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Das Leuchten des Wassers

„Ich nahm das Wasser, trank es; es war köstlich und leuchtete, wie auch das Glas in meiner Hand.“ Wie Ernst Jünger seinen Opiumrausch beschreibt, so müsste das Leben doch solche Momente auch ohne Rauschmittel schenken, nicht immer, das wäre zu viel verlangt, aber immer wieder. Das nennte ich Lebenskunst. Stattdessen das verhasste Gefühl, nicht zu genügen.

Für den Schnee ist kein Platz mehr, es bleibt nur, ihn mit der Schaufel die Böschung hinaufzuwerfen. Das Handgelenk schmerzt von Stunden windumtost auf deinem Dach, das ich von kniehohem Schnee befreite, der Horizont gleich drüben auf dem Feld ein wirbelndes Weiß, Vorboten eines Sturms. Der Rotz lief mir aus der Nase, langsam sickerte die Nässe durch das Leder der Bergstiefel und das Herz erzitterte vor archaischer Lust. Das Gestern.

Nun schmerzt das Handgelenk, das Frühstück misslingt, der Fluss des Vorabends ist versiegt und ein Mensch ist nicht im Reinen mit sich selbst. „… ständig das Gefühl zu haben, nicht zu genügen, als ob ich scheitere, aber nicht so ganz weiß, warum“, lese ich auf dem Display und ich weiß, wie er sich fühlt.

Es pfeift ums Haus, dem Westwind ausgeliefert, der Schnee wird schwer, die Straße trügerisch, dann kommt der Regen. „Falling Down“, der Widerstand der Ohio-Indianer – Shawnee, Delaware, Mingo im Frontierkrieg -, ein Zitat von Handke, ein Geburtstagsbesuch, einen zweiten schon im Vorfeld abgesagt, ein letztes Mal für heute die Schneeschaufel in die Hand, das Buch von Onetti lege ich weg, zu sehr beunruhigt es mich, also Ernst Jünger, wie bieder der Grabenkämpfer doch sein konnte, also doch lieber wieder Peter Handke?

Dann dreht sich der Schlüssel im Schloss, sie tritt ein und alles ist Vertrauen.

 

Die grüne Hölle

Hinein in die Provinzstadt, an der Höhe vorbei, wo vor 2000 Jahren römische Verwaltungskräfte ihre Villen gebaut haben, als der Ort tatsächlich für einige Jahre Provinzhauptstadt war, heute aber Möchtegernmetropole der „Grünen Hölle“, wie ein Schriftsteller einmal das Allgäu genannt hat, ein hiesiger, und das darf und muss er ja auch sagen, sonst wäre er nicht Schriftsteller, sondern Panegyriker.

Ein paar Flocken fallen, an der Einfallsstraße meterlange Eiszapfen, trotzdem Tauwetter, zumindest sackt der Schnee zusammen. Bücher sind gegangen, andere kommen schon nach, es ist, rede ich mir ein, das Ideal, nicht eine stetig größer werdende Sammlung aufzubauen, sondern eine immer bessere, treffendere, mir angemessenere Auswahl an Büchern zur Hand zu haben. Das ist selbstredend ein Prozess, der nie aufhört, solange man lebt, sich bewegt.

Die weltbeste Butterbreze – sie gehört zur Habenseite der Möchtegernmetropole der Grünen Hölle – lasse ich links liegen. Bis zum Ende des Monats werde ich kein Getreide essen. Dampfig ist es in dem Café, obwohl, vielleicht auch nur warm, die Scheiben sind nicht beschlagen. Es läuft zu einem Brei unkenntlich gemachte Hintergrundmusik, sie bedrängt mich, lieber wäre mir, nur das Stimmengewirr und die klirrenden Gläser und den Schlag des Kaffeelöffels an Keramik und das Stapeln der Espressotassen zu hören.

Wie schön war doch die Stille, als ich morgens die Augen nach der Meditation öffnete. Die Verschmutzung unserer Welt findet auf unzähligen Ebenen statt, denke ich mir auf meinem Barhocker und schaue hinaus.

Ich nehme den letzten Schluck und mache mich auf, ein Dach von Schnee zu befreien. Das aber ist eine andere Geschichte.

Weiß

Am Abend wieder ein paar Bücher aussortiert. Ein Bedürfnis, alles leichter zu machen, weg, weg, weg. Raum schaffen für Neues, das muss es wohl sein, denn für eine Planung hin auf den Tod ist es zu früh.

Gehe ich nochmals in den Hof hinunter, um Schnee zu schaufeln? Ein Blick aus dem Küchenfenster zeigt, es würde sich lohnen. Was ich jetzt noch in der Nacht wegschaffe, wird morgen Früh nicht zur Last. Über dem First krängt, vom Westwind getrieben, der Schnee, löst er sich, wird er hinabstürzen auf das Auto – vorhin noch rot, schon wieder weiß –, woran ich nie denke, wenn ich aus dem Fahrzeug aussteige, froh, den Berg wieder einmal hochgekommen zu sein. Es ist, so betrachtet, doch tapfer, dieses kleine Ding, dessen Entwickler von Sommer in Burgund geträumt haben mögen.

