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Das Maß an Geschwindigkeit

Abends holte ich noch einen Freund am Autobahnkreuz ab. Die Tankstelle war überfüllt. Es waren nicht die Menschen, die hier üblicherweise ihre Mitfahrgelegenheit suchen oder verabschieden, sondern junge Leute, die mir austauschbar erschienen, in sauber geputzten, mir vage merkwürdigen Autos. Ein paar saßen in Klappstühlen oder umlagerten die parkenden Wagen, andere fuhren in ihren Fahrzeugen hin und her und hin und her. Da begriff ich erst, dass die Tankstelle nicht nur Feierort für junge Leute in Zeiten von Corona war, sondern mehr noch, Anlaufstelle für getunte Autos. Immer mehr Fahrzeuge mit Spoilern und Heckflossen fuhren ein, ließen ihre Motoren heulen, Auspuffe krachten, jeder Fahrer sah ähnlich gegelt und austauschbar aus und für gewöhnliche Tankstellenkunden schien gar kein Platz mehr in diesem Treiben.

Ich parkte neben der Ausfahrt eines Autohauses, kein Ort, an dem ich ein Auto abstellen würde, aber ich wollte es ja gar nicht verlassen, ich wartete nur auf das Fahrzeug aus Leipzig, das einen Freund ausspucken und sich dann wieder auf die Autobahn schwingen würde. Mein linker Arm hing aus dem Fenster hinaus, die rechte Hand tippte auf dem Handy herum, mein Blick ging immer wieder suchend umher, um jedes Mal wieder bei dem absurden, ja mir unfassbar erscheinenden Schauspiel vor mir zu landen. Schon drehten sich ein paar der jungen Leute zu mir um und ich ahnte die Frage, was will der alte Knacker da, vielleicht lachte sogar jemand höhnisch auf, der will doch nicht etwa ein Rennen fahren. Ich fühlte mich an einen todlangweiligen Film erinnert mit dem frühen Harrison Ford, der in den Sechzigerjahren spielt und in dem andauernd junge Leute in Autos hin und herfahren, als bestünde der Sinn ihres Lebens in nichts als dem Cruisen.

Ein Polizeiwagen bog herein und ich fragte mich, wie oft sie an Freitagabenden hier wohl patrouillierten, aber da sah ich N. im schwarzen T-Shirt und mit der Tasche in der Hand, schlank und etwas abgekämpft von der Fahrt und ich winkte ihm durch das offene Fenster zu.

Am nächsten Tag stiegen wir auf den Schönkahler. Eine Genusstour, wie man so sagt, kein großes Ding, nicht einmal 1700 Höhenmeter hat der Berg. Von Genuss erst einmal keine Rede, die meiste Zeit ging es auf Forstwegen hinauf und später wieder auf Forstwegen hinab, öder ist da nur noch Asphalt. Erst ab der Pfrontner Alpe, an der ein paar Hühner auf dem Misthaufen scharrten, dann Pfade über Bergwiesen und Glockengeläut von Vieh, malerisch ein einzelner Laubbaum über einem Felsenband und recht bald der Gipfel. Der Ausblick dort dann doch schön, tatsächlich in jede Richtung sehenswert und netterweise pausierte das Wolkentreiben gerade jetzt und ließ auch mal Sonne durch. Erst als wir wieder abstiegen, machte es wieder zu. Manche Wolken trieben so dunkel, als wollten sie gleich ihre Last abladen, aber nein, ihre sie trugen ihre stumme Drohung weiter, sollten doch noch ein paar weitere Menschen erschrecken.

Wunderbar dann auf dem Rückweg der schmale Pfad ins Himmelreich hinüber, zwischen den beiden Ächsele hindurch, kaum ein Mensch unterwegs, nur ein paar Bremsen, die uns die Waden blutig stachen, sonst Stille, Weg, Gehen.

Fährten

Im flachen Uferwasser tummeln sich die Kaulquappen, eine Handbreit tiefer dürfte der Moorsee noch unwirtlich kalt sein. Menschen schwimmen noch nicht darin. Nur auf der Wiese liegen ein paar: Radfahrer bei ihrer Rast, drüben FKKler, denn der Weiher ist eines der wenigen Gewässer in der Region, an dem Nacktbaden geduldet wird seit altersher und immer noch, denn unsere Gesellschaft wird ja prüder.

Ich ziehe meine Hand aus dem Wasser und richte mich auf. Das Kind zappelt vor Freude auf meinem Rücken, es brabbelt ein bisschen vor sich hin, versucht über meine Schulter zu schauen, hat die Augen überall. Es ist gerne draußen. Wenn wir morgens als Erstes an den Gartenrand treten, ist sein Blick vollste Aufmerksamkeit – ganz wach und offen gegenüber den Phänomenen der Welt, den Farben der Blumen, dem Gesang der Vögel, dem Wogen der Zweige. Das registriere ich aus müden, von Furchen umrahmten Augen.

Von hier oben, am Eschacher Weiher, liegt einem das halbe Allgäu zu Füßen, und der Blick reicht frei über die Voralpen hin zu den noch weiß geschmückten Gipfeln. Ein Wölkchen ist als Zier in das Blau über den Bergen gesetzt. Neben blühendem Weißdorn machen wir Rast, ein abgeschiedenes Tal unter uns, Grillen singen, ein frischer Ostwind wütet im Haar, ansonsten Licht.

Interessant wird es, wo wir in den Abgrund hineinblicken, an dem wir stehen, sagte die kluge Graugans zu meinem letzten Eintrag. Wenn wir den Fragen nachgehen, sie erwandern, während wir Fuß vor Fuß setzen, und uns nicht nach ein paar streunenden Stunden abwenden, zurück in den Kreis der Familie. Ich stimme ihr vollkommen zu. Und so ließe sich auch aus den wenigen Beschreibungen und Gedanken der vorausgegangenen Absätze – ich lese die Zeilen noch einmal – etwas erwandern. Spuren sind da. Ich müsste ihnen nur folgen, unbeirrt ihrer Fährte folgen und wohin käme ich dann: Da ist Altern. Da sind Angst, Unfreiheit, Einsamkeit. Welche Düfte!

