Archiv des Autors: zeilentiger

Bis das Licht erlischt

Ich sitze in der Unterhose auf dem Gullydeckel und tippe.

Der Sommer war schön, früher hätte ich gesagt, er war herrlich. 

Es ist schon richtig: Freiheiten hatte er weniger gebracht, als ich mir gewünscht hätte, ich habe ihn oft eher mittelbar genossen – lebensphasenbedingt –, er war trotzdem schön. Heute, am letzten heißen Tag des Jahres, verlasse ich nach einer weiteren intensiven Arbeitszeit das Büro und biege auf dem Heimweg ab zum Fluss. Ich lasse das Autofenster herunter, begrüße den warmen Wind. Led Zeppelin begleitet den Weg über das Sträßchen hinab. Alles jubelt in mir. Es ist Sommer und ich will ihn feiern, ein paar Minuten lang.

Ich wollte nackt ins Wasser, aber auf der Kiesbank sind ein paar Kinder, also lasse ich die Unterhose an. Ich trete ein in das Grün des Flusses. Er ist nicht tief dieses Jahr, doch es reicht zum Schwimmen. Sofort treibt mich die Strömung ab.

Dann stehe ich da. Die Beine umflossen von Wasser, der Oberkörper umflossen von Licht, steigt Kühle auf, senkt sich Hitze herab. Ich schaue. Lausche. Rieche, fühle. Wellen brechen an Steinen. Die Bäume am Ufer so stumm, wie sie es im August immer sind, als würde die Welt ganz leise. Ein Hauch von Braun im Licht. Meine Körpermitte ein Amalgam der Elemente, schließlich ein Kreuzpunkt des Lebens. Ich spüre mit jeder Faser: Ja, ich bin Teil dieser Welt. Es ist ein gutes Gefühl. Nein, diese Welt ist nicht gut (sie ist ambivalent), aber es ist gut zu spüren, Teil von ihr zu sein.

Ich schließe die Augen und atme den Sommer ein. In jeder Zelle meines Körpers will ich ihn speichern. Will, dass er weiter brennt in mir, durch den nächsten Winter hindurch und immer weiter, bis mein Licht erlischt.

Medialer Overkill

Ich plane einen Kinobesuch, schaue mir ein paar Trailer an und fühle mich danach sehr verspult. Reizbar, verwirrt, unzufrieden und ganz und gar nicht in meinem Körper. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes außer mir. Ein paar buddhistische Achtsamkeitsübungen helfen mir, wieder zu mir zu kommen.

Es ist ein altes Werturteil meinerseits gegenüber Bewegtbildern, sie, zumindest im Rahmen ihrer üblichen Konsummuster, als eine Art Hypnosemasch(in)e zu betrachten. Daher mein bereitwilliger Verzicht auf ‚Fernsehen‘, auch nichtlineares, auch als Häppchen auf den Sozialen Medien, und meine Feier des Kinos als einen magischen Ort – den Tempel eines geheiligten Rituals, das ich bewusst und liebevoll ausführe. Dass mich nun schon ein paar Trailer im Netz reizüberfluten, beunruhigt mich. Ich weiß nur noch nicht, in welche Richtung hin.

Heute waren die Kinder zum ersten Mal in einer Bücherei. Einer Dorfbücherei aus dem letzten Jahrhundert: Frau H. führt freundlich Hoheit, ein Kundenkonto ist durch bloße Nennung der eigenen Adresse erstellt, jedes ausgeliehene Buch – vier Wochen Ausleihe, keinerlei Kosten – erhält einen Stempel. Analog auf einen Papierstreifen.

Für die Kinder war es neu genug. Sie waren kaum mehr aus der Bücherei herauszubekommen, abends stritten sie darum, wer von beiden welches Buch vorgelesen bekam, links und rechts bedrängten sie mich und als wir die Bücher zuklappten, gab’s Zeter und Mordio. Dann regierte nur noch eine urtümliche Schicht ganz hinten im Gehirn. Die kleinste Frustration: Kreischen und Werfen – Dinge durch den Raum, sich selbst auf den Boden. Wie eine veraltete, fast dem Dornröschenschlaf anheimgefallene Dorfbibliothek mit ein paar Kinderbüchern medialen Overkill auslösen kann …

Sie werden das Medium Kinderbuch bald gemeistert haben, ohne irgendwelche Achtsamkeitsübungen zu brauchen. Ich ahne, ich werde sie für meinen Fall immer mehr benötigen.

Birkenklang

Was ist der Gesang der Birken?

Kein Rascheln wie der Laut anderer Belaubter im Wind. Kein Rauschen und kein Raunen. Nicht Flüstern noch Säuseln. Gewiss nicht Schleifen, Scharren, Knarzen, Kratzen.