Der Schnee verändert alles: Tagesrhythmen, Raum und Zeit, Innen und Außen, wird Gefahr, wird reinste Schönheit. Morgens schaute ich hinaus, auf die erstarrten Wälder, auf das schwarze Blank des noch frei fließenden Baches, die Weichheit eines jeden Lautes unter dem Fall der Flocken, das Schimmern im Licht, die Klarheit des Atems.

Die Eschen singen nackt im Eis.

Oder selbst die Strukturen schaffen

Der Hof ist eine Falle und der Wind hat uns hineingetrieben. Verschlossen ist das Gattertor zum Steg, ein Sprung zu weit, alles zu kalt. Ein Fenster öffnet sich und die heimliche Beobachterin zeigt sich als Engel. „Ihr wollt über den Bach? Dann geht dort hinter die Hütte, da ist eine Brücke.“ Wir finden ein Schalbrett überm Gewässer, die Enden auf Ziegeln aufgelegt, mit Schraubzwingen fixiert. Eis liegt auf der Planke. Ich trete auf das Brett, es knackt im Holz, es knackt im Eis, beides trägt. Die anderen folgen, über die weiße Wiese schwärmen wir aus.

In einem russischen Auto werde ich zur Arbeit gefahren von einer blonden Frau mit blassgrünen Augen und blasser Haut, in ihrem Haar hängt Eis. Kühl und nordisch sieht sie aus, aus dem Winter kommend, aber doch, das ginge auch, aus dem russischen Winter, mit jenem Gesichtsausdruck einer unbeeindruckbaren Agentin. Das Auto ist direkt, ungeschminkt und ursprünglich: die Motorengeräusche kernig, die Technik Mechanik, am Handgriff über der Tür hängt ein Karabinerhaken. An den Knien ist es kalt. Die Sonne geht auf, sie wärmt nicht, aber es ist gut.

„Oder selbst die Strukturen schaffen“, sagte ein Kollege am Mittagstisch. Verzweifeln ließe sich leicht an der Welt. Und wenn einen dies und das bearbeitet hat, reicht manchmal der Anblick einer niedergeholzten Hecke, der nun nackten Kreuzung, um in alttestamentarischer Verzweiflung die Hände in die Höhe zu werfen. Das Heilmittel haben wir immer selbst in der Hand. Jeder unserer Einkäufe, jede unserer Begegnungen, jedes unserer Worte ist eine Entscheidung, die wir treffen. Daran denke ich mir, als ich die Hände aus der Höhe sinken lasse und mein Panzerhemd abstreife und den Rock darunter und mit offenem Herzen da stehe und Menschen Worte schenke, die kein Richter auf Erden verlangen würde und die die Welt trotzdem schöner machen.

Es liegt an uns.

Kreise ziehen

Als die seit Tagen alles erdrückende Wolkendecke aufreißt, habe ich noch eine gute Stunde.

Ich beschließe, meinen Geburtsort zu umrunden. Nicht aus Sentimentalität, Erinnerungen an jene allererste Lebenszeit habe ich keine, auch nicht schöner Wege wegen. Vielleicht um den Ort nochmals anders kennenzulernen.

Am Bahnhof starte ich meine Runde, er ist mir der erinnerungsträchtigste Ort in dieser Marktgemeinde. Wie oft bin ich in meinen Jugendjahren hier mit dem letzten Zug aus der Stadt gekommen und dann zu Fuß die vier Kilometer nach Hause gegangen. Regen war dabei nicht die schlechteste Wahl, denn dann fühlte ich mich getarnt an jener kurzen Strecke durch den Wald, wo der Weg ausgerechnet am steilsten wurde und auch noch die Kadaverkiste stand damals im letzten Jahrhundert und mich immer die namenlose Angst vor der Dunkelheit erfasste.

Ich erinnere mich, als ich die erste Bahnunterführung passiere, von der das Sträßchen hinaufführte auf die Endmoräne, an jene Liebespein im Hochsommer, als der letzte Abendglanz am Horizont meinen Herzschmerz in ein Gedicht formte, oder einen feuchten Herbst, als ich in Stiefeln, die mir nicht passten, erst zum Zug hinunterjoggte und dann zurück aus der Stadt mit blutigen Fersen dahinschlich, bis ich die Stiefel auszog und barfuß ging über den nassen, kalten Asphalt.

Nach der zweiten Unterführung schlage ich mich nach rechts. Eine von Eschen gesäumte Allee öffnet sich von mir, von ihr hatte ich nichts gewusst. Am Wegesrand kauert das Schützenhaus, der Ostwind beißt sich in mein Gesicht. Er schmerzt in der Nase, ich atme durch den Mund, es ist besser, wenn auch widersinnig. Ich biege auf eine Wiese ab, quere sie nach Gutdünken. Das ist die Freiheit des Winters.