Aber diese Wanderungen gehören hier nicht hin, sie suchen einen anderen Ort.

Als wir über einen Pfad blühende Wiesen queren, fährt die Hand der Tochter immer wieder über meinen Arm. Es ist, als würde sie mich zärtlich streicheln. Das ist eine Form des Glücks.

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Am Trauf – Eine Wanderung

Das Schönste ist der Gesang der Grillen. Ich liebe den Sommer und ich liebe ganz besonders dieses Zirpen der Insekten, diesen Sound des Sommers. Oben auf den grünen Hügeln des Allgäus höre ich sie nicht. Es mag zu kühl sein, viel mehr noch wird es der Mangel an Lebensraum sein, der sie schweigen lässt. Die industrialisierte Grünlandwirtschaft lässt ihnen wenig Spielraum.

Zwei Autostunden Anfahrt sind ein großer Einsatz für eine Tageswanderung. Der Weg auf die Schwäbische Alb lohnt sich erst dadurch, dass ich mich mit einem Freund aus alten Tagen verabredet habe. An einem Parkplatz, an dem ich einmal eine Etappe beendet hatte, treffen wir uns, und da macht auch der kühle Morgenhimmel endlich auf und lässt etwas Sonne durch. Unser Weg aus dem Städtchen gleich eher einer Flucht. Es ist der Drang des Wanderers, die Zivilisation mit ihrem Asphalt, ihrem Motorenrauschen zu entgehen. Es ist auch der Wunsch, die Coronamasken hinter uns zu lassen. Was noch treibt uns an, frage ich mich im Stillen. Die Frage wird mich in den nächsten Stunden begleiten. Denn etwas hat sich verändert, wird mir klar.

Der Nordrand der Schwäbischen Alb ist oft schroff. Steil fallen die bewaldeten Hänge ab, immer wieder durchbricht Kalkfelsen das Grün. Über Dutzende von Kilometern verlaufen Waldpfade direkt am Albtrauf: gen Norden hin der Absturz, nach Süden hin hinter Bäumen und Büschen eine Ahnung der Hochebene, von Feldern, Äckern, Dörfern, und unter den Füßen Erdreich, Steine, Wurzelwerk, weiches Buchenlaub vom Vorjahr. Man kann Stunden so gehen, ohne zu ermüden, ohne sich zu langweilen. Gehen als Meditation.

Hier oben zwischen Bad Urach und Schloss Lichtenstein reihen sich Güter aneinander. Stolze, alte Pferdehöfe, das lauschige Schafhaus auf der Eninger Weide, der Stahlecker Hof mit seinen urtümlichen, weiten, baumbestandenen Weiden, Yaks grasen hier zwischen dem Bruchholz, Ziegen steigen über Astwerk und Stämme, die nächste Wiese ein Blütenmeer. Man könnte Wurzeln schlagen hier und schauen und schauen, denn so schön sieht man Viehhaltung selten.

Das lässt das Staubecken mit seinen dunklen Ahnungen vergessen, das wir eine Stunde oder so zuvor passiert haben. Drahtgitter, ein gigantisches Rund aus Beton, Warnschilder, drunten dann undurchdringliches Wasser und ein Rumpeln. „Ich weiß, ich habe zu viel The Walking Dead gesehen“, meint mein Begleiter. „Dort wäre es ganz klar, was das Rumpeln ist: ein paar Hundert Zombies, die da irgendwann hineingeraten sind. Man möchte gleich schneller gehen und leise sein dabei.“ Es rumpelt wieder, als wir den nächsten Pfad in den Wald einschlagen, und eine Weile sehe ich Untote hinter dem Gebüsch, ist die Welt reduziert auf das, was man bei sich trägt auf ewiger Flucht.

Nachmittags beginnen die Schmerzen. Für uns ist es beide mehr oder weniger Saisonstart, und da sind 26 oder 28 Kilometer kein Pappenstiel. Eine Ferse schabt am Schuh, die Füße ermüden, die Leiste und die Hüften melden sich, dann auch das Knie. Das Knie, das ist schlecht. Das sollte nicht sein, alles andere ist erwartbar. Unser Gespräch ist schon lange erebbt, wir passieren auf unserem Traufpfad eine aussichtsreiche Felsnadel nach der anderen, fallen in ein Marschdelirium, in dem alles verschwimmt, abfällt.

Freiheit? Nein, eine Frage bleibt, Kilometer für Kilometer: Warum mache ich das hier? Was war früher meine Motivation dafür und warum ist sie schwächer geworden, denn sonst würde ich mir diese Frage nicht stellen? Die Vermessung der Welt durch den eigenen Fußgang hat an Wertigkeit verloren. Zuerst war es mir Flucht, dann Anreiz für eine besondere Form der Welterschließung, auch Weltverbindung. Jetzt zieht es mich zurück in einen engeren, viel engeren Kreis. Ja, der Radius verengt sich mit Familie. Das Ausschreiten, das Streunen, die Verlockung des Horizonts, sie gehören in eine andere Lebensphase.

Und doch war es gut, diesen Weg heute gegangen zu sein. Darüber sind wir uns einig und denken eine gemeinsame Vater-Kind-Wanderung an. Glücklich mache ich mich auf den Heimweg, lasse das warme Land mit seinen Grillen und Buchenwäldern und Schafsweiden und weichen Dialekt zurück, rolle nach Süden, Süden, Süden, jubel schließlich auf, als ich endlich die Alpen vor mir sehe, wie ich es immer ganz unwillkürlich tue, und kehre nach Hause zurück.

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Nachtwanderung

Trug ich sie in der Wohnung, weinte sie, legte ich sie ab, schrie sie. Also beschloss ich, mit ihr in den Abend hinauszuwandern. Noch ehe ich meine Schuhe anhatte, war sie bereits in der Bauchtrage eingeschlafen.

Über den Feldweg spazierte ich weiter den Hügel hinauf. Im Südwesten waren die Gipfel ein Scherenschnitt vor Orange, alles andere war schon Nacht unter Wolken, das Grün der Felder ausgewaschen zu tiefster Farblosigkeit, schwarz die Wälder. Schnee würde erst Stunden später fallen.

