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Die Macht der Genealogie

Gestern habe ich die ersten Schneeglöckchen gesehen, dabei war da ja noch nicht einmal richtiger Winter. Heute, ein paar Tage vor dem nächsten der Februarstürme, strahlender Sonnenschein, Vorfrühlingswetter, es ist einfach eine Lust zu sein, sogar Vögel zwitschern, als ich vor dem Bioladen des übernächsten Dorfes aussteige. Es ist das erste Mal, dass ich alleine mit der Tochter im Auto unterwegs bin, und ich frage mich, wieso erst jetzt, und dann fällt mir ein, dass das ja gar nicht stimmt, aber nie war es so schön wie heute.

Beim Dorfbäcker ordnet uns der Meister, siebzigjährig und ein entfernter Verwandter meiner Frau, seinen Mitarbeiterinnen gegenüber ein. Schaut, das da ist die kleine A, sie ist die Tochter von B, wisst ihr, die Tochter von C, also die aus D. Und er da ist der Vater von A, er wohnt in E und bald in F und kehrt also heim, so kann man doch sagen, oder?

So schnell bin ich eingeordnet in einen Strom aus Generationen, einem Netz aus Menschen und Orten. So begegneten sich Kamelnomaden in der Wüste und klopften Generation um Generation ab, bis sie sich eingeordnet, bis sie die Welt wieder geordnet hatten; so taten es die alten Weiblein in schwarzen Kleidern, wenn sie auf einem Bänklein zusammentrafen; so hatte es man früher wohl immer schon getan auf der Welt.

In der Stadt, an die ich mich über die Jahre gewöhnt hatte, dem Land entflohen, war das anders. Bande knüpften sich dort aus dem ungebundeneren Geist heraus, aus einer akademischen Lehre vielleicht oder einem Musikgeschmack. Die Nachbarn aber grüßten nicht, keiner tat es bis auf den grauen Juristen, der vom Balkon des dritten Stocks herab lächelte, irgendwann pensioniert, und den ich drei Jahre nach meinem Aufbruch aus der Stadt wiedersah, als ich, für kaum mehr als Augenblicke, in meinen einstigen Hinterhof zurückkehrt war, um diesen meiner Gefährtin zu zeigen, und da begegneten wir ausgerechnet dem ehemaligen Juristen, ausgerechnet ihm und keinem sonst, und er lächelte so freundlich herab wie vor Jahren und ich lachte hinauf und freute mich über dieses Wiedersehen, über diese Würdigung der Vergangenheit, diesen wohlwollenden Schlussstrich.

Und dann denke ich in der Bäckerei, wie die Beziehungslosigkeit der Stadt auch ihre Vorteile hatte, wie sie frei macht von alten Werten und Bewertungen, keiner, dem ich Rechenschaft schuldig war, niemand, den es kümmerte, was ich trieb, den es zu kümmern hatte, was abends in den beleuchteten Fenstern meiner Wohnung geschehen mochte oder auch nicht. Auf dem Land wird alles registriert. Alles wird eingewoben in dieses uralte Beziehungsgeflecht, wie von den Nornen in die Ewigkeit gewoben. Dieses Netz kann auch erwürgen.

Oder das Leben versüßen. „Hast du denn auch was Süßes mitgenommen?“, fragt mich der Bäckermeister, als ich die Klinke schon in der Hand habe. „Hier, nimm doch noch zwei Krapfen mit für den Nachmittag“, steckt er mir eine Tüte zu. Denn wir sind ja verwandt inzwischen, irgendwie.

Tauwetter

Es apert. Morgens, da trägt die Schneedecke. Später am Tage aber verwandelt sich die Oberfläche in einen sulzigen Brei und der Fuß bricht durch die noch feste, aber nicht mehr tragende Schicht darunter. Noch ist das Allgäu schneeweiß, aber von den Rändern her – an Waldsaum und Südhängen – breitet sich der Vorfrühling aus und gibt in diesem Jahr zum ersten Mal Gras und Erdreich dem gierigen Auge preis. Sonnseitig tropft Schmelzwasser von den Dächern und Vögel hört man wieder pfeifen, die ersten Stare sind zurück von jenseits der Alpen.

Der Weg zum Haus meiner Ahnen ist noch immer eine vereiste Fläche. Mit einer Stoßscharre hacke ich schattseitig einen Pfad frei, um der Großmutter das Gehen zu erleichtern, ein Stück weit zumindest bis knapp vor den Briefkasten, bis die Hand schmerzt. Dann gehe ich auf die Sonnenseite hinüber und finde dort, am anderen Seite des Grundstücks, einen trockenen Streifen zwischen Schneeflächen und der Haselnuss, die schon anschwillt, um bald ihre Pollen freizugeben. Dort breite ich ein Handtuch aus, ziehe mich aus, strecke mich. Wie mein Körper nach den Küssen der Sonne giert! Es ist Mitte Februar und ich liege nackt im Licht, die Berge im Blick.

Später, nach Kässpätzle und Mohnkuchen, verstaut der Onkel zwei große Stücke Bergkäse in seinem Trompetenkoffer, gleich Schmuggelgut auf seiner Rückfahrt ins ferne Berlin. Der Abendhimmel dann eine Palette von Pastellfarben und ein Versprechen für den nächsten Tag.