Bald habe ich Wertstoffhof und neuen Kreisverkehr hinter mir. Ein Schlenker hinüber übers Feld in den DM? Ich entscheide mich dagegen. Nichts, was ich gerade wirklich von dort bräuchte. Ein Schild kündigt weiteren Grünflächenfraß durch Gewerbebauten an. Auf dem Fußballplatz neben dem Freibad spielen Männer Fußball. Scharf pfeift der Schiedsrichter, scharf pfeift der Wind. Nicht alle tragen Mützen, manche Waden sind nackt.

Dann gehe ich wieder auf einem unbekannten Weg. Am Tennisverein vorbei, danach ein versteckter Bauernhof, gegenüber ein Stock, aus dem ein ganzer Wald von Haselbüschen wächst, Dutzende von dünnen und nicht so dünnen Stämmen auf kleinstem Areal. In eine bewaldete Senke hinab, ein Bach fließt, mehrfach gebremst von Betonwehren, der Iller entgegen. Technobässe jenseits der Baumlinie.

Ein Feldweg kurvt um den Ort herum, die Musik verebbt, die Sonne steht am Wolkenrand, Strommasten der Überlandleitung. Das Lauteste ist nun der Wind. An einem Oma-Häuschen vorbei biege ich in die letzte Straße der Neubausiedlung. Um die Ecke einer Thujahecke kommt mir ein Herr entgegen – der erste Mensch, der mir auf meiner Runde begegnet -, wir schlingern beide ein bisschen, bis wir herausgefunden haben, wie wir einander ausweichen.

Dann die Unbarmherzigkeit der Waschbetonsiedlung, drei Stockwerke leicht versetzt aufeinandergestapelt, und das ins Dutzendfache wiederholt, Schrecken der 60er- und 70er-Jahre. Mir ist es recht, gleich wieder hinauszuziehen aus dem Ort, der Feldweg gen Norden, hinüber ins Moos, wird mir zur Flucht.

Auch andere atmen hier auf. Und jedesmal wieder die Überlegung, sage ich „Hallo“ oder „Servus“ oder „Grüß Gott“. Ich prüfe rasch Gesicht, Aussehen, Erscheinung und entscheide mich dann. Manchmal treffe ich den richtigen Ton, manchmal nicht. Ein Mädchen hangelt sich unter einem Stacheldraht hindurch, ein blonder Junge steuert einen Traktor, er nickt mir zu. Ein Schafstall, die vom Wind gehärtete Oberfläche des Schnees in Schollen zerbrochen.

Eine Kehre und schon habe ich den Ostwind wieder im Gesicht. Der Feldweg ist eine Bahn aus Eis, Kinn und Wangen schmerzen, da schützt der kurze Bart kaum, dazu müsste er schon sehr viel länger sein. Die Strecke wird ein fröhlicher Kampf. Bis ich die ersten Häuser erreiche, bin ich wieder versöhnlicher gestimmt.

Zum Bahnhof fünf Minuten, zeigt ein Schild, alle Wege sind mit Wanderschildern versehen, der Fremdenverkehr will kein Irregehen. Fremd bin in gewisser Weise auch ich. Ich kenne niemanden in diesem Ort, wird mir bewusst – ein Trampelpfad hinter Leitplanken -, zumindest niemanden so gut, dass man sich wechselseitig einladen würde. Als ich am Bahnhof anlange, weiß ich, dass ich das ändern will. Ganz sicher gibt es unter den paar Tausend Menschen hier auch welche, auf die ich mich freue, sie kennenzulernen. Ja doch, so stehe ich am Ausgangspunkt meiner Reise, der Kreis ist gezogen. Nun gilt es, Kundschafter auszusenden …

Aber zuerst die Sauna. Binnen Minuten erhöht sich meine Umgebungstemperatur um 100 Grad, der Atem müht sich nun auf andere Weise, Wasser tritt aus den Poren. Am längsten nistet die Kälte zwischen Lippen und Kiefer.

Winter_Schnee_Feldweg_Allgäu

Winterfarben

Im Tal ist der Schnee schwer und nass, die Bäume sind schwer und nass, alles ist schwer und nass und kalt und unter Wolken begraben. Ich mag den Monat meiner Geburt nicht.

Über einen bewaldeten Kamm stapfen wir den Hang empor, immer wieder an starken Bäumen vorbei, die geknickt sind wie Streichhölzer von Männerhand, und wir reden über einen, der einen Achttausender ohne Sauerstoff in 16 Stunden bestiegen hat. Er ist so schnell hinauf und wieder herab, dass er sich wegen Höhenkrankheit keine Gedanken machen musste. Und wir keuchen bereits auf dieser Steigung im Wald.

An der Dolde einer Engelwurz haben sich Eiskristalle festgesetzt. Spuren von Has und Fuchs im Schnee, wir sind die ersten Stiefelträger seit Tagen. Oben am Rand der kleinen Hochebene strecken sich starke Tannen zwischen den Fichten, Misteln sammeln sich im Geäst, drüben die Silhouetten nackter Laubbäume vor dem Wolkenhimmel. Dort wird der Weiler Gerstland sein. „Wo die Laubbäume stehen, sind die Menschen nicht weit.“ Auf der weißen Wiese ist ein Haufen aufgestapelt für das Funkenfeuer am Abend. Eine Mopedspur im Schnee, immer wieder rechts davon ein Fußabdruck, wo der Fahrer seinen schlingernden Kurs abzusichern hatte.