Als ich den nächsten Weiler erreichte, bellte der Hund nicht, wie er es tags immer machte. Wir begegneten uns wie Verschwörer in der Nacht, die sich im Moment des Erkennens zunicken und beide für sich wieder mit dem Dunkel verschmelzen. Über Asphalt schwenkte ich nach Süden. Die Umrisse der Berge waren nicht mehr zu erkennen. Ein paar Lichter brannten dort im Himmel, Flutlichter von Hütten oder Skipisten. Zwei leuchtende Kegel bewegten sich auf mich zu, ich wich auf den Seitenstreifen und schlug vor dem blendenden Licht des Autos die Augen nieder. Die Scheinwerfer zogen scharfe Grenzen in den Schotter des Banketts, rissen die Oberfläche aus ihrem Schlummer und schwärzten die Schatten, bereits die kleinste Vertiefung wurde Finsternis, dann war das Fahrzeug an mir vorbei und die Grenzen wurden wieder weicher.

Durch das Wäldchen waren es nur wenige Hundert Schritt. Alleine hätte sich etwas zwischen den Baumstämmen an mich herangeschlichen: eine Urangst, aus Jahrhunderttausenden in unseren Genen verankert. Doch ich trug ein kleines Menschenleben. Die Verantwortung ließ keinen Raum für Ängstlichkeit.

Als mich das Wäldchen entließ, schritt ich auf einen Horizont roter Lichter zu. Windräder schickten ihre Warnung hinaus in die Nacht. Ein einzelnes Windrad ist rätselhaft. Eine ganze Reihe wird zur Drohung. Haben diese roten Morsezeichen auch eine Wirkung auf die Tierwelt? Es ist ganz offensichtlich, dass die Lichtverschmutzung durch unsere illuminierten Ortschaften eine solche hat; so wie es offensichtlich ist, dass es Kraftfahrzeuge tun nicht nur mit ihrem Motorenlärm, sondern auch den schneidenden Scheinwerfern. Ich fragte mich, ob es Augentiere gibt, die, mir vergleichbar, den Blick heben am Waldesrand und hinüberschauen zu den mahnenden roten Lichtern, ihre Fantasie beflügelt.

Ich traf die Hauptstraße und fand über einen Radweg ins Dorf hinein und alles wurde anders. Fahrzeuge waren nicht länger singuläre Ereignisse in der Nacht, sondern ein auf und ab schwellendes, nie ganz versiegendes Geräusch. Wasser rauschte unter Kanaldeckeln. Fenster leuchteten, versprachen Heim oder auch Traurigkeit, wie diese verwaschenen Vorhänge, von einer gealterten Hand zur Seite geschoben und wieder fallen gelassen, warm dann wieder die Anmutung aus dem halb offenen Stall des letzten Bauernhofs im Ortskern, warm und beruhigend jetzt auch auch der wuchtige, aus hellem, hartem Gestein geschichtete Kirchturm, warm der immer noch mit Kerzen beleuchtete Weihnachtsbaum vor dem Gemeindehaus.

Am anderen Ende des Dorfes kam mir ein Mensch entgegen, sein Gesicht im Schatten. Ich würde diesen Menschen grüßen, auch wenn ich ihn vermutlich nicht kannte, denn ich kannte nur wenige im Dorf. Selbstverständlich würde ich grüßen, etwas anderes kam gar nicht infrage. Aber wie, fragte ich mich. „Grüß Gott“, antwortete ich mir, sollte es ein älterer Mensch sein. Der Gang verriet allerdings kein Alter und so entschloss ich mich doch zum Du und sagte, etwas verhalten, „Griaß di“, und im gleichen Augenblick sagte die Person, so unsicher wie ich, „Servus“ und wir waren schon aneinander vorbei, als wir uns doch noch erkannten. Es war die Nachbarin auf dem Weg zu einem Jahresessen im Dorf. Als sie sah, dass ich die Tochter trug, klang ihr Lachen noch heller. „Hosch a Liacht?“, bot sie mir eine Taschenlampe aus ihrer Jackentasche an. Ich lehnte ab, ich brauchte sie nicht, dankte für diese freundliche Geste aus Zeiten, als Nachbarschaft noch Schicksalsgemeinschaft bedeutet und man einander ausgeholfen hatte.

Draußen, gegenüber dem kleinsten aller Gewerbegebiete, schlug ich nicht das Sträßchen auf den Hügel ein, wobei, auch dieses Gewerbegebiet ist inzwischen gar nicht mehr so klein, auch es frisst sich weiter in die Felder hinein, wie in so vielen Gemeinden, wo gierig Wiese um Wiese verschlungen und der Götze Wachstum geopfert wird, und ich frage mich, wo sind eigentlich all die Menschen, die die Produkte dieses Wachstum benötigen.

Auch die zweite Straße hinauf ließ ich außer Acht, ich schlug die Gegenrichtung ein, spazierte, immer noch auf einem Radweg, an der Hauptstraße in den benachbarten Landkreis hinein. Die Senke zeigte sich als Windschneise, mich fröstelte. Bald suchte ich den Feldweg, der irgendwo rechts abzweigen musste, es war nicht leicht, ihn auszumachen. Scheinwerfer blendeten mich. Wenn sie passierten, suchten sich die Augen wieder an das Dunkel zu gewöhnen, doch da war schon das nächste Fahrzeug heran. Aber dann fand ich den Feldweg doch und kein Scheinwerfer erfasste mich und so tappte ich durch den niedrigen Graben hindurch und über die Straße hinüber und spürte Kieselsteine unter meinen Füßen und hinter meinem Rücken sauste das nächste Auto vorbei.

Nicht nahm ich den inzwischen halb zugewachsenen Weg ins Gehölz, über den wir als Kinder zur Großmutter gegangen waren, ohne Erwachsene zwischen den beiden Hügeln hin und zurückspazierten, erst an der Hauptstraße entlang, damals noch ohne Radweg, dann durch das Wäldchen hindurch und über Feldwege hinauf, niemand hatte sich dabei etwas gedacht, ich weiß nicht, ob das heutzutage anders wäre. Aber etwas hatte ich mir dann doch gedacht damals, denn ich erinnere mich, wie mich, den Ältesten, einmal die Verantwortung in die Träume hinein verfolgt hatte. Wir waren wieder einmal zu dritt unterwegs und da kam etwas abgrundtief Böses hinter uns her und wir mussten um unser Leben rennen und mir war klar, so erbarmungslos klar, dass ich nur die Kraft hatte, einen meiner Brüder aufzunehmen und, mit ihm auf meinem Rücken, loszuspurten – und den anderen sich selbst überlassen musste.

