Archiv des Autors: zeilentiger

Es wandelt mich

In innerer Abwehr. Ein Gefühl von Mattigkeit, Rückzug, Flucht. Warum kann ich so oft nicht ertragen, wer ich bin?

Der Kastanienbaum rostet, überhaupt ist alles schon Herbst: die Sanftheit von Klang und Licht, auch wenn die Sonne mehr wärmt als in zu Wochen zerflossenen Regentagen im Sommer.

Es ist ein Sterben – zugegeben ein schönes Sterben, ein langsames Loslassen in Würde und Lächeln. Trotzdem ist der ersehnte Höhepunkt des Jahres schon wieder vorbei. Seit Jahren erscheint mir der Sommer immer flüchtiger, doch dieser war wie gestohlen. Das Paradies eines Lebens mit nackten Schultern ist selbst als gedanklicher Entwurf kaum mehr greifbar. Vielleicht haben wir so auch andere Paradiese vergessen.

Das Schöne am Herbst aber werden jene Abende sein, an denen sich die Luft wie klares, kühles Wasser trinken lässt, voller Staunen und in gierigen Schlücken.

Unter Männern

Am Morgen zieht es in den Knien, gefroren hatte ich aber nachts nicht, auch wenn meine Decke eher dünn war für die frühherbstliche Nacht.

Es ist gut, an einen Ort zurückzukehren, an dem Männer sind, mit denen ich schon einmal etwas durchgemacht habe, auch wenn ein solches Seminar nicht ganz leicht ist unter den Bedingungen dieser Zeit.

Es ist, denke ich mir am Abend, vielleicht auch eine Art von Vertrautheit, die Männer füreinander empfinden, die zusammen gekämpft und geblutet haben. Mit dem unüberbrückbaren Unterschied, dass dort eine Geschichte aus Gewalt und Entsetzen geschrieben wird, wir aber eine Reise in die Berührbarkeit und Liebe gehen.

Ja, als wir uns in einer ersten Übung, in einer ersten Begegnung in die Augen schauen, wortlos und viele Augenblicke lang, ohne Panzer und ohne Wertung, da spüre ich, ganz durchlässig, Liebe. Ich bin Liebe.

Dann sind wir wieder all die Individuen, mit ihren je eigenen Geschichten, ihren Prägungen und Wertungen, ihren Filtern und Schutzmechanismen. Aber wir wissen zugleich: Da ist mehr, und dieses Wissen kann uns niemand mehr nehmen.

Wörter malen

Um halb Acht war ich joggen, es war bereits heiß zu einer Uhrzeit, zu der im Winter noch nicht einmal die Sonne aufgegangen ist.

Jetzt hört man wieder das Wort Tropennächte. Hier auf den Grünen Hügeln haben wir die nicht, da kühlt es nachts zu sehr ab. Für Tropennächte müsste ich in die Städte und die Ebenen, um die Hitze bis zum letzten Schluck auszukosten. Gut geschlafen habe ich trotzdem nicht, auch wenn das Wort Tropennächte für mich mehr Sehnsucht weckt als Schrecken.

Nach dem Laufen bleibt mir ein kleines Zeitfenster zum Schreiben. Meine ältere Tochter klettert mir auf den Schoß, kuschelt sich an mich und sagt „Papa lieben“. Da ist an Schreiben nicht zu denken. Ich erkläre ihr, was Worte sind, dass sie gesprochen, aber auch geschrieben werden können, mit der Tastatur, dem Kugelschreiber, dem Bleistift.

Die Tochter sagt etwas, was nach Bleistift klingt, und dann „malen“. Wörter können auch gemalt werden, das ist wahr. Das Wort, das sie nun malt, kann ich nicht lesen. Ich kenne die Schrift nicht, vielleicht verwenden sie Tentakelwesen am anderen Ende der Galaxie.

Das Kind rutscht hinab, stöbert herum und kommt mit einem Büchlein wieder, das einem Notizbuch ähnelt. „Deiben“, kommentiert die Tochter und will also nun nochmals schreiben. Oder vielleicht auch lesen. Denn sie schlägt das Buch auf, ein Kundera, den sie immer wieder herauszieht, ausgerechnet Kundera, den ich nicht so besonders schätze. Dann lese ich einen Halbsatz vor und lasse es wieder.