Am ersten Hof ein Fuhrpark aus drei Fendt-Traktoren, in der Wiese vor dem Haus ist ein Schneepflug abgestellt mit vielen bunten Handabdrücken, der Hof eine Fassade aus Holzschindeln und Klinkerbau, man sieht an ihm schon das Westallgäu. Am nächsten Hof der Geruch von Funkenküchle – in Fett ausgebratenen Krapfen für den Abend. Die Frauen also sind fleißig, und die jungen Männer werden sich abends betrinken, und wo der Funken wetterbedingt abgesagt wird, betrinken sich die jungen Männer halt auch ohne das wintervertreibende Feuer aus alter Zeit.

Der Schritt ist schwer im Schnee, manchmal knackt Eis, da ist ein Mensch, ein Hund. Abgesetzt vom Tann wacht eine Tanne mit Zweigen so dicht, ein Mensch könnte sich darin verstecken und nicht gesehen werden. Unter den tiefen Ästen kein Schnee, der Baum ehrwürdiger Schirmherr über einen Flecken Wiese.

Ein Hohlweg, dann am Waldrand entlang, winterleere Hütten, die Fußspuren fallen ab, der Weg windet sich zwischen Holz und Hang dahin. Es ist ganz still und einsam. Dann zwischen mächtigen Nadelbäumen ein Pfad, zugeweht im schweigenden Wald, es ist ganz Winter, ganz Menschenferne, als läge er jenseits der Mauer, die Westeros durchtrennt. Jenseits eine halb verschneite Spur, ein schlankes Kreuz auf einer baumfreien Höhe, dann durch tiefen Schnee hinab. Er löst sich bei jedem Tritt und rollt in hastiger Flucht den Schritten voraus, kreuz und quer springen und hüpfen die Kügelchen vor uns her. So klein ist eine Lawine etwas Heiteres.

*

„Doa bin i numm gradelt, doa waret scheene Kiah dinn.“ In der Stube der Königsalpe tickt eine Uhr, ein Kachelofen wärmt, schwarzweiß blickt von der Wand der einstige Besitzer Bonaventura König herab, eine historische Karte klärt über die Zeiten auf, als das Land noch nicht zu Bayern gehörte. Nur an einem Tisch sitzen noch Leut‘, als wir eintreten. Es ist 16 Uhr, vielleicht sind wir die letzten Gäste auf Wochen hin, ab Ostern ist dann wieder sicher offen. Am Holztisch neben dem Ofen lassen wir uns nieder und es ist gar nicht zu vermeiden in solch einer Stube, dass man das Gespräch der anderen hört. Die Wirtin, der Wirt, ein Besucher, in der Färbung eines gelebten Dialekts geht es um die ewigen Themen des Bauernstandes: um die Rinder und das Bauen, Beziehungen und Suizid, Glück und Unglück. „Da willst du für 20 Kühe bauen und dann wird dir der Platz für 40 vorgeschrieben. Immer bauen und bauen, das kannst du doch auch nicht.“ „Sie ist bei ihm eingezogen, sie hat halt einen Unterschlupf gesucht. Aber das ist ja auch recht.“

Die Ohren glühen ganz warm. Ich ziehe den Wollpullover aus, über das Shirt darunter ziehen sich Salzstreifen. Den Rücken an die warmen Kacheln gelehnt, lausche ich, lausche den Worten am Nebentisch, ihrer Farbe, dem Tosen des Feuers im Ofeninnern, ein beruhigendes Geräusch, ein Klang der Kindheit.

*

Und auf dem Abstieg dann die Farben: unendlich viele Töne Grau, das dunkle Grün der Nadelbäume, ins Schwarz versinkend, das zu Blau wird, je ferner die Wälder stehen, das Weiß des Schnees und über allem ein metallischer Glanz. Was auf dem Aufstieg Eintönigkeit war, ist nun Reichtum. Und da liebe ich den Monat meiner Geburt.

Allgäu_Winter_Westallgäu_Königsalpe_Gschwend

Itinerar an der Jagst

Die historische Altstadt im Nirgendwo ist so schön und einsam, dass sie verdächtig wirkt, der Blick hinab in die Windungen des Flusstals so lauschig und traumumwoben, man möchte weglaufen. Es ist, als wäre man nach einem halben Leben in einem alten und ‚wahren‘ Deutschland der Märchen und romantischen Dichter angekommen. Die Schattenseite dieser Welt will ich nicht wissen. Ob die Dark Zone mit Totenkopf auch dazu gehört? Oder nur ein überlebenswichtiges Ventil in dieser Idylle ist?

