlich erscheint sie mir schön.

*

Ein Bauer sägt im Holz, ein anderer zieht einen Entwässerungsgraben ins Feld. An der Fassade eines Einsiedelhofes laufen grüne Streifen herab, als hätten die Fensterläden geweint. Der Hof sieht unbewohnt aus, aber das muss nicht unbedingt so sein. Manchmal gibt es sie ja immer noch, diese heruntergekommenen Gehöfte unter der Hand eines heruntergekommenen Eigenbrötlers, bis die Behörden kommen, weil der Bauer das Vieh schindet.

Der nächste Weiler hingegen zeigt sich ganz schmuck und aufgeräumt, die Häuser sind renoviert, eine Kapelle unterm Zwiebeldach strahlt. Hinterm Wald dann ein Alter im Unterhemd über der haarigen Brust, der im Trog den Melkeimer putzt. „Hallo, grüß Gott“, antwortet er. Sein „hallo“ hatte ich nicht erwartet.

Über einen halb zugewachsenen Feldweg, von Birken gesäumt, von rotem Laub aus dem Vorjahr bedeckt, geht es zur Fernverkehrsstraße zurück, ich quere nach einem Bus, der wohl aus dem Oberbayrischen herüberkommt. Der Lech ist nicht weit.

Von einem Weiler aus drei Häusern her verbellt mich ein Hund. Schon auf die Weite überschlägt sich seine Stimme, ohne dass er es wagen würde, einen Schritt näherzukommen. Die Ziegen auf der Weide lassen sich von dem Alarm anstecken, sie suchen Zuflucht auf ihrem Tränkewagen. Ich biege ab, an einem hübschen Hof vorüber, seine Rückseite aber ist eine Ruine. Die Tenne klafft weit auf, die Einfahrt ist zusammengebrochen, Gebälk herabgestürzt, nur noch die Hälfte steht, wie ein von Karies völlig zerfressenes Gebiss.

Hütte_Wald_Allgäu_Ostallgäu

Am Waldrand sitzt ein alter Landwirt, sein schwarzes Rad neben sich. Er sieht aus, als säße er zum Sinnieren auf dieser Bank, einem Rückzugsort also, an dem er über etwas nachdenken könne, was woanders keinen Raum findet. Hinter dem Wald färbt sich der Himmel dunkel.

Der Wind nimmt an Fahrt auf, als ich zwischen den Bäumen hervortrete, und ich weiß, gleich wird es so weit sein. In einer Kehre reißt es Staub vom Feldweg empor, ich stemme mich gegen den Wind. Hinter dem Hügel regnet es schon herab, dafür tauchen im Süden auf einmal die blassen Schemen von Bergen auf, die den ganzen Tag verborgen gewesen waren. Hundert Schritt vor dem Parkplatz klatscht der erste Tropfen auf meine Stirn. Das Wetter bricht los, als ich in das Auto steige, das ich – nach so vielen Jahren ohne PKW – vor ein paar Stunden erst angemeldet habe. Regen rauscht auf das Ostallgäu herab und ich starte den Motor.