Ganz friedlich war der Weg nun, die Straßen weit genug hinter mir, der Waldrand schweigend, der Grund unter meinen Schuhen weich. Dann erreichte ich das Häuschen, an dem ich in all den Jahren nie vorbeigegangen war, weil es nie auf meinem Wege hatte liegen wollen, obwohl ich es doch täglich sah drunten im Tal, besonders nachts, wenn seine Fenster leuchteten in der weiten Dunkelheit. Keiner der Hunde, die ich vorhin noch hatte bellen hören, schlug auf mich an. Und dann war ich vorbei und hatte doch nichts gesehen von dem Haus, weil es ja dunkel war, und ich wusste, ich würde bald wieder einmal daran vorbeigehen müssen am hellichten Tage.

Ich schlug einen Bogen zurück, bog dieses Mal doch auf den Weg auf den Hügel ein, ging erst unter Birken, dann unter Eschen und schließlich unter der Scheunenauffahrt hindurch, wandte mich, bevor ich das Zuhause erreichte, wieder ab und schritt, wenn auch von zwei Stunden Gehen bereits ermüdet, an den Apfelbäumen entlang wieder hinab, erreichte am kleinen Gewerbegebiet die Hauptstraße, fand zum zweiten Mal ins Dorf hinein und nahm vor dem leuchtenden Baum einen neuen Weg.

Ein paar kalte Regentropfen trafen mich, dann hatte ich die Siedlung bereits wieder hinter mir, stieg an dem nun leeren Hühnergehege, an der nun leeren Schafweide vorbei auf die Höhe hinauf, durch den schneidenden Wind hindurch zu dem einzelnen Gehöft, wo hinter einem Fenster ein einsamer Mann an einem einsamen Tische saß, und kehrte, über ebenjenen Feldweg, auf dem ich vor fast drei Stunden aufgebrochen war, und zuletzt an der knarzenden, im Winterwind immer singenden Esche vorbei, nach Hause zurück. Das Kind schlief immer noch an meiner Brust.

Der Holderboschen

Räumliche Perspektiven und ihre andauernde Veränderung durch Ortswechsel sind immer wieder überraschend. An der Wasserreserve von Wildberg hatte ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal die Pleisspitze bewusst wahrgenommen, und das nur, weil ich ihren Namen auf einer Hinweistafel gefunden hatte und das Auge danach die Erscheinung hinter diesem Namen am Horizont suchte.

Heute erkenne ich den Berg wieder, von unerwarteter Stelle aus. Wie kann es sein, dass ich hier, auf dem Probstrieder Hörnle, eine ganz ähnliche Perspektive einnehme wie ein paar Tage zuvor an einem ganz anderen Ort in einer gefühlt ganz anderen Region?

Erst am Abend begreife ich, was vom ersten Augenblick an irgendwo am Rande meines Bewusstseins war. Die Pleisspitze, das ist ja in Wahrheit nichts anderes als die Bleispitze im Lechtal, ein paar Autominuten vor dem Fernpass, auf der ich doch erst im Spätsommer mit einem Studienfreund war! Also kannte ich diesen Berg längst, stand schon einmal dort oben, was ich nun auf die Ferne zweimal neu entdeckt zu haben glaubte. Der Berg ist bis auf den Gipfel hinauf mit seinen gut 2200 m Höhe von Gras bewachsen. Die letzten Meter des Weges waren brusthoch überwuchert. Wie durch einen Dschungel bahnten wir uns unseren Weg zum Gipfelkreuz. Zwischen summenden Hummeln schlug ich am Kreuz mit seinem Strahlenkranz das Gipfelbuch auf und formulierte dafür um, was mir die jüngste Tochter meines Studienfreundes diktierte. Es war meine letzte Gipfelbesteigung vor der Geburt meiner eigenen Tochter eine Woche später.

Hier auf dem Hörnle, von dem aus wir die Pleisspitze also wiedersehen auf einem Spaziergang mit unserer Tochter, gibt es auch ein Gipfelbuch, obwohl das Hörnle gar kein Gipfel ist, sondern nur eine kleine Anhöhe, ein Buckel, wie man hier sagen würde, und trotzdem schreiben die Menschen – manche ironisch, andere vielleicht weniger – Sätze hinein wie „Berg erklommen“.

Heute zieht hier mal kein Wind durch, oft kann man hier gar nicht sitzen auf dem Bänkchen, weil’s zu schneidend ist. An diesem Januartag geht es aber und wir schauen hinab ins Illertal und die Hügelketten westlich davon und, wenn wir den Kopf drehen, in die Alpen hinein. Schön ist es hier und noch schöner wäre es ohne das Rauschen der Autobahn. Ein Rabe krächzt zwischen Fichten und nackten Eschen, ansonsten nur Autos, Autos, Autos, mal das Knattern eines Hubschraubers, dann das Zischen eines Heißluftballons. Und das Rauschen der Menschen.

Ein älteres Paar kommt herauf, der Mann tastet nach dem Gipfelbuch und trägt – halb in Rücksprache mit seiner Frau, halb in andauerndem Vorwurf in ihre Richtung – etwas ins Buch ein, lobt den Ausblick, das Wetter und all das, verpackt in einem Geschwätz aus Belanglosigkeiten, einem Plätschern von Nichtigkeiten, garniert mit ein paar unnötigen Spitzen und dem Grau von Jahrzehnten einer dumpfen Ehe.

Was bedeutet wohl Glück für diese beiden Menschen? Was treibt sie an, welche Fragen stellen sie sich, wo setzen sie sich ihren Horizont, worin finden sie Erfüllung?

Als sie weiterziehen, sprechen wir es ohne den Drang richten zu wollen, so hoffen wir, aus: Was verbindet uns eigentlich mit diesen Menschen? Mehr als ein paar biologische Funktionen und die gleiche Luft, die wir atmen?