Vielleicht ein Wispern, hell und dafür, dass es ganz und gar organisch, atmend, aderndurchzogen ist, beinahe kristallen.

Ich hätte gerne einmal eine Birkenfrau getroffen, mehr als jede andere einem Baum Entsprungene.

Eine Birkenfrau also an einem heißen Tag des schon reifen Sommers, am Ufer eines Sees vielleicht.

Das ist Leben

Als ich aussteige, weht mir ein Gluthauch um die bloßen Beine. Wind zeigt sich auf unserem Hügel als häufiger Gast, aber heiß ist er hier oben kaum je einmal. Vielleicht gibt es einen solchen in manchen Jahren gar nicht, zumindest vermisse ich ihn in meiner Erinnerung. Er weht immer woanders. Ich breite die Arme aus und begrüße die Glut.

Auf unserem Halbtagesausflug ins Außerfern heften wir uns an eine Kolonne von Mannschaftswägen der Polizei. Den ganzen Tag über brausen Transporter aus NRW und Hessen und sonst woher hinein in die Alpen, hinüber nach Österreich. Wahrscheinlich sind es Hunderte Fahrzeuge der bundesdeutschen Polizei, die da über die Grenze fahren und einen Halbkreis von 50 Kilometern durch Tirol ziehen, um ein bisschen Fahrtzeit zu sparen auf dem Weg zu Schloss Elms, der G7-Gipfel macht’s möglich. Es ist absurd.

Unser Ziel ist sehr viel greifbarer: ein mehr oder weniger versteckter Bergbach, wenn auch in Zeiten des Internets nicht wirklich ein Geheimtipp mehr, der nur über ein Betriebsgelände zu erreichen ist. Wir schreiten durch das klare Wasser, tragen die Kinder über ausgewaschene Felsen und durch sprudelnde Becken hindurch immer tiefer in die Schlucht hinein bis zum tosenden Wasserfall. Das Licht macht alles überdeutlich präsent: den Himmel, die wiegenden Bäume weit über uns, die steinernen Wände, jeden einzelnen Kiesel und verschmilzt schließlich mit der Reinheit des Bergwassers, glüht auf in der Gischt, versinkt als Smaragdgrün in der Tiefe. Ich lege mich hinein in diesen Rausch und spüre: Ich bin.

Nach der Begrüßung des Windes ist der Entschluss gefasst. Ich entkleide mich und gehe mit dem Kind hinüber in den Garten, aus dem wir ernten dürfen. Nackt bestaunen wir die Pflanzen, ziehen Pak Choi aus dem Hügelbeet, zupfen Blätter vom Salat. Später werden wir in der Küche den Tofu schneiden, Gewürze mörsern, den Duft des Reises schnuppern. Das ist Leben, denke ich mir.

Schakschuka, Freitagmorgen

Es sind ja geist-, jedenfalls aufs Entschiedendste schreibfeindliche Lebensumstände, in denen ich mich finde. Warum also nach monatelangem Schweigen diese flüchtigen Sätze notieren?

Zum Sonnenaufgang aufgestanden und gleich, sozusagen in Unterhose, in die Küche, weil ich etwas kochen wollte, aus Freude am Tun, nicht aus Notwendigkeit, und sonst kein Raum dafür wäre. Kaum hatte sich die Messerschneide auf die Zwiebel gesetzt, reichte mir meine Frau die Kleine. Es ist, dachte ich mir, gar nicht möglich, früh genug vor den Kindern aufzustehen.

Dann doch ein großer Spaß, zusammen zu kochen. Sie auf der Arbeitsplatte, dies und jenes ergreifend, dies und jenes kostend, dies und jenes mit einem Laut kommentierend, selbstverständlich auch alles irgendwann zu Boden werfend. Ich am Benennen, Schneiden, Rühren, Erklären.

Schakschuka war das eine, was ich machen wollte, weil ich am Vorabend aus dem Bioladen reduzierte, da dem drohenden Verfall schon gefährlich nahe Paprika erworben hatte. Ich entschied mich, das Gericht dieses Mal nicht intuitiv zu kochen, sondern nach einem Rezept von Ottolenghi. Das Ergebnis war, mit Safran und etwas Zucker, süßlich und sehr fein, ich möchte fast sagen: persisch. Ein Genuss auf jeden Fall, auch wenn mir eine, sagen wir Mal jemenitische Variante näher gelegen wäre: mit der Schärfe von Chili und Knoblauch und meinetwegen auch Bockshornkleesamen, den ich neben der indischen nur aus der Küche des so furchtbar geschundenen Jemens kenne.