Im hübschen Schlosscafé will ich zuerst nichts und bestelle dann doch einen Käseteller, während S. einen Kaffee trinkt. Eine Einkehr, bevor wir uns überhaupt auf den Weg gemacht haben. Als der Teller kommt – üppige Stücke aus der weithin bekannten Bio-Käserei in Geifertshofen und viel Drumherum – erschrecke ich. Wie soll ich das alles essen? Und dann noch wandern? Die Chefin, zuerst ein wenig grob zu ihrer Mitarbeiterin, dann entwaffnend ehrlich gegenüber ihren Gästen, steht in meiner Sichtlinie. Ich mustere sie: ihren starken Rücken, der ein gutes Stück älter ist als meiner, ihren Hintern, den Stand ihrer Beine und merke plötzlich, wie es mir kribbelig wird, während ich mit meinem Käseteller kämpfe.

Schöneck nach der ersten Steigung – ein müder Bärtiger rollt die Mülltonne an die Straße.

Ein letzter Blick auf die entrückte Altstadt aus dem hölzernen Aussichtspunkt heraus, dann geht es in Serpentinen hinab durch Auenmischwald. Immer wieder liegen Baumstämme quer. Manchmal umgehen wir sie auf rutschigen Böden, manchmal klettern wir über sie hinweg. Der Jahresausklang ist kalt und schneefrei. Kein Mensch auf den Wegen außer uns.

Ein weißer Reiher tief unter uns flieht davon. Schaden könnten wir ihm auf diese Entfernung nicht zufügen, womit auch immer. Außer vielleicht mit Zauberei, mag der Vogel denken, und erhebt sich ungelenk in die Lüfte.

Eine Parallele zum Fluss, dann eine Biegung hinweg: ein sehr kurzer Hohlweg, eine Schautafel des geologischen Aufbaus, Ruhm prähistorischer Fossilien. Die Schichtungen des Steins sind scharf in den Hang gezeichnet.

Bevor wir aufs offene Feld treten, schlage ich Wasser ab, aber dann führt uns der Weg doch nicht dort hinaus, wo ferne Menschen schlendern, sondern am Hang entlang auf Pfaden halb um das kleine Dorf herum. Es ist ein weiterer verwunschen-schöner Ort: Hammerhämmern, ein Kinderruf, Stille zwischen Höfen. Mir gefällt die Vorstellung, den Weg im Sommer zu gehen – verborgen im belaubten Wald und doch stets den Flecken im Blick zu haben, unsichtbarer Beobachter einer anderen Welt. Ein archaischer Blick, der von Indianern oder von Feen vielleicht.

Brückenorte. Immer wieder führen flache Brücken über den Fluss und ein paar Häuser werfen sich drumherum. Ein Bauer wirft den Unimog an und zieht seinen Holzschlepper an uns vorbei. Wir biegen ab, an den allgegenwärtigen Apfel- und Birnbäumen vorüber, krüppelig wie aus einer vergangenen Zeit und dabei so wunderschön. Wir schwenken am Waldrand nach links, statt gerade übers Feld zu ziehen, und kommen in eckigen Bahnen um ein Feld herum dann doch dorthin, wo wir geradeaus gelandet wären. Immer wieder macht der Weg an der Jagst Umwege, Schleifen, Bögen, auf und ab. Auf der Lichtung ist die nackte Erde gefroren.

Über kantiges Gestein sucht der Weg die Höhe, freigewaschen von aller Erde, nur schlüpfriges Laub schichtet sich darüber und dann geht es schon wieder hinaus aus dem Wald, auf die Hochebene. Der strenge Wind weht uns Schweinegeruch entgegen, eine Windung des Weges bringt uns in Sicherheit. Heroben sind die Wege schlammig, der Frost ist am Fluss geblieben.

Ein Bauer spielt mit seinem großen Hund, einem Kalb. Als das Tier uns sieht, springt es mächtig auf uns zu. Ich bleibe stehen, hinter mir höre ich ein „oh nein, das brauche ich nicht“, und ich, der so rasch zur Furcht bereit ist vor unbekannten Hunden, weiß augenblicklich, dass es an mir liegt, der Stärkere zu sein. Und so lasse meine Hände entspannt hängen und spreche einen freundlichen Satz zu dem Hund, und Angst spüre ich keine, denn ich habe die Aufgabe, sie nicht zu haben. Der Hund umrundet uns einmal, lässt dann von uns ab. Der Landwirt, der uns nicht grüßt, klatscht dem Tier unter Tadel auf die Flanken.

Wieder hinab zum Fluss. Wie herrlich müssen die Auen im Sommer sein, wenn sich Äste grün über das Wasser beugen. Moos leuchtet am Hang auf, leuchtet auf den Steinen selbst noch am trübsten Spätdezembertag. Bei Hochwasser sind diese Wege geflutet.

Von der einstigen Heinzenmühle steht nur noch das Grundgemäuer. Ein Grillplatz, dort ein überdachter Steg hinüber aufs andere Ufer, die Talwände drüben Schichtgestein. Bald Ruinen am Wegesrand, nur noch Mauerreste, im Fenster noch nutzlos ein rostiges Gitter.

Unter der Autobahn hindurch, oben klappert es, wann immer ein Fahrzeug über die Brücke fährt. Im Fluss Inseln, bekiest und baumbestanden, wandelbares Land, geologisches Amphib.