Für den Holunderbusch hinter uns ist die Sache klar: Wir alle sind einfach nur Vertreter der Gattung Mensch. Das ist alles.

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Reich

Einer in Feuerwehruniform rennt die schmale Straße herab, er kommt zu spät von seinem Hof. Unten im Dorf sammeln sich bereits Trachten und Ehrenuniformen und Paradesäbel für die katholische Prozession. Später rollt der Donner der Fronleichnamsböller über den Bregenzer Wald. Da sind wir bereits 1000 Meter höher in einer anderen Welt.

Die Kühe tragen Hörner, das ist das Erste, was aufällt. Sie dürfen noch ihre in ihnen angelegte Form verkörpern. Wie verkrüppelt und unvollkommen eine enthornte Kuh aussieht, wird einem erst wieder bewusst, wenn man diese Tiere auf einer Alpe oder einem Demeter-Hof in ihrer eigentlichen Erscheinung sieht. Das Zweite ist die Zäunung. Nicht auf ein Feld gebannt hat der Bauer die Tiere, sondern seinen Weiler zum Mittelpunkt des Weidelandes gemacht. Zwischen den Höfen stehen, schlendern die Rinder, grast ein Kalb. Dieser Schönheit können auch die Kuhfladen vor der Haustüre nichts anhaben.

Schwül lastet die Luft an diesem letzten Maientag auf uns. Im Wald ist es noch kühl, der Steig rutschig, und trotzdem drückend feucht. Schweiß kostet jeder Höhenmeter. Als wir aus dem Wald treten, zwischen letzten Schneeresten, werden Luft, Auge, Herz leichter, lichter. Der Blick weitet sich in alle Richtungen: Bodensee, Alpenvorland, Allgäuer Alpen, Vorarlberg, Säntis. Tief in den Bergen nur Wolken, Fels und Schnee. Wir haben gut daran getan, uns am Rand zu halten. Über den Kamm ziehen wir in Schwüngen nach Westen, zur Rechten des Grates fallen die Höhen steil ab, nach Süden schwingt sich die grasbewachsene Flanke ins Tal. Die Wiesen ein Blütenmeer: Rote Lichtnelke und Bergbaldrian, blauer und gelber Enzian, Ehrenpreis in Blasslila und das Hellblau des Vergissmeinnicht, Weißer Hahnenfuß und gelbe Alpen-Kuhschelle. Wie entsetzlich trist die Wiesen zuhause, von vielfacher Mahd verödet – grüne Wüste.

Fast ist es Neid, was die Flasche Bio-Radler weckt, die einer aus dem Rucksack zieht. „Ich hatte mir auch überlegt, ein Bier mitzunehmen“, kommentiert unser Wahlschweizer. „Und du wolltest dich nicht outen?“ „Ich dachte, ich nehme lieber Gras mit.“

Besser als jedes Radler schmeckt unten auf der Alpe das Glas Rohmilch: urwüchsig, satt und fett. Das Risiko von Krankheitskeimen kümmert mich in diesem Augenblick nicht, denn so gut schmeckt Milch nirgends mehr. Arm, wer diesen Geschmack nicht kennt, sinne ich über dem leeren Glas. Und wie viele Jahre lang hatte ich als Kind, als Jugendlicher bei den Nachbarn die Milch geholt und die Kanne auf dem Heimweg bereits angesetzt und war nie krank geworden?

Über der Nagelfluhkette zwei Täler weiter Gewitterwolken und dann Blitz und Donner. „Mama, los! Mama, auf, es regnet!“, schreit ein nicht mehr kleiner Junge fast panisch vom Spielplatz her und wir können nicht anders als zu lachen. Das Gewitter ist weit und Regen ist wahrlich nicht das, was er zu fürchten hätte.

Später dann hinunter in die bewaldete Schlucht, über eine überdachte Balkenbrücke und an ihrer Flanke hinab an den Bergfluss. Ein Gumpen zwischen den rundgeschliffenen Steinen, er ist groß genug, dass wir alle zusammen ins Wasser steigen, sogar einige Züge schwimmen können. Das Wasser ist erstaunlich warm. Ein paar Tage zuvor tauchte ich in den Bergbach drüben an der Nagelfluhkette und zählte die Sekunden – eins, zwei, drei -, die ich die fürchterliche Kälte ertrug, bis ich mich wieder aus dem Bachbett erhob, brennend vor Kälte und mein Leib ein einziger Lebensschrei, so dicht, so echt, so wahrhaftig.

Bei jeder Bergwanderung in ein Gewässer zu steigen, das habe ich mir vorgenommen für dieses Jahr. Denn ich will reicher sein.

Winterstaude_Bregenzer Wald_Alpen_Wanderung_Berge

Der Semmelkrieg

„Eine Butterbreze, bitte“, bestellte ich kürzlich. Aber was als solche ausgeschrieben war, beinhaltete genau das nicht. Da war keine Butter drauf. Sondern ein Butterersatz, irgendeine fade Margarine.

Bis dahin hatte ich Butterbrezen für das letzte Refugium gehalten, wo eine Bäckerei noch Butter aufs Gebäck streicht. Belegte Semmeln gibt‘s ja meist nur noch mit einer Fertigremoulade, und zwar nicht nur in sogenannten Backshops und anderen Abfüllstationen. Sondern auch in Cafés, die damit werben, sie ihr Brot und ihre Kuchen noch selber machen. Kommt also statt der Butter eine Remouladenpampe drauf, die ich mir nie im Leben kaufen würde. Und das auch – ein Blick durchs Fenster genügt – in einer Region mit Grünlandwirtschaft, sprich Milchkühen.

Der Grund für die Remoulade kann nur ein ökonomischer sein (lässt sich leichter streichen, wird nicht so schnell ranzig) und kein gesundheitlicher (da möchte ich bittesehr erst einmal die Zutatenliste der Remoulade sehen) und auch kein kulinarischer (nein, wirklich nicht). Übrigens, mit vegan hat es auch nichts zu tun. (Was war da nochmals alles in der Zutatenliste?) Liegt ja auch noch eine Scheibe Käse drauf, und der ist natürlich auch vorgeschnitten aus dem Plastik geholt und nicht vom Bergkäse einer regionalen Käserei gehobelt. Und der Weizen? Ein hochgezüchtetes Produkt, das viel abwirft, aber nach nichts mehr schmeckt.