Manchmal trägt sie den Milan Kundera unter dem Arm herum, oder Paul Auster oder Toni Morrison, zwischen Ellbeuge und Achsel geklemmt mit der Haltung einer gewissenhaften Studentin, und stolziert so herum, bis sie sich wieder erinnert, wer sie wirklich ist und sich an die Mutter wirft, an deren Brust ihr junges Geschwister trinkt.

*

P.S. Einen Beitrag Gemalte Wörter gibt es bereits auf meinem letzten Blog.

Der schönste Augenblick

… als wir aus dem Wald schnellen wie der Habicht im Flug und die Welt aufblitzt, wir hineinsausen in ein erstes Versprechen von Sommer, vorbei an Gehöften, in deren Gärten Menschen zusammensitzen, die schmale Straße hinab ins Tal, das leuchtet im hellen Schnitt seiner Wiesen, und auch die Eschen endlich ihr erstes, noch zartes, nur auf die Nähe überhaupt erst erkennbares Laub zeigen, fast Wochen später als in den letzten Jahren nach dem langen kalten Frühling, wann bitte war das Frühjahr das letzte Mal so lange kalt und wann der Wind so quälend, aber hier nun dieses Versprechen von Sommer, die Weite des Tals, die gemähten Wiesen, die grünenden Eschen und jenseits und über allem der Saum der Alpen, noch halb von Schnee bedeckt, und so wie diese weißen Berge krönen, so ist das Herz inmitten des Augenblicks da vor mir meine Frau und die beiden Kinder im Hänger, und fast glaube ich Jubelschreie zu hören, das wären dann wohl wir.

„Das ist doch Quatsch, das ist Senf“

Der Weg zum Galgenhölzle ist eine Wüstenlandschaft en miniature, geformt und geschliffen vom scharfen Ostwind, der seit ein paar Tagen weht. Jenseits des Scheitels der Schneedünen sammeln sich Schatten. Die flachen Rücken der Dünen fallen in Terrassen ab, gehärtet von den eisigen Temperaturen. Den Menschen tragen sie noch nicht. Der Fuß bricht ein, Platten aus Schnee brechen rings um den Schuh auf: drei, fünf, zehn Zentimeter stark unter dem hellen Februarlicht.

Ich bezweifle, schon einmal einen Winter erlebt zu haben, der so unbeständig ist wie dieser. Um Weihnachten herum bis ins neue Jahr war ich krank, alles war Düsternis und an das Wetter habe ich keine eindeutigen Erinnerungen. Seither aber kippt der Winter vom einen Extrem ins nächste. Der Schnee eines Monats fällt verdichtet in wenigen Tagen herab, türmt sich zu Bergen, nur um in plötzlich und viel zu warm einbrechendem Tauwetter fast in Stundenfrist zusammenzuschmelzen. Erneuter Schneefall, dann stürmische Winde aus West und Verwehungen, die jede Fahrt vom Hügel herab zum Abenteuer machen, blitzschnell Frühlingsgehabe, nochmals Schnee und dann beißender Wind aus Ost und die Verwehungen kriechen von der anderen Seite her über alle Wege und Straßen.

Ruhe, winterliche Ruhe, kehrt nicht ein, stattdessen Purzelbäume zwischen Saharasand und arktischen Strömen. Zumindest die Vögel halten die Minusgrade nicht ab, im Licht des Februars ihren Gesang anzustimmen.

Zur weiteren Naturbetrachtung komme ich nicht, denn Kind und Frau treten auf den Plan. Letztere kommt barfuß über den Schnee. „Ich muss meinen Kreislauf irgendwie in Schwung bringen“, seufzt sie. Später schauen wir ein Kinderbuch an. Die Tochter (knapp anderthalb Jahre, der Rede, von einem halben Dutzend Wörtern abgesehen, noch nicht mächtig) entdeckt auf einem Herbstbild Weintrauben. Sie liebt Trauben. „Da da da!“, deutet sie auf die Früchte und schaut uns erwartungsvoll an.