Ein Bachlauf zweigt ab zur Hammermühle, das schmale Tal lockt. Wir aber bleiben am Flussufer. Schönheit hier wie dort, falsch kann keine Entscheidung sein. Der Uferweg wird noch wilder, wir bücken uns unter Ästen, weichen Schlammpfützen aus, balancieren auf schmalen Grasstegen.Wie viele Menschen gehen diese Wege? Das Wasser neben uns dunkelgrün. Der Wunsch, in der lichten Jahreszeit im Kanu hinabzutreiben oder auch schwimmend.

Gegenüber einer Kiesgrube wieder empor. Ein Schild – „permanender Weg“, ein Schreibfehler oder ein Fachbegriff, den nicht einmal das Internet kennt? – erklärt uns, dass wir den Weg, den wir hinter uns haben, gefahrlos gehen können, an diesem Tage frei von Hochwasser.

Oben in der Wiese zwei Menschen und zwei Hunde. Ein Fragezeichen zittert, dann spannt sich eine Leine am Rottweiler, das Tier steht stille.

Zur Kernmühle hinab, „Privatweg“ und schon der nächste Brückenort, es geht seitlich ins Tal hinein in Märchenschlaf, noch ein schattiger Grund mehr auf dem Weg. „Eichendorff hätte sich hier wohlgefühlt“. „Er war wohl nur hier für seine Gedichte“, hoch zum Schloss.

Dann gebändigte Wege; ein, zwei alte Menschen, die uns entgegenkommen, Crailsheim zu sehen, westlich davon auf einer Höhe ein Turm, eine Kirche vielleicht, die ich auf der Karte nicht finde. Im Osten fällt ein langer, gerader Höhenzug ab, es mag der Hesselberg sein. Und da kommt bereits der nächste schlammige Feldweg, der nächste Waldweg hinab zum Fluss, die nächste weite Wegschleife am Fluss.

Am Wasser ein lauschiger Hof, die nächste Mühle, der Fluss fällt über eine Staustufe ab. Inselchen und Enten, drüben Ziegen, auf der Wiese ein kleiner schützender Kreis von Bäumen, er ist das Gegenteil eines Hexenrings, vollkommener Schutz, eine Verkörperung jeden Kindertraums. Nichts Böses, nichts Unverständliches kann hier im engen Kreis dieser Bäume widerfahren. Nieselregen setzt ein, ganz mild, er formt Kreise auf dem Wasser, die Tropfen vom Himmel stimmen mich heiter, alles ist ein großer Frieden.

Am Auhof steht ein Hänger auf dem Feldweg, ein älterer Bauer und ein nicht so alter laden lange Holzscheite auf den Wagen. Sie schauen uns an, von Weitem schon, Zögern in ihren Gesichtern. Wir grüßen und sind schon vorbei. Wundersame alte Bäume, eine Wasserreserve mit Blick auf die Stadt, ein großes Pferd.

Am Kieswerk noch einmal eine einstige Mühle, die Stadt ist schon sehr nahe. Ein Mann kehrt sehr gemächlich vom Fluss zu seinem Handkarren zurück, Werkzeug in den Händen. Er hatte Uferbäume beschnitten im Nieselregen.

Über Gleise hinweg, die Schienen lange Fluchten, so gerade wie nichts bisher auf diesem Wege, dann in eine uniforme, verwechselbare Siedlung hinein. Ein Geländewagen Hidalgo rebelliert mit seinen Länderplaketten und Safariklebern und einem Sticker „n‘Scheiß muss ich“. Der Traum der großen Freiheit im bürgerlichen Vorort.

Am Friedhof lassen wir die Wegweiser und queren hinüber ins Zentrum der Stadt, suchen den Treffpunkt, von dem S. eine Beschreibung erhalten hat, und finden ihn nicht. Wir irren hin und her und ich frage mich, wieso wir nicht einfach einen Menschen auf der Straße fragen, als wären wir in einem merkwürdigen Spiel, das vorschreibt, andere zu ignorieren. Und dann breche ich diese Regel und frage doch jemanden und gleich sind wir am Ziel.

Die Spindel

„Die Gründe gehen über die Klarinette hinaus.“ „Mich interessieren mehr die Gemeinsamkeiten zwischen Mann und Frau.“ „… und in jenem Augenblick wurden alle zukünftigen Gedanken, Wörter oder Gefühle, die dieser Schädel hätte hervorbringen können, ausgelöscht.“ Ein Schauder erfasst mich, ein heiliger Schauder, als ich diese Sätze höre, auffange aus dem Äther. Dunst steigt vor den weißen Bergen auf, das Licht sinkt. Dann esse ich den letzten, den wirklich letzten Rosenkohl, den die Ahnin auf dem Hügel geerntet und damit an diesem Tag bereits einige ihrer Nachkommen gesättigt hat. Das Spinnrad quietscht, von ihrem Fuß in Schwung gehalten, und ich denke mit Erstaunen, dass ich dieses Geräusch zuletzt in meiner Kindheit gehört habe.

