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Als gäbe es kein Morgen

Gegen Abend sind wir noch losgeradelt in eines der umliegenden Dörfer. Das Freibad dort kenne ich aus meiner Kindheit. Sicherlich 30 Jahre war ich dort nicht mehr schwimmen gewesen. Es ist ein sehr einfaches Freibad: ein ummauertes Becken unterhalb der Straße, eine Stange trennt Nichtschwimmer- und Planschbecken ab vom Rest, ein bisschen Wiese, kein Zaun, kein Kassenhäuschen. Kein Sprungbrett, keine Rutsche, kein Spielplatz, kein Kiosk, keine Bänke, nichts von alledem. Nur ein paar Wasserpflanzen im kalten, klaren Wasser und vielleicht ein paar Pferdeegel, die wir immer Blutegel nannten, obwohl sie nicht an Menschen gehen und uns trotzdem schaudern ließen. Das Wasser in diesem Freibad ist nicht nur kalt. Es ist furchtbar kalt. Eine Quelle bricht aus dem Hang, sie speist das Becken und auf der anderen Seite des Beckens ist sie dann schon Dorfbach.

Als wir mit dem Rad auf den Kiesweg einbogen, kam ein Jugendlicher herauf, eine Sporttasche über die Schulter geworfen. Ich grüßte ihn und er grüßte offen, fast herzlich zurück, als kenne er mich. So grüßt man nur an einem Ort, wo jeder jeden kennt. Im Freibad herrschte auch an diesem Abend kein Gedränge, das tut es nie. Ein paar Mädchen tollten mit einem Schlauchboot herum. Eines kam auf uns zu: „Kann jemand von euch ein Foto machen?“ Ohne Scheu sagte es das Mädchen und ganz selbstverständlich verwendete es die persönliche Anrede, als gäbe es hier keine Fremden, könne hier niemand fremd dem anderen sein. Ich knippste ein paar Mal drauflos, dann fragte ich, fast schon vergessen, wohin ich das Handy legen dürfe. „Einfach auf das Handtuch da drüben!“

Später gingen sie und ließen das Schlauchboot zurück, die Schnur um eine Stange gelegt, und dann waren außer uns nur drüben noch ein paar Jugendliche, die den Abend genossen, ein bisschen Bier, kein Krakeelen. Sie verließen das Bad fast zeitgleich mit uns, quetschten sich in ein kleines, altes Auto und machten sich lachend davon, als warte das Leben noch mit einem Versprechen auf sie, als gäbe es kein Morgen.

Nur noch das Schlauchboot lag da, ungesichert, frei von Angst vor Diebstahl und Sachbeschädigung oder was uns sonst immer auch dazu bewegt, Dinge festzuketten oder einzusperren. Etwas Seltenes, ja Seltsames umwehte uns hier: der flüchtige Geist der heilen Welt. Als wir auf die Sättel stiegen, fühlten wir uns jung. Vergessen das Altern von Geist und Seele. Vergessen die Herausforderungen unserer Zeit, der vergiftete Atem unserer Gesellschaft, der sich darin eilt, Schuldige zu suchen, je pauschaler und aberwitziger, umso besser, nur nicht in sich selbst. Vergessen jedes Müssen, Sollen, Dürfen.

Wir radelten in die untergehende Sonne, den Duft der Jugend in der Nase, als würde der Sommer ewig gehen, als gäbe es kein Morgen.

Ein paar Schritte nur

Ein Esel schreit, ein Schaf blökt, ein paar Grillen singen. Die Vögel aber schweigen in der Reife des Sommers. Strohgelbe Felder und goldenes Korn künden von Abschied. Daran ändern auch die Schweißbahnen am Körper nichts. Gluthauch hingegen ist nicht mehr. Das schafft der Sommer nicht mehr, nicht hier draußen außerhalb der Kesselstädte.

Für zwei Tage war ich hinaus, mit alten Freunden wandern, die Familie zuhause. Was ich nicht fand, war Glück, und das Ziehen von Linien mit den eigenen Füßen über die Welt bedeutet mir nichts mehr. Ich spürte es nicht zum ersten Mal, bei den letzten Wanderungen hatte die Freude am langen Gehen, am weiten Ausschreiten bereits zu versiegen begonnen. Anderes steht an.