Meine Frau erklärt ihr, dass es Trauben zur Zeit nicht gibt (jedenfalls nicht auf der nördlichen Hemisphäre und welche aus Chile oder Südafrika kaufen wir nicht, aber das erklärte sie der Tochter nicht). Das Kind beginnt zu weinen.

Trauben gibt es nicht, erklärt die Mutter weiter, aber Rosinen – das sei ja praktisch das Gleiche, nur getrocknet. Rosinen liebt die Tochter auch. Also gehe ich mit ihr zum Küchenschrank und hole die Packung Rosinen heraus. Auf dem Etikett sind pralle, grüne Trauben abgebildet. Im Beutel liegen dunkle, schrumpelige Rosinen. Meine Tochter schaut mich unzufrieden an und tippt auf das Bild. Also erkläre ich geduldig und dreimal hintereinander, was ihre Mutter ihr eben schon gesagt hatte. Endlich greift das Kind in den Beutel und schiebt sich eine Handvoll Rosinen in den Mund. Quod erat demonstrandum.

Wir kehren zum Buch zurück und sofort tippt die Tochter wieder auf die herbstlichen Weintrauben und beginnt zu jammern. „Gib ihr doch nochmals ein paar Rosinen“, bittet mich meine Frau. Doch die interessieren die Tochter nicht mehr. Sie zieht mich zum Kühlschrank. Ich nehme sie auf die Arme und öffne die Tür. Die Tochter scannt den Inhalt. Hm, keine Trauben, so was Blödes. Dann greift sie nach dem Tamarindenmark. Davon hatte ich am Vortag etwas zum Kochen verwendet, während sie mir zugeschaut hatte. „Das kannst du so nicht essen, das muss man erst einweichen“, sage ich ihr. Dann eben etwas anderes. Das Kind sucht umher und tippt auf ein Glas Senf.

„Das ist doch Quatsch, das ist ein Glas Senf“, meine ich. Unsere Tochter isst im Grunde alles, was wir auch essen. Alle Gewürze, in bescheidenem Maßen sogar Chili, und am allermeisten liebt sie Oliven, eingelegte Kapern und Käse, den ich nicht hinunterbekommen würde.

Aber Senf, nein, den verabscheut sie.

Die Sonne geht inzwischen unter und der grimme Ostwind weht noch immer. Morgen aber wird das Wetter kippen, die Temperaturen auf plus 10 Grad schnellen und alles wieder einmal schlagartig anders werden. Wenn man da nicht …

„Du, die Tochter braucht eine neue Windel. Magst du?“

Gang aus der Schwitzhütte

Barfuß gehe ich zur Schwitzhütte hinunter, das Handtuch über der Schulter, auf der anderen schmelzen Schneeflocken. Unter den Füßen knirscht das frische Weiß. Lange habe ich dieses Geräusch nicht mehr gehört. Sonst Stille, wie sie Schneefall immer bringt. Nur die Bäume raunen, als wehte ferne ein Wind.

Den Schreibtisch habe ich halb freigeräumt. Nur freier Raum kann sich füllen, dachte ich mir. Die Fülle ist ja ganz woanders, in engen Grenzen, im engsten Kreis, ganz wörtlich zu verstehen: Familienleben, Alltag zwischen Bewältigung und der Freude am wachsenden Kind. Viele Felder liegen da brach, ich schreibe kaum mehr etwas für den Blog, ich lese kaum mehr etwas auf den Blogs anderer, Kommunikation eingestellt, habe die meiste Zeit vergessen, dass es diese Welt überhaupt gibt.

Der Wolf Andreas, las ich vorhin nun doch, sitzt auch im Schnee, er saß, so schrieb er, und sah das Grauen. Ein paar Stunden Fernsehen ist erschütternd, das weiß ich, das passiert mir alle zwei Jahre mal, dass ich mich irgendwo und allein einem Fernsehgerät stelle, und manchmal träume ich danach schlecht. Und ich frage mich, für wen ist das gemacht, wer will das, wer ist das. Dann muss ich aufpassen, mich nicht in die Verachtung zu retten. Besser frage ich mich, vorsichtshalber: Wenn das da die Welt da draußen ist, habe etwa ich den Kontakt zur Wirklichkeit verloren?