Schnee, Winter, Zeit, Strömungen, Generationen

Ins Licht

Grau, alles grau, wahrscheinlich über Hunderte von Kilometer hinweg. Über den Alpen aber ein dünner, lichter Streifen, ein Hoffnungsschimmer. Die Richtung ergibt sich also von selbst. Licht lockt nicht nur die Motten, und so machen sich die einen in die Berge auf, um Ski zu fahren oder Schlitten und sich dabei den Knöchel zu brechen auf vereisten Hängen, andere, um ein Stück Blau zu ergattern, an einem Südhang der Voralpen zum Beispiel, der ausreichend schneefrei sein sollte für eine Wanderung, bevor – morgen, übermorgen – wieder Schnee fallen würde.

Einmal auf dem Wege bricht die Wolkendecke auf für einen Augenblick. Ein Strahlenfächer senkt sich vom gleißenden Himmel herab, als offenbarte sich ein Gott aus der Höhe. Später dann Jubel, als der Schleier ein zweites Mal reißt und alle Hoffnung bestätigt: dort oben die grasige Höhe, leuchtend in der Sonne. Als der Fußweg beginnt, ist alles längst wieder begraben. Raureif wuchert auf den Gräsern und Zweigen, streckt seine mineralischen Fühler aus, als würden die Kristalle hineinwachsen in diese Stille des Winters.

Winter_Jungholz_Voralpen

Dichter Schnee erst auf dem Waldweg. Die meisten gehen geradeaus, bleiben auf dem halbwegs freien Asphalt, wo sich gleich hinter der Kuppe eine Alpe zeigen würde. Der Waldweg hingegen macht einen weiten Bogen durch den Tann. Tief waren Wanderer im Schnee eingesunken vor Tagen, die Ränder der Löcher sind hart vereist. In der Zärte des Neuschnees darüber kaum Spuren, da ging nach dem Fall nur ein Mensch mit Hund, groß der Mensch, klein der Hund, Seite an Seite. Das Gehen wird anstrengender, der Harsch aber trägt die meiste Zeit. Ein Glücksgefühl jeder Schritt, der nicht versinkt, gehalten von einer nur halb begreiflichen Macht. Über Wasser gehen für Anfänger.

Fichten liegen dahingeschlachtet von den Winterstürmen, zersplitterte Stümpfe ragen aus dem Forstboden. Die schnell wachsenden Flachwurzler in Monokultur sind leichte Beute für Gefahren: Windwurf, Borkenkäfer, Luftverschmutzung. Mittelfristig – und wo Bäume im Spiel sind, bemisst sich „mittelfristig“ schnell in Jahrzehnten – werfen sie eine höhere Rendite ab. Langfristig würden der Bergwald und alle von ihm abgeleiteten Größen von einem gesunden Mischwald profitieren.

Eisblumen zerbrechen unter den Fingern, ich weiß nicht, ob sich im schmelzenden Eis noch die Essenz einer pflanzlichen Struktur verbirgt oder andere Kräfte die Winterkristalle so formten. Schneewehen, zu tragendem Harsch verbacken, Lichtstrahlen zwischen vermoosten Stämmen, Wipfel in Helligkeit getaucht, dann das Blau wieder verschleiert, verhangen, verschwunden. Auf der spurenreichen Schneepiste ist der Himmel dann vollends frei. Mützen wandern in Jackentaschen, eine Eisfläche noch, dann der Aufstieg zwischen dürrem Gras, der Pfad eine Schlammspur, rutschiger als aller Schnee.

Oben schließlich ganz Licht und Wind und Weite. Gleitschirmsegler stoßen sich ab von der Bindung an die Erdenkruste und schweben hinaus in diese Weite, leuchten auf und verschwinden schon wieder in den Schwaden aus Weiß und Grau, ein Blindflug in die Niederungen der Welt.

Der Abstieg dorthin droht uns allen. Erst aber heißt es sich niederlassen auf Büscheln von Gras zwischen ausgetrocknetem Dung und Kalkgestein. Die Tiefe, sie darf noch ein bisschen warten.

Winter_Reuterwanne_Grünten_Allgäu

Gedanken am Eingang der Grabkammer

Der Wind weht kalt. Die meisten Bäume tragen auch jetzt noch grünes Laub, am Hang erblüht die Wiese sogar gelb. Der Wind aber, der über die andalusische Ebene bläst, ist so kalt, dass ich mir meine Mütze wünsche im Sonnenschein.

Ich stehe am Eingang der tumba de Servilia. Hohe Treppenstufen führen hinab zwischen steingeschichteten Wänden. Die Pforte in die Grabkammer – freigelegt von Archäologen und heute unbedacht – steht offen. Unmittelbar jenseits der Schwelle leuchtet der Boden auf im Licht der Dezembersonne. Danach Schatten zwischen Steinwänden. Die weitläufige Grabanlage geht auf griechische Vorbilder zurück. Ich zumindest erkenne das nicht. Erahne nur an den Säulenresten, in einem Relikt aus der Antike zu stehen. Ob aber am Rande der Syrischen Wüste oder an der Grenze Schottlands, ob in Rumänien oder Marokko, Köln oder Karthago, das erkenne ich an dem Gestein nicht.