Es apert

„Wie still es ist“, sage ich zu meinem syrischen Begleiter, als wir das Dorf durchschreiten. „Ja“, bestätigt er nachdenklich. „Nirgendwo hört man Kinder.“

Daran denke ich, als ich vom Parkplatz an der Kirche aufbreche, das Sträßchen hinauf, und zum Kalvarienberg abbiege. Über Eisplatten geht es an einer Hütte vorbei, auf der Wiese vor dem ersten Stein rostet eine ausgeschlachtete Karosserie. Der Kreuzweg ist von einem greisen Bürger gestiftet worden, Bronzeskulpturen von schlichter Formgebung auf Granitplatten, eingerahmt von kugelförmigen Buchsbäumchen. Die Stationen fügen sich nicht in die Landschaft, sie sind Fremdkörper.

In den Bäumen zwitschern Vögel, endlich, denn wie ungewohnt wenige waren es den Winter über, manche – Kleiber, Dompfaff, Blaumeise – fehlten entgegen der Gewohnheit ganz. Der Wind ist zackig und frisch, aber die Sonne gewinnt an Kraft, erste Knospen rüsten sich zur Lebensexplosion. Eine Ahnung von Ostern mitten im Fasching.

Ein schwarzes Eichhörnchen schreckt empor, es setzt an zum Sprung auf einen Baum und stöbert dann doch weiter auf dem Boden. Der von Buchenblättern beladene Waldweg richtet sich direkt zur Mittagssonne. Auf einem Grat erhebt sich das Kruzifix, zu seinen Füßen eine kleine gemauerte Grotte. Eine Kerze flackert, ein geprägtes Amulett ist in das Hasengitter vor der Nische geflochten. Barfüßig steht die Mutter Gottes auf einem Stein, ein Rosenkranz ist fester Bestandteil der Figur, ein zweiter ist über ihre zum Gebet gefalteten Hände gehängt. Viel hilft viel.

Dahinter erst beginnt wirklich der Wald. Ein hölzerner Wegweiser verweist auf einen Burgstall. Er ist erst noch zu finden. Eine Buche strebt mit allen, teils schon krüppeligen Ästen gen Osten, ihre Westseite ist nackt. Der Pfad schlängelt sich über Wurzeln auf den Hügel. Hier war im schneefreien Dezember meine Großmutter mitgegangen auf dem Weg zu einer Krippenausstellung, ein Freund aus Stuttgart war zu Besuch, ein Teil der Verwandtschaft, ein schwarzer Hund. Zwischen rauschenden Fichten öffnet sich der Pfad bald auf eine Wiese, eine sanfte Hügelkuppe, fast ganz umgeben von Wald. Das Gras am Rand des Forstes ist winterblond und verblichen. Baumwurzeln ziehen sich meterweit in die Wiese hinein, monströsen Adern gleich, kaum verborgen von Erdreich und Gras.

Ein Stückchen Waldweg zwischen jungem Nadelgehölz, im Schnee nur noch Rehspuren, nicht mehr von Mensch und Hund, dann geht es schon wieder hinaus auf die Wiese, und nach Süden, wo das Rund des Waldes eine Lücke lässt, erheben sich die Alpengipfel. Widderstein und Großer Daumen rahmen das Blickfeld ein, mit jedem Schritt verschiebt sich die Perspektive, erst taucht das ebenmäßige Dreieck des Hochvogels auf, daraufhin das wuchtige Gaishorn, dann die Tannheimer, schließlich Säuling, Zugspitze, dann bin ich wieder im Wald. Früher trugen diese Namen kaum Bedeutung, mir waren die Berge gleichgültig. Ich habe sie erst in jüngerer Vergangenheit wirklich wahrzunehmen begonnen. Und jede Höhe, die man besteigt, offenbart nun eine Zahl neuer Ziele.

Vor mir sind sie wieder, flüchtiges Menschenwerk im knirschenden Schnee, die Tritte von Spaziergängern und ihrer Hunde. Ovale sind ausgestanzt, wo Pferdehufe den Grund hochgewirbelt haben. Zwischen den Stämmen ist kaum mehr Weiß, hier regiert ein kräftiges Grün: Teppiche aus Heidelbeersträuchern, an den Stämmen Moos. Jägerstände am Wegrand und eine Futterstelle für die Rehe, die blaue Tonne umgeworfen.

Als mir das Schwirren des Windrads zu mächtig wird, drehe ich ab, in einen sanft abfallenden Taleinschnitt hinein. An der Südflanke des Waldes reiht sich eine ganze Batterie von Bienenkästen, die Luft ist erfüllt von warmem Summen, ein Versprechen goldener Zeiten. Weiter unten zerrt der Wind an den Haaren, seltenere Bäume haben sich hier ihr Plätzchen erobert, braune Lärchen etwa. Ein kurzer Hohlweg, ein holzgetäfertes Künstlerhaus mit Galerie. Oben am Hang eine wild gebliebene Reihe von Bäumen vor dem tiefenHimmelsblau. Die Südhänge atmen Licht.

Ich schlage mich querfeldein, über apernde Hänge, verzaubert von der bald erwachenden Landschaft, steige über Schmelzwasserbäche und Stacheldrahtzäune, quere den leeren Sportplatz, nur durch die hohen Gitterwände an den Kopfseiten als solcher erkennbar, und dann bin ich wieder im Dorf, wieder ein Stückchen reicher.

apern (südd., schweiz., österr. für schneefrei werden). Ich gestehe, ich kannte das Wort nicht aus meiner Kindheit, sondern habe es mir über die Literatur (Franz Hohler, Spaziergänge) neu angeeignet. Heimat lernen.

Allgäu_Gehen_Winter_Februar