Die Tür zur Schwitzhütte ziehe ich hinter mir zu. Taste mich mit den bloßen Füßen über die Steine, versenke sie im Schnee, ertaste den jungen Winter. Ziehe das Handtuch vor Hals und Brust. Dampfe. Schweißperlen zittern auf meiner Haut oder vielleicht bin ich es, der zittert, und es ist noch immer still und weiß und nur die Bäume raunen, als wehte ferne, sehr ferne ein Wind.

Es gibt so viele Wirklichkeiten.

Lichter Nebelung

Im Sommer vermisse ich die Glut, das ist wahr. Ein Trost sind die vielen Sonnenstunden in den kalten Monaten. Dann liegt der Nebel oft unter uns, im Flusstal, im Unterland gen Norden. Dieses Jahr zeigt sich der Nebelmonat ganz besonders licht. Ich weiß nicht, ob ich im Allgäu je zuvor einen solch sonnigen November erlebt habe. Dieses Geschenk nehme ich gern an.

Erst recht, wenn es sich mit einem zweiten verbinden lässt. Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, einen Nachmittag alleine draußen zu sein, frei schweifen zu können, um neue Wege zu gehen und sie in Beziehung zu setzen mit Orten, die ich bereits kenne. Heute habe ich eine solche Gelegenheit. Ich suche mir einen Punkt auf einer Linie, die ich bereits einmal gegangen bin, und schreite von diesem weiter aus. Jeder Schritt wird nun zu Entdeckung.

Schattseitig sind die Wiesen weiß, die Grashalme umfangen von Eiskristallen. Wo ein Sonnenstrahl den Boden erreichte, erscheint Farbe: Grün, mit einem Stich von Braun. Überall sind Höfe über die Hügel verstreut, vereinzelt oder in losen Grüppchen zu Weilern geformt. Laufenten watscheln an gefrorenen Teichrändern entlang, Kinderspielzeug steht im Hof. Meist sind es Zugmaschinen – Traktoren – mit Tretpedalen, auch dort, wo die Höfe längst nicht mehr bewirtschaftet sind. Auch unsere Tochter hat Freude an einem solchen Traktor. Sinkt die Popularität dieser Spielzeuge in den Städten?

Ich steige an einer Reihe von Buchen entlang einen Feldweg hinauf. Oben schließt sich ein Teersträßchen an. Ein Mann und drei Buben schlagen Markierungspfähle an den Straßenrand. Nächste Woche soll Schnee kommen. Der Horizont liegt in einem weiten Bogen unter Nebel, sehr dunkel im Norden, grau im Osten bis an die Alpen heran. Erst das Massiv der Zugspitze leuchtet wieder in der Sonne. Ich frage mich, nicht zum ersten Mal, wie viele Tage ich von zuhause aus wandern müsste bis an ihren Fuß.

Im Tal der Rohrach schlage ich einen Bogen zurück. Ein Landwirt hat hier eben noch Gülle ausgebracht auf den gefroreren Boden. Einsickern kann sie kaum. Ich wate hindurch an den nächsten Waldrand, tiefer in die Einsamkeit des Tales hinein, am Wüten von Bibern vorbei, die bereits den halben Baumbestand am Gewässerrand abgeholzt haben. Später an der Sägerei lasse ich den Bach links liegen und steige über einen Pfad auf den nächsten Hügel hinauf.

Gegen Sonnenuntergang bin ich zurück am Wagen. Es ist eiskalt. Ich bekomme die Tür nicht auf, probiere es immer wieder, fluche, spekuliere schon damit, dass mich jemand mit dem Zweitschlüssel abholen müsse. Dann entriegelt sich die Tür doch noch beim zehnten oder zwölften Versuch. Später höre ich, dass Autofahrer angehalten haben, um den prächtigen Sonnenuntergang zu bewundern. Ich bemerkte davon nichts im Schatten des Hügels, als ich endlich den Motor starte. Die Wand im Osten rückt dem schwindenden Lichte nach.

20 Minuten später liegt die ganze Welt unter Nebel. Dann Dunkelheit.

Drinnen im Schein der Kerze gurgelt Tee in die Tasse.