In eine Katakombe darf ich hinabsteigen, über eine fest montierte Aluleiter in eine rechteckige Grube hinab. Fast scharrt der Rucksack am Schacht entlang, ich drücke mich an die Leiter. Dann ein Durchgang in die Finsternis, irrationale Ängste blitzen aus tiefen Schichten meines Hirns auf, dann gewöhnen sich die Augen allmählich an das Dämmerlicht. Ich mache einen Schritt hinein und schließlich hat sich das Auge ganz angepasst und ich erkenne festgestampften Boden, die gemauerten Wände mit den je fünf Urnennischen an der Seite und einer größeren an der Stirnseite.

Das Grabmal stammt aus der frühen römischen Kaiserzeit, als Feuerbestattung allgemein üblich wurde und Urnen mit den Knochenresten in Familiengräbern abgestellt wurden. Später wurden die Knochenreste in eben der Grube beigesetzt, in der der Leichnam eingeäschert worden war, dann brachte das Christentum wieder die Erdbestattung zurück.

Mich beruhigt die Feuerbestattung. Gewiss ist der Akt der Verbrennung eines fleischlichen Körpers kein schöner. Und der Holzbedarf für den Scheiterhaufen – moderner gesprochen: der Energiebedarf unserer Krematorien – enorm. Aber mich beruhigt das reinigende Element. Verkohlte Knochensplitter in einer Urne strömen nicht den Schrecken eines wandelnden Leichnams aus, jener furchtbarsten Abnormalität der Vorstellungskraft. Intuitiv begreife ich, warum frühe Kulturen ihre im Erdreich bestatteten Toten bisweilen mit einem Stein beschwerten oder andere Vorkehrungen gegen eine Wiederauferstehung trafen.

Nun, ich nehme an, dass Gesellschaften, die in ihren Bestattungsriten für eine rasche Auflösung des verwesenden, weichen, schillernden, unsäglich stinkenden Fleisches sorgten – ob durch Feuer oder etwa auch durch Geier und anderes Getier, die das Gebein abnagten -, dass diese Gesellschaften einen anderen Schrecken der wandelnden Toten und Wiedergänger kannten, fleischlos eben, als Geister und Gespenster vielleicht. Sie sitzt tief verwurzelt im menschlichen Sein, diese Angst.

Vom Marktplatz her sind Weihnachtslieder zu hören, süßliche Lieder aus Lautsprechern ausgestrahlt. Die Fußgängerzonen auch der spanischen Städte sind unerträglich in den Wochen vor dem Weihnachtsfest. Der Kommerz erlebt seine Sternstunde, auch in den Werbeausstrahlungen des Fernsehens, zu dem ich an dem einen oder anderen Abend Einblick habe, anders als zuhause. Um die eigentliche Weihnachtsbotschaft geht es dabei längst nicht mehr. Heruntergebrochen ist diese frohe Kunde der Geburt Christi zwar merkwürdig, aber zugegebenermaßen doch tröstlich: Ein Gott inkarniert in der Welt, um sich so opfern zu können für seine eigene Schöpfung und ihr damit ein Weiterleben nach der Schwelle des Todes zu schenken. Zugegebenermaßen, das ist Trost in einer Welt, die nur das Fortbestehen als jammernde Schatten – Schatten unserer selbst im wahrsten Sinne des Wortes – in einer dunklen Unterwelt kennt oder – wieder modern gesprochen – die molekulare Auflösung von Nervenbahnen. Trotzdem ist es nicht meine Botschaft.

„Christ ist geboren“, hängt an roten Fahnen zwischen spanischen Nationalflaggen gegenüber an der Hauswand. „Frohe Weihnachten.“ Hinter mir, aus der anderen Richtung, dringen aus dem arabischen Imbiss religiöse islamische Gesänge. Ein hübscher Kontrast. Meinetwegen auch gute convivencia. Heute mag ich sie beide nicht. Da denke ich wieder an das Bildnis des Jesuitenpaters im Museum der Schönen Künste in Sevilla. Überlebensgroß, ein asketisches, intellektuelles, scharfes und schattenreiches Gesicht – ganz Krieger des Geistes -, der Körper nichts als Schwärze des weiten Gewandes, die ausgestreckte Hand am Totenschädel. Worte braucht diese Botschaft nicht. Wer sie trotzdem in die Sprache übersetzen will, findet sie in einer Kirche einige Straßenzüge weiter. Finis gloriae mundi – „Das Ende irdischen Ruhms“ – oder In ictu oculi – „In einem Wimpernschlag“. In einem Wimpernschlag kann alles nichtig sein, was du dir auf Erden angesammelt, errungen.

Zwei tapas, eine caña, ein café con leche über dem Pflaster des Platzes sind Wimpernschläge des Genusses, während ich diese Zeilen schreibe. Der Wind weht kalt auch hier im Herzen der Stadt und singt weiter sein Lied der Vergänglichkeit.

Spanien_Andalusien_Strand_Vergänglichkeit

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Und Weihnachten ist auch schon wieder vorüber. Der Jahreswechsel aber ist noch in Gange. Ein glückreiches neues Jahr  wünsche ich meinen lieben Leserinnen und Lesern!