Bitte, ich möchte einen Semmel, der auch ohne irgendetwas drauf gut und unverwechselbar schmeckt (ja, das gibt es – ich erinnere mich an eine kleine Stuttgarter Bio-Bäckerei, in der die rund zehn Sorten von Weckle alle ihren jeweils ganz eigenen, unvergleichlichen und guten Geschmack hatten) und an gscheiten Käs und drunter echte Butter von Hörnerkühen. Teuer? Nein: Teuer finde ich, für Nahrungsmittel zu bezahlen, die keinen Geschmack mehr haben.

*

Über den Felsen gischtet das Wasser weiß auf. Unterhalb schimmert der Fluss in einem blassen Blaugrün, stromaufwärts aber in einem milchigen Grün, das an bestimmte Schieferarten erinnert. Im Schatten spannt sich noch Eis über die Pfützen, die Wange wärmt die Sonne schon. Am Wegesrand Standbilder von Johann Nepomuk, dem Schutzheiligen der Flößer. Die Suche nach Beistand war erklärlich: „ertrunken in den reißenden Wellen des Lechs“ war ein geläufiger Vermerk. Die letzten Flößer fuhren 1914, zwei Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den Fluss hinab, Holz nach Augsburg zu bringen, manchmal noch weiter: Regensburg, Wien, Budapest. Heute ist der Fluss gebändigt. Der Marsch auf dem Lechdamm macht wenig Freude.

Zumindest ein wenig wilder darf sein Zufluss am Fuß der Berge sein. Kommt man über den wundersam warm wirkenden Buchberg herab, durch den Weiler mit dem an diesem Tage so passenden Namen Ostern hindurch und dann in einem Bogen erst in den Wald und dann zum Fluss hinunter, dann könnte man dort vermuten, das Gewässer sei ungezähmt dem Gebirge entsprungen. Hand und Seele tauchen in die Klarheit des rauschenden Wassers. Und es hätte nicht viel gefehlt, und die Füße wären ihnen gefolgt an diesem 2. April.

*

In Wirklichkeit geht es natürlich nicht um einen Krieg gegen die Brötchen. Sondern, viel umfassender, gegen unseren guten Geschmack.

Halblech_Fluss_Allgäu_Ostallgäu_Frühling

Ganz als wäre es Ostern

„… und zu wandern, weil er das als das Richtigste und seinem unzufriedenen, zweifelvollen, ja gequälten Zustande Angemessenste empfunden hatte.“ (Thomas Mann, Joseph und seine Brüder)

Unterhalb der Steilwand bricht der Fluss durch die Hügel, Gänse rufen aus der Tiefe, jenseits verstreut ein paar Höfe namens Sack, Loch und Graben. An ihnen waren gewiss auch die schwedischen Landsknechte vorübergezogen.

Die kleine Hand an meiner, Trompetenduette, morgens Warten auf das Licht. Schnee, Regen, ein Streifen Blau und schon wieder zerhaut es alles, ein Wetter, ganz als wäre es Ostern.

Ostern_Osterei_Naturfarben

Winterfarben

Im Tal ist der Schnee schwer und nass, die Bäume sind schwer und nass, alles ist schwer und nass und kalt und unter Wolken begraben. Ich mag den Monat meiner Geburt nicht.

Über einen bewaldeten Kamm stapfen wir den Hang empor, immer wieder an starken Bäumen vorbei, die geknickt sind wie Streichhölzer von Männerhand, und wir reden über einen, der einen Achttausender ohne Sauerstoff in 16 Stunden bestiegen hat. Er ist so schnell hinauf und wieder herab, dass er sich wegen Höhenkrankheit keine Gedanken machen musste. Und wir keuchen bereits auf dieser Steigung im Wald.

An der Dolde einer Engelwurz haben sich Eiskristalle festgesetzt. Spuren von Has und Fuchs im Schnee, wir sind die ersten Stiefelträger seit Tagen. Oben am Rand der kleinen Hochebene strecken sich starke Tannen zwischen den Fichten, Misteln sammeln sich im Geäst, drüben die Silhouetten nackter Laubbäume vor dem Wolkenhimmel. Dort wird der Weiler Gerstland sein. „Wo die Laubbäume stehen, sind die Menschen nicht weit.“ Auf der weißen Wiese ist ein Haufen aufgestapelt für das Funkenfeuer am Abend. Eine Mopedspur im Schnee, immer wieder rechts davon ein Fußabdruck, wo der Fahrer seinen schlingernden Kurs abzusichern hatte.

Am ersten Hof ein Fuhrpark aus drei Fendt-Traktoren, in der Wiese vor dem Haus ist ein Schneepflug abgestellt mit vielen bunten Handabdrücken, der Hof eine Fassade aus Holzschindeln und Klinkerbau, man sieht an ihm schon das Westallgäu. Am nächsten Hof der Geruch von Funkenküchle – in Fett ausgebratenen Krapfen für den Abend. Die Frauen also sind fleißig, und die jungen Männer werden sich abends betrinken, und wo der Funken wetterbedingt abgesagt wird, betrinken sich die jungen Männer halt auch ohne das wintervertreibende Feuer aus alter Zeit.

Der Schritt ist schwer im Schnee, manchmal knackt Eis, da ist ein Mensch, ein Hund. Abgesetzt vom Tann wacht eine Tanne mit Zweigen so dicht, ein Mensch könnte sich darin verstecken und nicht gesehen werden. Unter den tiefen Ästen kein Schnee, der Baum ehrwürdiger Schirmherr über einen Flecken Wiese.

Ein Hohlweg, dann am Waldrand entlang, winterleere Hütten, die Fußspuren fallen ab, der Weg windet sich zwischen Holz und Hang dahin. Es ist ganz still und einsam. Dann zwischen mächtigen Nadelbäumen ein Pfad, zugeweht im schweigenden Wald, es ist ganz Winter, ganz Menschenferne, als läge er jenseits der Mauer, die Westeros durchtrennt. Jenseits eine halb verschneite Spur, ein schlankes Kreuz auf einer baumfreien Höhe, dann durch tiefen Schnee hinab. Er löst sich bei jedem Tritt und rollt in hastiger Flucht den Schritten voraus, kreuz und quer springen und hüpfen die Kügelchen vor uns her. So klein ist eine Lawine etwas Heiteres.