Diese Entschleunigung aus der Entschleunigung wird noch weitergehen. Je besser die Tochter selbst geht und gehen wird, desto weniger lässt sie sich tragen. Und umso mehr will sie selbst einen Fuß vor den anderen setzen – noch an unserer Hand, aber in ihrem Tempo. In ihrer eigenen Welterkundung, jeder Schritt ein Geschenk aus Entdeckungen. Dann wird sie jeden einzelnen Stein umdrehen, wie das Kinder eben machen. Die Kunst für mich wird sein, die nächste Kurve als Horizont zu akzeptieren lernen. Das heißt dann auch: Die Beobachtung aufs Kleinste richten. Anderen ist das gelungen, selbst beim Abschreiten eines Zimmers nur. (Was sich bei Reisen dieser Art entdecken lässt, zeigte übrigens jüngst der Blog https://alltagseinsichten.com/.)

Ein Esel schreit, ein Schaf blökt, ein paar Grillen singen, das ist dann so etwas wie schwäbische Albidylle. Die beiden Freunde aus Studientagen – bald kennen wir uns länger, als dass wir uns nicht gekannt hatten – sind noch Autos rangieren, damit wir morgen am Ende der Wanderung wieder alle nach Hause kommen. Ich entzünde ein Lagerfeuer und staune wieder einmal, wie leicht das mit Anzündern geht. In meiner Erinnerung an die Kindheits- und Jugendtage, als wir das Haus mit Holz heizten und mit klammen Fingern gespaltenes Holz schichteten in den Öfen, gab es keine Anzünder, jedenfalls war mir das Feuermachen, anders als meinem Vater, verhasst.

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages beleuchten den gegenüberliegenden Hang – trockenes Gras, Felsen, Wacholder, Kiefern –, davor schlängelt sich die Lauter. Diesem Bach werden wir am nächsten Tag folgen bis dorthin, wo er am Südrand der Schwäbischen Alb in die Donau mündet. Die Freunde werden anschließend wieder nach Norden fahren und ich in die entgegengesetzte Richtung. Ich freue mich jetzt schon, meine Tochter wiederzusehen und sie auf die Arme zu nehmen. Ich vermisse sie. Nicht durchgehend, aber doch zu der Zeit, in der ich sie vielleicht ins Bett gebracht hätte, wäre ich zuhause. Ich vermisse sie, obwohl ich sie doch erst am Morgen noch gesehen hatte. Das hätte ich früher nicht gedacht, dass ich so empfinden würde. Gestern, als sie unerwartet drei freie Schritte auf mich zugetan hatte, spürte ich vor Ergriffenheit eine Träne im Augenwinkel. Auch das hätte ich nicht erwartet von mir.

Neue Erfahrungen erlauben uns, uns immer wieder selbst zu überraschen. Das, begreife ich, ist ein Schatz, den wir in uns tragen.

Assumptio Beatae Mariae Virginis oder: Warum sagt mir das keiner

Am Samstagmorgen bin ich extra noch nach München hinein, um ein Buch zu besorgen. Auf den letzten Drücker natürlich als Geschenk für eine Freundin, die am selben Abend ihren Geburtstag feiert in einem israelischen Restaurant. Ich habe am Stachus geparkt, stehe vor dem Hugendubel und die Tür ist zu. Ich schaue auf die Uhr und sehe, es ist fünf Minuten vor 10 Uhr und der Hugendubel macht ja erst um 10 Uhr auf. Warte ich also und dann ist es 10 nach 10 und immer noch kein Mensch, der den Laden aufschließt. Was für eine Sauerei, denke ich mir. Eine Frechheit, da müsste ich mich eigentlich beschweren und bei der Zentrale von Hugendubel anrufen. Das tu ich dann glatt auch und lege los: Was soll das eigentlich soll, 10 nach 10 an einem Samstagmorgen und die Filiale immer noch zu? Tut uns leid, aber da müssen Sie lange warten, ist die Antwort, heute ist doch Feiertag. Feiertag?, rufe ich. Und warum sagt mir das keiner?

Ja, warum sagte ihm das keiner? Mein Freund lehnt sich zurück und ich lache über seine Geschichte, wie ich bei all unserer Treffen lachen muss, weil es immer mitten hinein geht in ein neurotisches Großstadtleben. Meine Tochter sitzt auf meinem Schoß und schaut sich auf dem Rathausplatz der Provinzhauptstadt um. So viele Menschen sieht sie selten auf einmal und ich verstehe sie, ich ja auch nicht, und das nicht nur in Corona-Zeiten.

