Lichter Nebelung

Im Sommer vermisse ich die Glut, das ist wahr. Ein Trost sind die vielen Sonnenstunden in den kalten Monaten. Dann liegt der Nebel oft unter uns, im Flusstal, im Unterland gen Norden. Dieses Jahr zeigt sich der Nebelmonat ganz besonders licht. Ich weiß nicht, ob ich im Allgäu je zuvor einen solch sonnigen November erlebt habe. Dieses Geschenk nehme ich gern an.

Erst recht, wenn es sich mit einem zweiten verbinden lässt. Es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, einen Nachmittag alleine draußen zu sein, frei schweifen zu können, um neue Wege zu gehen und sie in Beziehung zu setzen mit Orten, die ich bereits kenne. Heute habe ich eine solche Gelegenheit. Ich suche mir einen Punkt auf einer Linie, die ich bereits einmal gegangen bin, und schreite von diesem weiter aus. Jeder Schritt wird nun zu Entdeckung.

Schattseitig sind die Wiesen weiß, die Grashalme umfangen von Eiskristallen. Wo ein Sonnenstrahl den Boden erreichte, erscheint Farbe: Grün, mit einem Stich von Braun. Überall sind Höfe über die Hügel verstreut, vereinzelt oder in losen Grüppchen zu Weilern geformt. Laufenten watscheln an gefrorenen Teichrändern entlang, Kinderspielzeug steht im Hof. Meist sind es Zugmaschinen – Traktoren – mit Tretpedalen, auch dort, wo die Höfe längst nicht mehr bewirtschaftet sind. Auch unsere Tochter hat Freude an einem solchen Traktor. Sinkt die Popularität dieser Spielzeuge in den Städten?

Ich steige an einer Reihe von Buchen entlang einen Feldweg hinauf. Oben schließt sich ein Teersträßchen an. Ein Mann und drei Buben schlagen Markierungspfähle an den Straßenrand. Nächste Woche soll Schnee kommen. Der Horizont liegt in einem weiten Bogen unter Nebel, sehr dunkel im Norden, grau im Osten bis an die Alpen heran. Erst das Massiv der Zugspitze leuchtet wieder in der Sonne. Ich frage mich, nicht zum ersten Mal, wie viele Tage ich von zuhause aus wandern müsste bis an ihren Fuß.

Im Tal der Rohrach schlage ich einen Bogen zurück. Ein Landwirt hat hier eben noch Gülle ausgebracht auf den gefroreren Boden. Einsickern kann sie kaum. Ich wate hindurch an den nächsten Waldrand, tiefer in die Einsamkeit des Tales hinein, am Wüten von Bibern vorbei, die bereits den halben Baumbestand am Gewässerrand abgeholzt haben. Später an der Sägerei lasse ich den Bach links liegen und steige über einen Pfad auf den nächsten Hügel hinauf.

Gegen Sonnenuntergang bin ich zurück am Wagen. Es ist eiskalt. Ich bekomme die Tür nicht auf, probiere es immer wieder, fluche, spekuliere schon damit, dass mich jemand mit dem Zweitschlüssel abholen müsse. Dann entriegelt sich die Tür doch noch beim zehnten oder zwölften Versuch. Später höre ich, dass Autofahrer angehalten haben, um den prächtigen Sonnenuntergang zu bewundern. Ich bemerkte davon nichts im Schatten des Hügels, als ich endlich den Motor starte. Die Wand im Osten rückt dem schwindenden Lichte nach.

20 Minuten später liegt die ganze Welt unter Nebel. Dann Dunkelheit.

Drinnen im Schein der Kerze gurgelt Tee in die Tasse.

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