*

„Doa bin i numm gradelt, doa waret scheene Kiah dinn.“ In der Stube der Königsalpe tickt eine Uhr, ein Kachelofen wärmt, schwarzweiß blickt von der Wand der einstige Besitzer Bonaventura König herab, eine historische Karte klärt über die Zeiten auf, als das Land noch nicht zu Bayern gehörte. Nur an einem Tisch sitzen noch Leut‘, als wir eintreten. Es ist 16 Uhr, vielleicht sind wir die letzten Gäste auf Wochen hin, ab Ostern ist dann wieder sicher offen. Am Holztisch neben dem Ofen lassen wir uns nieder und es ist gar nicht zu vermeiden in solch einer Stube, dass man das Gespräch der anderen hört. Die Wirtin, der Wirt, ein Besucher, in der Färbung eines gelebten Dialekts geht es um die ewigen Themen des Bauernstandes: um die Rinder und das Bauen, Beziehungen und Suizid, Glück und Unglück. „Da willst du für 20 Kühe bauen und dann wird dir der Platz für 40 vorgeschrieben. Immer bauen und bauen, das kannst du doch auch nicht.“ „Sie ist bei ihm eingezogen, sie hat halt einen Unterschlupf gesucht. Aber das ist ja auch recht.“

Die Ohren glühen ganz warm. Ich ziehe den Wollpullover aus, über das Shirt darunter ziehen sich Salzstreifen. Den Rücken an die warmen Kacheln gelehnt, lausche ich, lausche den Worten am Nebentisch, ihrer Farbe, dem Tosen des Feuers im Ofeninnern, ein beruhigendes Geräusch, ein Klang der Kindheit.

*

Und auf dem Abstieg dann die Farben: unendlich viele Töne Grau, das dunkle Grün der Nadelbäume, ins Schwarz versinkend, das zu Blau wird, je ferner die Wälder stehen, das Weiß des Schnees und über allem ein metallischer Glanz. Was auf dem Aufstieg Eintönigkeit war, ist nun Reichtum. Und da liebe ich den Monat meiner Geburt.

Allgäu_Winter_Westallgäu_Königsalpe_Gschwend

Itinerar an der Jagst

Die historische Altstadt im Nirgendwo ist so schön und einsam, dass sie verdächtig wirkt, der Blick hinab in die Windungen des Flusstals so lauschig und traumumwoben, man möchte weglaufen. Es ist, als wäre man nach einem halben Leben in einem alten und ‚wahren‘ Deutschland der Märchen und romantischen Dichter angekommen. Die Schattenseite dieser Welt will ich nicht wissen. Ob die Dark Zone mit Totenkopf auch dazu gehört? Oder nur ein überlebenswichtiges Ventil in dieser Idylle ist?

Im hübschen Schlosscafé will ich zuerst nichts und bestelle dann doch einen Käseteller, während S. einen Kaffee trinkt. Eine Einkehr, bevor wir uns überhaupt auf den Weg gemacht haben. Als der Teller kommt – üppige Stücke aus der weithin bekannten Bio-Käserei in Geifertshofen und viel Drumherum – erschrecke ich. Wie soll ich das alles essen? Und dann noch wandern? Die Chefin, zuerst ein wenig grob zu ihrer Mitarbeiterin, dann entwaffnend ehrlich gegenüber ihren Gästen, steht in meiner Sichtlinie. Ich mustere sie: ihren starken Rücken, der ein gutes Stück älter ist als meiner, ihren Hintern, den Stand ihrer Beine und merke plötzlich, wie es mir kribbelig wird, während ich mit meinem Käseteller kämpfe.

Schöneck nach der ersten Steigung – ein müder Bärtiger rollt die Mülltonne an die Straße.

Ein letzter Blick auf die entrückte Altstadt aus dem hölzernen Aussichtspunkt heraus, dann geht es in Serpentinen hinab durch Auenmischwald. Immer wieder liegen Baumstämme quer. Manchmal umgehen wir sie auf rutschigen Böden, manchmal klettern wir über sie hinweg. Der Jahresausklang ist kalt und schneefrei. Kein Mensch auf den Wegen außer uns.

Ein weißer Reiher tief unter uns flieht davon. Schaden könnten wir ihm auf diese Entfernung nicht zufügen, womit auch immer. Außer vielleicht mit Zauberei, mag der Vogel denken, und erhebt sich ungelenk in die Lüfte.

Eine Parallele zum Fluss, dann eine Biegung hinweg: ein sehr kurzer Hohlweg, eine Schautafel des geologischen Aufbaus, Ruhm prähistorischer Fossilien. Die Schichtungen des Steins sind scharf in den Hang gezeichnet.

Bevor wir aufs offene Feld treten, schlage ich Wasser ab, aber dann führt uns der Weg doch nicht dort hinaus, wo ferne Menschen schlendern, sondern am Hang entlang auf Pfaden halb um das kleine Dorf herum. Es ist ein weiterer verwunschen-schöner Ort: Hammerhämmern, ein Kinderruf, Stille zwischen Höfen. Mir gefällt die Vorstellung, den Weg im Sommer zu gehen – verborgen im belaubten Wald und doch stets den Flecken im Blick zu haben, unsichtbarer Beobachter einer anderen Welt. Ein archaischer Blick, der von Indianern oder von Feen vielleicht.

Brückenorte. Immer wieder führen flache Brücken über den Fluss und ein paar Häuser werfen sich drumherum. Ein Bauer wirft den Unimog an und zieht seinen Holzschlepper an uns vorbei. Wir biegen ab, an den allgegenwärtigen Apfel- und Birnbäumen vorüber, krüppelig wie aus einer vergangenen Zeit und dabei so wunderschön. Wir schwenken am Waldrand nach links, statt gerade übers Feld zu ziehen, und kommen in eckigen Bahnen um ein Feld herum dann doch dorthin, wo wir geradeaus gelandet wären. Immer wieder macht der Weg an der Jagst Umwege, Schleifen, Bögen, auf und ab. Auf der Lichtung ist die nackte Erde gefroren.