Warum also sagte ihm das keiner. Mariä Himmelfahrt ist ja auch ein kurioser Feiertag. Nicht nur seines Inhalts und seiner Geschichte wegen, sondern auch, weil er in Deutschland neben dem Saarland – pardon – nur in bayerischen Gemeinden mit einer katholischen Mehrheit als gesetzlicher Feiertag gilt. Wobei die Mehrheit praktischerweise nur eine relative gegenüber der protestantischen Bevölkerung des Ortes ist, sonst hätte nämlich der Hugendubel offen haben müssen. Und dann das Datum: Wer erwartet bitteschön am 15. August, also abseits aller anderen Feiertage, in der letzten Glut des Sommers und mitten in den bayerischen Schulferien einen Feiertag?

Meine Großmutter vergisst ihn nicht. Sie bindet morgens verschiedene Heilpflanzen für die Kräuterweihe, gesammelt im Garten oder mitgebracht von den Wiesen überm Kreuzbachthal, wo ein paar Außenseiter und Reiche auf versteckten Berghöfen wohnen und eine von ihnen nur in der Unterhose bekleidet ihren Garten bestellt, es kommt ja eh kaum jemand vorbei. Nur oben auf der Kreuzleshöhe, von wo aus bei klarem Wetter der Bodensee zu sehen ist, wundert sich ein Radfahrer, warum er sich in die Weite hochgekämpft hat, um dann unter einer brummenden Drohne zu sitzen. Die steuert einer mit dem famosen Kennzeichen KE-RL-9000, um nur ein Detail aus dem Gesamtbild herauszugreifen.

Das Buch hat mein Freund übrigens dann doch noch bekommen – in Baden-Württemberg. Was zwar weit ist vom Stachus, aber doch vergleichsweise nur ein Katzensprung während seines Mittagsbesuches bei den Eltern im Allgäu. Fahr doch rüber, hatte ihm die Mutter am Telefon vorgeschlagen. Und weil du mein Sohn bist, rufe ich gleich mal an, ob sie das betreffende Buch auch haben. Hatten sie, sogar erst an diesem Morgen angeliefert, obwohl nicht einmal eine Neuerscheinung, so ein Glück muss man erst mal haben. Selig über diese Fügung und vielleicht auch ein wenig müde von der Fahrt erst nach München hinein und dann wieder hinaus bis über die Grenzen des Freistaates hinweg parkt mein Freund vor der kleinen Buchhandlung des kleinen Städtchens, das sich sehr gemacht hat seit seinem letzten Besuch vor Jahren. Passanten weichen dem Auto links und rechts aus, das irritiert ihn ein wenig. Im Laden sagt er dann deshalb auch: „Könnten Sie mir das Buch gleich geben? Ich habe nämlich das Gefühl, dass ich da draußen gar nicht parken darf.“ „Ihr Gefühl trügt Sie nicht, Sie stehen ja auch in der Fußgängerzone.“

Dabei, sagt mein Freund nach einem Schluck aus der Kaffeetasse, beschwöre ich bei allem, was mir lieb ist, dass da am Tor der Altstadt kein Schild angebracht war. Kein Schild!

Man hätte es ihm vielleicht sagen sollen.

Das Maß an Geschwindigkeit

Abends holte ich noch einen Freund am Autobahnkreuz ab. Die Tankstelle war überfüllt. Es waren nicht die Menschen, die hier üblicherweise ihre Mitfahrgelegenheit suchen oder verabschieden, sondern junge Leute, die mir austauschbar erschienen, in sauber geputzten, mir vage merkwürdigen Autos. Ein paar saßen in Klappstühlen oder umlagerten die parkenden Wagen, andere fuhren in ihren Fahrzeugen hin und her und hin und her. Da begriff ich erst, dass die Tankstelle nicht nur Feierort für junge Leute in Zeiten von Corona war, sondern mehr noch, Anlaufstelle für getunte Autos. Immer mehr Fahrzeuge mit Spoilern und Heckflossen fuhren ein, ließen ihre Motoren heulen, Auspuffe krachten, jeder Fahrer sah ähnlich gegelt und austauschbar aus und für gewöhnliche Tankstellenkunden schien gar kein Platz mehr in diesem Treiben.