Zweitens wollte ich, denn manchmal packt mich der Wahn oder eher die luftige Begeisterung, die die verehrte Graugans als Wesensart meines Sternzeichens benannt hatte, zweitens wollte ich also in einem Wettlauf gegen die Uhr ein weiteres Gericht von Ottolenghi ausprobieren, der mir in seiner sinnesfrohen, aromatischen Vielfalt vom Mittelmeer bis Ostasien Inspiration für ein ganzes Leben geben könnte.

Ich setze die Linsen auf, lege den grünen Spargel ins simmernde Wasser, werfe den rötlichen Asiasalat in den Mixer, gieße Olivenöl zu, lege Pecorino und Zitrone bereit.

Ein Genuss das Frühstück mit Einschränkungen, denn natürlich ist es wieder zu spät, es ist immer zu spät, egal wann und was ich frühstücke, aber immerhin mit der Großen am Tisch, die inzwischen auch wach geworden war.

Erstaunlich die so grundlegend unterschiedlichen Qualitäten der beiden Gerichte. Der Linsen-Spargel-Salat grün, kühl und ganz und gar vegetabil mit einem starken Element Wasser, obwohl ich den scharfen Asiasalat statt Brunnenkresse verwendet habe. Und ganz rot, warm, fast schon von animalischer Lebendigkeit die, vom Ei abgesehen, rein pflanzliche Schakschuka.

Kantinengesänge

Freitag, nach 13 Uhr. Die Kantine wirkt nahezu leer. Die Vollholzeinrichtung kommt so besonders gut zur Geltung. Und wie leise es ist. Da wird das schalldämpfende Holzmuster an der Decke zur reinen Optik.

Nur von der langen Tafel kommt Stimmengewirr. Auswärtiger Besuch, VertreterInnen eines Verbands, Entscheidunsträger des Unternehmens.

Der Nusszopf ist so leicht, dass ich mir ein zweites Stück geben lasse, obwohl keines den eigentlichen Bedürfnissen meines Körpers mehr entsprochen hätte. Ich schiebe den leeren Teller von mir.

„Cappuccino?“ Ein Löffel klirrt an der Suppenschale. Ratterndes Mahlwerk. „Schönes Wochenende!“ Das klirrende Stapeln von Gläsern in der Spülküche. Die Köche rufen sich etwas zu, Gemurmel aus dem Wintergarten hinter mir, ein Lachen, eine Stimme steigt auf „hätten wir, wären wir“, diskretes Scheppern von Tellern auf Zehenspitzen, Besteck rüttelt, klimpert, zittert, jede Menschenstimme erhält ihren eigenen Klang, dumpf, hart, sanft, lispelnd, rau, hell, vibrierend, ergreifend, fest …

Wie viel dann doch zu hören ist auch an einem solchen Tag, wird man erst ganz Ohr, der Körper schwer von Nuss und Hefeteig.

Geht hinaus in den Wind

Die Tochter, die von sich selbst noch nicht einmal als „ich“ spricht, kauft sich mit dem Geld aus ihrer Spardose einen Hufkratzer. Das macht mir ein bisschen Angst. In welchem Alter hatte ich das erste Mal etwas selbst gekauft? Und was war dann da mein Horizont? Süßigkeiten, fürchte ich.

Was mache ich hier eigentlich? Das frage ich mich zum tausendsten Mal. Wozu bloggen? Und wann eigentlich?

In meiner Arbeit stellt sich mir diese Sinnfrage heute nicht. Oh doch, es sticht mir im Rücken und ich fühle mich zerschlagen und einher geht jene Gemütslage, die sich am treffendsten mit dem Wort „zuwider“ ausdrücken lässt. Den maladen Rücken kann ich darauf zurückführen, dass ich aus der dunklen Wärme des Bettes unvermittelt hinaus gegangen war in eine andere, schneidende Dunkelheit, um mit der Schaufel Bahnen zu ziehen durch den Schnee, statt meine Morgenübungen zu machen. (Die Schneeverwehungen in unserem Hof sind nun, abends, wieder einen Meter hoch.) Die Zerschlagenheit erklärt das noch nicht. Immerhin, um den Bogen zum Beginn des Absatzes zu schließen, tragen mich Texte, die redigiert werden wollen, im Flug durch den halben Tag.

Nach dem Mittagessen nehme ich eine Außentreppe an einen luftigen Ort. Der Wind zieht weiße Bahnen durch die Luft, er wirbelt den Schnee in Kreisen herum, schüttelt ihn durch, reißt ihn mit, fährt herum, ich lese Zeichnungen der Tollheit an der Wand des Himmels, einzig für mich geschrieben.

Ich stehe da oben, absichtslos, aufnehmend, ganz und gar körperlich. Und zum ersten Mal an diesem Tag fühle ich mich echt. Spüre ich die Essenz dessen, was ich das rare, kostbare Gut der Wirklichkeit nennen möchte (was das auch immer sei).