Über kantiges Gestein sucht der Weg die Höhe, freigewaschen von aller Erde, nur schlüpfriges Laub schichtet sich darüber und dann geht es schon wieder hinaus aus dem Wald, auf die Hochebene. Der strenge Wind weht uns Schweinegeruch entgegen, eine Windung des Weges bringt uns in Sicherheit. Heroben sind die Wege schlammig, der Frost ist am Fluss geblieben.

Ein Bauer spielt mit seinem großen Hund, einem Kalb. Als das Tier uns sieht, springt es mächtig auf uns zu. Ich bleibe stehen, hinter mir höre ich ein „oh nein, das brauche ich nicht“, und ich, der so rasch zur Furcht bereit ist vor unbekannten Hunden, weiß augenblicklich, dass es an mir liegt, der Stärkere zu sein. Und so lasse meine Hände entspannt hängen und spreche einen freundlichen Satz zu dem Hund, und Angst spüre ich keine, denn ich habe die Aufgabe, sie nicht zu haben. Der Hund umrundet uns einmal, lässt dann von uns ab. Der Landwirt, der uns nicht grüßt, klatscht dem Tier unter Tadel auf die Flanken.

Wieder hinab zum Fluss. Wie herrlich müssen die Auen im Sommer sein, wenn sich Äste grün über das Wasser beugen. Moos leuchtet am Hang auf, leuchtet auf den Steinen selbst noch am trübsten Spätdezembertag. Bei Hochwasser sind diese Wege geflutet.

Von der einstigen Heinzenmühle steht nur noch das Grundgemäuer. Ein Grillplatz, dort ein überdachter Steg hinüber aufs andere Ufer, die Talwände drüben Schichtgestein. Bald Ruinen am Wegesrand, nur noch Mauerreste, im Fenster noch nutzlos ein rostiges Gitter.

Unter der Autobahn hindurch, oben klappert es, wann immer ein Fahrzeug über die Brücke fährt. Im Fluss Inseln, bekiest und baumbestanden, wandelbares Land, geologisches Amphib.

Ein Bachlauf zweigt ab zur Hammermühle, das schmale Tal lockt. Wir aber bleiben am Flussufer. Schönheit hier wie dort, falsch kann keine Entscheidung sein. Der Uferweg wird noch wilder, wir bücken uns unter Ästen, weichen Schlammpfützen aus, balancieren auf schmalen Grasstegen.Wie viele Menschen gehen diese Wege? Das Wasser neben uns dunkelgrün. Der Wunsch, in der lichten Jahreszeit im Kanu hinabzutreiben oder auch schwimmend.

Gegenüber einer Kiesgrube wieder empor. Ein Schild – „permanender Weg“, ein Schreibfehler oder ein Fachbegriff, den nicht einmal das Internet kennt? – erklärt uns, dass wir den Weg, den wir hinter uns haben, gefahrlos gehen können, an diesem Tage frei von Hochwasser.

Oben in der Wiese zwei Menschen und zwei Hunde. Ein Fragezeichen zittert, dann spannt sich eine Leine am Rottweiler, das Tier steht stille.

Zur Kernmühle hinab, „Privatweg“ und schon der nächste Brückenort, es geht seitlich ins Tal hinein in Märchenschlaf, noch ein schattiger Grund mehr auf dem Weg. „Eichendorff hätte sich hier wohlgefühlt“. „Er war wohl nur hier für seine Gedichte“, hoch zum Schloss.

Dann gebändigte Wege; ein, zwei alte Menschen, die uns entgegenkommen, Crailsheim zu sehen, westlich davon auf einer Höhe ein Turm, eine Kirche vielleicht, die ich auf der Karte nicht finde. Im Osten fällt ein langer, gerader Höhenzug ab, es mag der Hesselberg sein. Und da kommt bereits der nächste schlammige Feldweg, der nächste Waldweg hinab zum Fluss, die nächste weite Wegschleife am Fluss.

Am Wasser ein lauschiger Hof, die nächste Mühle, der Fluss fällt über eine Staustufe ab. Inselchen und Enten, drüben Ziegen, auf der Wiese ein kleiner schützender Kreis von Bäumen, er ist das Gegenteil eines Hexenrings, vollkommener Schutz, eine Verkörperung jeden Kindertraums. Nichts Böses, nichts Unverständliches kann hier im engen Kreis dieser Bäume widerfahren. Nieselregen setzt ein, ganz mild, er formt Kreise auf dem Wasser, die Tropfen vom Himmel stimmen mich heiter, alles ist ein großer Frieden.

Am Auhof steht ein Hänger auf dem Feldweg, ein älterer Bauer und ein nicht so alter laden lange Holzscheite auf den Wagen. Sie schauen uns an, von Weitem schon, Zögern in ihren Gesichtern. Wir grüßen und sind schon vorbei. Wundersame alte Bäume, eine Wasserreserve mit Blick auf die Stadt, ein großes Pferd.

Am Kieswerk noch einmal eine einstige Mühle, die Stadt ist schon sehr nahe. Ein Mann kehrt sehr gemächlich vom Fluss zu seinem Handkarren zurück, Werkzeug in den Händen. Er hatte Uferbäume beschnitten im Nieselregen.

Über Gleise hinweg, die Schienen lange Fluchten, so gerade wie nichts bisher auf diesem Wege, dann in eine uniforme, verwechselbare Siedlung hinein. Ein Geländewagen Hidalgo rebelliert mit seinen Länderplaketten und Safariklebern und einem Sticker „n‘Scheiß muss ich“. Der Traum der großen Freiheit im bürgerlichen Vorort.

Am Friedhof lassen wir die Wegweiser und queren hinüber ins Zentrum der Stadt, suchen den Treffpunkt, von dem S. eine Beschreibung erhalten hat, und finden ihn nicht. Wir irren hin und her und ich frage mich, wieso wir nicht einfach einen Menschen auf der Straße fragen, als wären wir in einem merkwürdigen Spiel, das vorschreibt, andere zu ignorieren. Und dann breche ich diese Regel und frage doch jemanden und gleich sind wir am Ziel.