Ich parkte neben der Ausfahrt eines Autohauses, kein Ort, an dem ich ein Auto abstellen würde, aber ich wollte es ja gar nicht verlassen, ich wartete nur auf das Fahrzeug aus Leipzig, das einen Freund ausspucken und sich dann wieder auf die Autobahn schwingen würde. Mein linker Arm hing aus dem Fenster hinaus, die rechte Hand tippte auf dem Handy herum, mein Blick ging immer wieder suchend umher, um jedes Mal wieder bei dem absurden, ja mir unfassbar erscheinenden Schauspiel vor mir zu landen. Schon drehten sich ein paar der jungen Leute zu mir um und ich ahnte die Frage, was will der alte Knacker da, vielleicht lachte sogar jemand höhnisch auf, der will doch nicht etwa ein Rennen fahren. Ich fühlte mich an einen todlangweiligen Film erinnert mit dem frühen Harrison Ford, der in den Sechzigerjahren spielt und in dem andauernd junge Leute in Autos hin und herfahren, als bestünde der Sinn ihres Lebens in nichts als dem Cruisen.

Ein Polizeiwagen bog herein und ich fragte mich, wie oft sie an Freitagabenden hier wohl patrouillierten, aber da sah ich N. im schwarzen T-Shirt und mit der Tasche in der Hand, schlank und etwas abgekämpft von der Fahrt und ich winkte ihm durch das offene Fenster zu.

Am nächsten Tag stiegen wir auf den Schönkahler. Eine Genusstour, wie man so sagt, kein großes Ding, nicht einmal 1700 Höhenmeter hat der Berg. Von Genuss erst einmal keine Rede, die meiste Zeit ging es auf Forstwegen hinauf und später wieder auf Forstwegen hinab, öder ist da nur noch Asphalt. Erst ab der Pfrontner Alpe, an der ein paar Hühner auf dem Misthaufen scharrten, dann Pfade über Bergwiesen und Glockengeläut von Vieh, malerisch ein einzelner Laubbaum über einem Felsenband und recht bald der Gipfel. Der Ausblick dort dann doch schön, tatsächlich in jede Richtung sehenswert und netterweise pausierte das Wolkentreiben gerade jetzt und ließ auch mal Sonne durch. Erst als wir wieder abstiegen, machte es wieder zu. Manche Wolken trieben so dunkel, als wollten sie gleich ihre Last abladen, aber nein, ihre sie trugen ihre stumme Drohung weiter, sollten doch noch ein paar weitere Menschen erschrecken.

Wunderbar dann auf dem Rückweg der schmale Pfad ins Himmelreich hinüber, zwischen den beiden Ächsele hindurch, kaum ein Mensch unterwegs, nur ein paar Bremsen, die uns die Waden blutig stachen, sonst Stille, Weg, Gehen.

Am Feuer

Zur Hochzeit eine Feuerschale geschenkt bekommen. So in etwa könnte ich diese Zeilen einleiten, auch wenn der Satz nicht in jeder Hinsicht wahr ist. Er ist doch wahr genug.

Ich entzünde die Schale, nun allein, auf der Wiese, auf der wir gefeiert haben. Es ist ein friedlicher Ort, von vier Seiten von Bäumen umgeben, die der Großvater und dann meine Mutter gepflanzt haben. Nach Süden hin, jenseits des Gartens, den meine Großmutter immer noch eigenhändig pflegt und hegt, stehen die Bäume niedriger und lassen einen Blick auf die Alpen zu. Heute sind die Berge verdeckt, von Wolken, wie sie auch hier den ganzen Tag über uns hinweg gezogen waren. Ein denkwürdiges Wetter, der April von einst im sommerlichen Gewand: Wolkenbänke und Sonnenschein, Düsternis, Nieselregen und wieder schwüle Hitze, Gleißen und Donnergrollen, Gewitterwind, nochmals Licht, welches das Blau der Libellen funkeln lässt, dann erst der erwartete Schauer und so weiter.

Das Feuer lodert, Falken stoßen droben ihre Schreie aus, Bienen summen in der hohen Linde hinter mir, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu nutzen. Ich stutze und drehe den Kopf. Die Linde hat doch schon ausgeblüht. Summt es im Ahorn daneben? Aber auch er blüht nicht …

Im sinkenden Licht ziehe ich mir etwas Langärmeliges über. T-Shirt-warme Abende gibt es hier auf dem grünen Hügel nicht. Sie sind seufzende Erinnerung an meine Zwischenjahre in der Stadt. Dann lehne ich mich zurück.