Und kann nur raten:

Geht hinaus in den Wind und erfahrt euch!

„15 Brezen bitte“

Eine meiner liebsten Tätigkeiten ist es, unter dem Tisch herumzukriechen und die Essensreste der Kinder aufzuwischen. Davon kann ich einfach nicht genug bekommen. Ganz besonders dann nicht, wenn das Licht schräg durchs Fenster fällt und gnadenlos all den Dreck bloßlegt, der auch durch dreimal tägliches Wischen nicht weggeht.

„Manchmal frage ich mich, ob wir uns eine Putzfrau leisten könnten“, seufze ich.

„Oder einen Putzmann“, ergänzt meine Tochter. Mit zwei Jahren und ein paar Monaten ist sie in manchen Dingen einfach schon weiter als ich.

Aber eigentlich will ich von Brezen schreiben. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich Laugenbrezen (Dinkelvollkorn) selbst gemacht. Sie sind kleiner geworden als erwartet und mit der Formgebung kann ich noch ein bisschen üben. Außerdem ist mir das zweite Blech misslungen, wenn ich auch immerhin begriffen habe, warum und den Fehler beim nächsten Mal vermeiden werde. Bäcker Moritz, der auf seinem Blog Backrezepte immer mit schönen Alltagsbeobachtungen garniert, hätte mir das gleich sagen können.

Erster Versuch: Dinkelvollkornbrezen, Verwandtschaft zu Besuch

Der Gesang der Stille

„Sind da Buchstaben drin?“, fragte mich meine Tochter, als ich das Buch auspackte.

Um halb Sechs kroch ich zwischen den träumenden Leibern der Meinen hervor, es war dunkel. Unten machte ich ein paar Übungen, um nicht zu zerbrechen. Stille und ich in ihr, schönste Eins-amkeit.

Spät am Abend, als endlich alle Pflichten erfüllt, findet ein Gedichtband in meine Hände. Lyrik zu lesen ist eine Art von Meditation. Innehalten, Einlassen, Ruhigwerden, bis ich die Stille höre.

„langsam fließt das denken ab“, schreibt Lutz Seiler in seinen Gedichten „schrift für blinde esel“. Meditation kann auch Ausschreiten sein, schweigend in der Natur, im „langsam atmenden schatten der Bäume“, „abzusacken im geflüster der moränen“.

In der Stille höre ich den erstarrten Strom der Moräne, auf der ich lebe. Den Gesang der Sterne. Die Welle meines lautlosen Atems. Ich denke an Adolf Endler, auch er ein ‚Ostautor‘ wie Lutz Seiler, doch seine Lyrik eine ganz, ganz andere, und trotzdem liebe ich seinen Titel „Dies Sirren“, in dem ich nicht Mücken höre, sondern die Nacht selbst, das Gestein, den Baum oder auch den Sommer, in dessen Korn es knackt und flüstert wie das „susurrus“ bei Terry Pratchett und auch ich gehöre zu denen, die diesem Wort verfallen sind.

Welch merkwürdige Kombination von Autoren, denke ich mir, und da geht der Kühlschrank an und zerstört den Gesang der Stille und ich weiß wieder, wie spät es ist.

Bangkok im Schnee

„Das fühlt sich an wie Bangkok“, sagt meine Frau, als ich ihr von dem gebratenen Reis schöpfe, den ich mir zum Frühstück gemacht habe. Ich blicke zum Fenster hinaus. Ein scharfer Wind treibt Schneeflocken heran. Ich höre durch die Scheiben hindurch das Rauschen der Bäume. Der Boden ist seit Tagen weiß.

„Es schmeckt auch wie Bangkok“, freut sich meine Frau.

Von Bangkok habe ich keine Ahnung, aber ich weiß, dass ein kräftig gewürzter, gebratener Reis genau das Richtige für mich zum Frühstück ist. Erst recht, wenn die Nacht wieder kinderintensiv war, meine Augenfalten sich tief wie Schluchten und mein Rücken fragmentiert anfühlen. Ein Katerfrühstück nach dem ganz normalen Leben.

Eigentlich könnte ich gebratenen Reis jeden Morgen essen. Gelegentlich im Wechsel mit einer scharfen Suppe. Brot und Croissant, Müsli und Porridge, was wollt ihr mir denn dagegen bieten? Ich sollte Chili und Ingwer züchten oder zumindest Zitronenbäume und nicht Kohl und Karotten aus dem Garten meiner Ahnen essen! So gesehen bin ich in der falschen Welt aufgewachsen, denke ich mir und beiße in ein Dinkelvollkornbrot mit Orangenmarmelade.

Köstlich.

Vielleicht sollte ich mir noch eine zweite Scheibe streichen.