Es raucht

Kürzlich kam einer in die Wohnung herein, ohne zu klopfen, ohne zu grüßen. Vielleicht grüßte er nur deshalb nicht, weil er unsere überraschten Gesichter sah und dann auch nicht recht weiter wusste.

Es war der Ofenbauer, der nach dem Lehmofen schauen wollte, an dem etwas kaputt gegangen war. Der Handwerker wusste wohl noch nicht, dass wir jetzt in den Räumen wohnten, wo bei seinem letzten Besuch noch meine Mutter gewohnt hatte. Sie hatte ihn benachrichtigt und er hat sie sicherlich draußen im Hof getroffen und war dann einfach hereingekommen, weil er dachte, sie weiß ja Bescheid, dass er da ist.

Meine Frau hat mehr Freude am Kommunizieren als ich und so besprach sie sich mit dem Ofenbauer: Was fehlt, was müssen wir tun, was braucht der Handwerker für sein Tun. Seine Reaktionen fielen denkbar knapp aus. Auf manche Fragen reagierte er einfach gar nicht und wenn es gar keinen Ausweg gab, entließ er zwischen halb zusammen gepressten Zahnreihen ein einzelnes Wort. „Noi“, zum Beispiel. Nur „Na“ wäre noch kürzer gewesen. Meine Frau will es ja gerne genau wissen, woran sie ist, und hakte nach. Es half nichts. Der Mann quälte sich weiter mit seinen einsilbigen Antworten und da winkte ich hinter seinem Rücken meiner Frau zu: Aufhören! Lass den armen Mann in Ruhe!

Mit mir redete er dann. In zwar kurzen, aber grammatikalisch vollständigen Sätzen. Vielleicht hatte er Angst vor meiner Frau.

Eine Eigenheit unserer Wohnsituation ist, dass es immer noch nur eine Handglocke gibt für zwei Wohnpartien. Heute schellte es, als wir beim Mittagessen saßen. Ein großer, schwarzer Mann mit lauter Stimme stand draußen: der Kaminkehrer.

„Störe ich beim Mittagessen? Das tut mir leid“, brüllte er munter. „Ich muss erst einmal aufs Dach. Ich weiß ja, wo die Leiter steht.“

„Ich sehe schon, du kennst dich aus“, ließ ich ihn gewähren. Wer weiß, wo unsere Leiter steht, den kann ich auch gleich duzen.

Ein paar Minuten später kam er nochmals herein, um die Kamine von innen zu entrußen. „Und M. [meine Großmutter] ist auch da?“, neigte er den Kopf Richtung Nebenhaus.

„Ja, aber sie macht gerade ihren Mittagsschlaf.“

„Dann komme ich einfach um halb 3 wieder. Passt das? Es ist ja so: Immer wenn ich zur M. komme, sehe ich den Rudl vor mir! Als wäre er noch da. Jedesmal wieder! Wie lange lebt er schon nicht mehr?“

„Das muss 2003 gewesen sein, meine ich.“

„Ja so was! Wie die Zeit rennt! Und ich sehe ihn immer noch vor mir“, rief er und machte sich auf den Weg.

„Noh an scheene Namittag“, brüllte er noch über seine Schulter zurück, „und bleibats gsund!“

Das wünschen wir auch, sagte ich zur geschlossenen Tür.

Tischwechsel

Im großen Tischerücken hatte ich meine neue Insel gefunden. „Du wirst noch anfangen, Gedichte zu schreiben“, scherzte meine Kollegin mit dem französischen Akzent. Ihr Kopf deutete zum Fenster hin.

„Dann müsst ihr aufpassen“, entgegnete ich. „Sobald ich sinnierend in die Ferne schaue und nur ein paar Wörter mit dem Bleistift auf Papier bringe, dann ermahnt mich.“

Ich habe es dann gleich ausprobiert. Ermahnt hat mich in den drei Minuten niemand.

*

Früher musste den Kopf ich wenden
für eine Breitseite aus Blau
und gelegentlich einen Gipfel
jenseits der Wälder.
Nun halbiert eine Lagerhalle
die Weite, wenn ich den Blick hebe,
und statt den Alpenspitzen
tanzen Männer über ein Dach,
das für den Winter
ein neues Kleid erhält.