Der Platz allein vor dem Feuer ist eine Auszeit, so wie die Stunden am Klavier die letzten Tage eine Auszeit waren, eine Auszeit anderer Art. Jene verlangen ein Tun, dafür ist ihr Geschenk, mich schwingen zu lassen auf einer Seinsebene, die nicht mehr verlangt vom Leben. „Musizieren wirkt wie meditieren“, ist ein Onkel überzeugt. Etwas verändert sich im Gehirn, im Herzen, im Weltbezug.

Vor dem Feuer hingegen lasse ich. Es öffnet sich ein Raum, der meine Finger nach dem Notnotizbuch, wie Frau Wildgans es formuliert, greifen lässt. Papier raschelt, ein Stift fährt über das Blatt, Schrift in der Dämmerung. Das war lange nicht.

Fährten

Im flachen Uferwasser tummeln sich die Kaulquappen, eine Handbreit tiefer dürfte der Moorsee noch unwirtlich kalt sein. Menschen schwimmen noch nicht darin. Nur auf der Wiese liegen ein paar: Radfahrer bei ihrer Rast, drüben FKKler, denn der Weiher ist eines der wenigen Gewässer in der Region, an dem Nacktbaden geduldet wird seit altersher und immer noch, denn unsere Gesellschaft wird ja prüder.

Ich ziehe meine Hand aus dem Wasser und richte mich auf. Das Kind zappelt vor Freude auf meinem Rücken, es brabbelt ein bisschen vor sich hin, versucht über meine Schulter zu schauen, hat die Augen überall. Es ist gerne draußen. Wenn wir morgens als Erstes an den Gartenrand treten, ist sein Blick vollste Aufmerksamkeit – ganz wach und offen gegenüber den Phänomenen der Welt, den Farben der Blumen, dem Gesang der Vögel, dem Wogen der Zweige. Das registriere ich aus müden, von Furchen umrahmten Augen.

Von hier oben, am Eschacher Weiher, liegt einem das halbe Allgäu zu Füßen, und der Blick reicht frei über die Voralpen hin zu den noch weiß geschmückten Gipfeln. Ein Wölkchen ist als Zier in das Blau über den Bergen gesetzt. Neben blühendem Weißdorn machen wir Rast, ein abgeschiedenes Tal unter uns, Grillen singen, ein frischer Ostwind wütet im Haar, ansonsten Licht.

Interessant wird es, wo wir in den Abgrund hineinblicken, an dem wir stehen, sagte die kluge Graugans zu meinem letzten Eintrag. Wenn wir den Fragen nachgehen, sie erwandern, während wir Fuß vor Fuß setzen, und uns nicht nach ein paar streunenden Stunden abwenden, zurück in den Kreis der Familie. Ich stimme ihr vollkommen zu. Und so ließe sich auch aus den wenigen Beschreibungen und Gedanken der vorausgegangenen Absätze – ich lese die Zeilen noch einmal – etwas erwandern. Spuren sind da. Ich müsste ihnen nur folgen, unbeirrt ihrer Fährte folgen und wohin käme ich dann: Da ist Altern. Da sind Angst, Unfreiheit, Einsamkeit. Welche Düfte!

Aber diese Wanderungen gehören hier nicht hin, sie suchen einen anderen Ort.

Als wir über einen Pfad blühende Wiesen queren, fährt die Hand der Tochter immer wieder über meinen Arm. Es ist, als würde sie mich zärtlich streicheln. Das ist eine Form des Glücks.

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Am Trauf – Eine Wanderung

Das Schönste ist der Gesang der Grillen. Ich liebe den Sommer und ich liebe ganz besonders dieses Zirpen der Insekten, diesen Sound des Sommers. Oben auf den grünen Hügeln des Allgäus höre ich sie nicht. Es mag zu kühl sein, viel mehr noch wird es der Mangel an Lebensraum sein, der sie schweigen lässt. Die industrialisierte Grünlandwirtschaft lässt ihnen wenig Spielraum.

Zwei Autostunden Anfahrt sind ein großer Einsatz für eine Tageswanderung. Der Weg auf die Schwäbische Alb lohnt sich erst dadurch, dass ich mich mit einem Freund aus alten Tagen verabredet habe. An einem Parkplatz, an dem ich einmal eine Etappe beendet hatte, treffen wir uns, und da macht auch der kühle Morgenhimmel endlich auf und lässt etwas Sonne durch. Unser Weg aus dem Städtchen gleich eher einer Flucht. Es ist der Drang des Wanderers, die Zivilisation mit ihrem Asphalt, ihrem Motorenrauschen zu entgehen. Es ist auch der Wunsch, die Coronamasken hinter uns zu lassen. Was noch treibt uns an, frage ich mich im Stillen. Die Frage wird mich in den nächsten Stunden begleiten. Denn etwas hat sich verändert, wird mir klar.

Der Nordrand der Schwäbischen Alb ist oft schroff. Steil fallen die bewaldeten Hänge ab, immer wieder durchbricht Kalkfelsen das Grün. Über Dutzende von Kilometern verlaufen Waldpfade direkt am Albtrauf: gen Norden hin der Absturz, nach Süden hin hinter Bäumen und Büschen eine Ahnung der Hochebene, von Feldern, Äckern, Dörfern, und unter den Füßen Erdreich, Steine, Wurzelwerk, weiches Buchenlaub vom Vorjahr. Man kann Stunden so gehen, ohne zu ermüden, ohne sich zu langweilen. Gehen als Meditation.

Hier oben zwischen Bad Urach und Schloss Lichtenstein reihen sich Güter aneinander. Stolze, alte Pferdehöfe, das lauschige Schafhaus auf der Eninger Weide, der Stahlecker Hof mit seinen urtümlichen, weiten, baumbestandenen Weiden, Yaks grasen hier zwischen dem Bruchholz, Ziegen steigen über Astwerk und Stämme, die nächste Wiese ein Blütenmeer. Man könnte Wurzeln schlagen hier und schauen und schauen, denn so schön sieht man Viehhaltung selten.

Das lässt das Staubecken mit seinen dunklen Ahnungen vergessen, das wir eine Stunde oder so zuvor passiert haben. Drahtgitter, ein gigantisches Rund aus Beton, Warnschilder, drunten dann undurchdringliches Wasser und ein Rumpeln. „Ich weiß, ich habe zu viel The Walking Dead gesehen“, meint mein Begleiter. „Dort wäre es ganz klar, was das Rumpeln ist: ein paar Hundert Zombies, die da irgendwann hineingeraten sind. Man möchte gleich schneller gehen und leise sein dabei.“ Es rumpelt wieder, als wir den nächsten Pfad in den Wald einschlagen, und eine Weile sehe ich Untote hinter dem Gebüsch, ist die Welt reduziert auf das, was man bei sich trägt auf ewiger Flucht.

Nachmittags beginnen die Schmerzen. Für uns ist es beide mehr oder weniger Saisonstart, und da sind 26 oder 28 Kilometer kein Pappenstiel. Eine Ferse schabt am Schuh, die Füße ermüden, die Leiste und die Hüften melden sich, dann auch das Knie. Das Knie, das ist schlecht. Das sollte nicht sein, alles andere ist erwartbar. Unser Gespräch ist schon lange erebbt, wir passieren auf unserem Traufpfad eine aussichtsreiche Felsnadel nach der anderen, fallen in ein Marschdelirium, in dem alles verschwimmt, abfällt.

Freiheit? Nein, eine Frage bleibt, Kilometer für Kilometer: Warum mache ich das hier? Was war früher meine Motivation dafür und warum ist sie schwächer geworden, denn sonst würde ich mir diese Frage nicht stellen? Die Vermessung der Welt durch den eigenen Fußgang hat an Wertigkeit verloren. Zuerst war es mir Flucht, dann Anreiz für eine besondere Form der Welterschließung, auch Weltverbindung. Jetzt zieht es mich zurück in einen engeren, viel engeren Kreis. Ja, der Radius verengt sich mit Familie. Das Ausschreiten, das Streunen, die Verlockung des Horizonts, sie gehören in eine andere Lebensphase.

Und doch war es gut, diesen Weg heute gegangen zu sein. Darüber sind wir uns einig und denken eine gemeinsame Vater-Kind-Wanderung an. Glücklich mache ich mich auf den Heimweg, lasse das warme Land mit seinen Grillen und Buchenwäldern und Schafsweiden und weichen Dialekt zurück, rolle nach Süden, Süden, Süden, jubel schließlich auf, als ich endlich die Alpen vor mir sehe, wie ich es immer ganz unwillkürlich tue, und kehre nach Hause zurück.

Schwäbische Alb_Wandern_Albtrauf_HW 1

Andererseits

Es wäre schön, all die Namen der Pflanzen zu wissen, die da draußen gerade blühen, andererseits.

Genau einen Monat ist der letzte Beitrag auf diesem Blog alt, ist da viel passiert in diesem Monat, denke ich mir und will WordPress schon wieder schließen, andererseits.

Die Nacht eine der ermüdendsten, seit wir zu dritt sind, die Moral sowieso bereits darnieder – Ein-Tages-Midlifecrisis, wer es unbedingt gelabelt haben mag, das geht auch wieder vorbei –, in der Ahnung des Morgens wurde ich hinausgeworfen, um auf dem Lager vor dem Bücherregal noch ein wenig Ruhe zu finden, sprich: Energie für den Arbeitstag, aber das hat dann auch nichts mehr gebracht und dann noch der Shitstorm, wo ich doch vor meiner Abwesenheit noch manches zu klären hätte, andererseits.

Also Flucht aus dem Büro, ans Tischchen im Garten, Struktur schaffen, ganze Seiten fülle ich mit Aufgaben, die wir in der Wohnung in den nächsten Wochen noch erledigen wollen, Stare teilen kreischend das Blau über mir, schöner als jedes X-Wing-Geschwader, aber die TIE-Jäger haben mir eh immer besser gefallen, Schwärme von Staren also und selbst die Eschen stehen inzwischen grün, wenn auch noch nicht alle in ihrer Krone voll, und dann noch eine Seite und einen Kaffee und danach eine Romesco-Soße gemacht, extra viel Nüsse, dafür kein Knoblauch, ihr zuliebe, und zum ersten Mal Scamorza-Käse und mit Pilzen und Spargel aufs Brot und dann der Tag eigentlich auch schon wieder rum.

Andererseits.

 

Plopp

Nichts macht mir so Lust auf Bier wie Bücherkisten zu schleppen. Einmal habe ich die ganze Bücherwand allein 5 1/2 Stockwerke nach unten getragen, um niemanden damit belästigen zu müssen. Selbst ist der Mann und so. Ich hatte die Anzahl der Stufen ausgerechnet, ich weiß sie nicht mehr, ich weiß nur noch, dass mir Bier vielleicht nie so gut geschmeckt hat wie an jenem Tag. Jetzt sind es weniger Stufen und auf viel mehr Tage verteilt, aber das Bier schmeckt wieder, alkoholfrei, nach langer Zeit, in der ich ihm gar nichts abgewinnen konnte, und dazu die warmen Tage, wie ein früher Sommer, ich liebe diese Sonne, sauge sie auf, lege mich nackt zwischen die blühenden Bäume, mit einer Zeituhr, weil die Haut ja noch so blass, und dazu eine Trockenheit, die gibt es hierzulande eigentlich gar nicht und erst recht nicht um diese Jahreszeit, wo es doch dauernd an den Alpenrändern herunterschüttet, aber vom Gefühl her einfach geil, auch wenn da etwas in mir flüstert: Das ist nicht gut und bitte, bitte regne doch auch zwischendurch mal, aber die Sonne nehme ich trotzdem mit und bin wie aufgeladen nach einem halben Jahr auf Notstrom, strotzend, nachglühend, könnte gerade einfach immer weiterschleppen und dann noch ein Bier und dann ist der Kasten schon leer und das Regal immer noch nicht. Morgen dann Regen, sagt der Wetterbericht.

Waldrand, frei von Angst

Der Wind heute wieder aus Ost, frisch, aber nicht mehr eisig. In den Lärchen raschelt es, als steige ein großes Tier durch die Bäume, ein Geist des Waldes vielleicht. Unter den Füßen knirschen die gespreizten Fichtenzapfen, sie flüstern von Feuer und Glut. Ein Holunderbusch zeigt eine erste Ahnung von Blattansatz, spielt den Herold der kommenden Wochen. Am Himmel die euklidische Geometrie eines Milans, unten die ausschwärmenden Bienen, ihr Summen übertönt das Rauschen in den Zweigen, und lautlos zwei Zitronenfalter zwischen ihnen, Blüten gleich in diesem Tanz.

Nur ich bin Mensch an diesem Waldrand. Wenn ich weitergehe, wird Covid-19 hier kein Begriff sein, und schon jetzt ist die Welle der Angst – das Ranking nationaler Infiziertenraten, die Katastrophensucht der Live-Blogs auf den Zeitungsseiten, das digitale Trommelfeuer – etwas Unwirkliches, Blasses irgendwo jenseits der Hügel.