Es apert

„Wie still es ist“, sage ich zu meinem syrischen Begleiter, als wir das Dorf durchschreiten. „Ja“, bestätigt er nachdenklich. „Nirgendwo hört man Kinder.“

Daran denke ich, als ich vom Parkplatz an der Kirche aufbreche, das Sträßchen hinauf, und zum Kalvarienberg abbiege. Über Eisplatten geht es an einer Hütte vorbei, auf der Wiese vor dem ersten Stein rostet eine ausgeschlachtete Karosserie. Der Kreuzweg ist von einem greisen Bürger gestiftet worden, Bronzeskulpturen von schlichter Formgebung auf Granitplatten, eingerahmt von kugelförmigen Buchsbäumchen. Die Stationen fügen sich nicht in die Landschaft, sie sind Fremdkörper.

In den Bäumen zwitschern Vögel, endlich, denn wie ungewohnt wenige waren es den Winter über, manche – Kleiber, Dompfaff, Blaumeise – fehlten entgegen der Gewohnheit ganz. Der Wind ist zackig und frisch, aber die Sonne gewinnt an Kraft, erste Knospen rüsten sich zur Lebensexplosion. Eine Ahnung von Ostern mitten im Fasching.

Ein schwarzes Eichhörnchen schreckt empor, es setzt an zum Sprung auf einen Baum und stöbert dann doch weiter auf dem Boden. Der von Buchenblättern beladene Waldweg richtet sich direkt zur Mittagssonne. Auf einem Grat erhebt sich das Kruzifix, zu seinen Füßen eine kleine gemauerte Grotte. Eine Kerze flackert, ein geprägtes Amulett ist in das Hasengitter vor der Nische geflochten. Barfüßig steht die Mutter Gottes auf einem Stein, ein Rosenkranz ist fester Bestandteil der Figur, ein zweiter ist über ihre zum Gebet gefalteten Hände gehängt. Viel hilft viel.

Dahinter erst beginnt wirklich der Wald. Ein hölzerner Wegweiser verweist auf einen Burgstall. Er ist erst noch zu finden. Eine Buche strebt mit allen, teils schon krüppeligen Ästen gen Osten, ihre Westseite ist nackt. Der Pfad schlängelt sich über Wurzeln auf den Hügel. Hier war im schneefreien Dezember meine Großmutter mitgegangen auf dem Weg zu einer Krippenausstellung, ein Freund aus Stuttgart war zu Besuch, ein Teil der Verwandtschaft, ein schwarzer Hund. Zwischen rauschenden Fichten öffnet sich der Pfad bald auf eine Wiese, eine sanfte Hügelkuppe, fast ganz umgeben von Wald. Das Gras am Rand des Forstes ist winterblond und verblichen. Baumwurzeln ziehen sich meterweit in die Wiese hinein, monströsen Adern gleich, kaum verborgen von Erdreich und Gras.

Ein Stückchen Waldweg zwischen jungem Nadelgehölz, im Schnee nur noch Rehspuren, nicht mehr von Mensch und Hund, dann geht es schon wieder hinaus auf die Wiese, und nach Süden, wo das Rund des Waldes eine Lücke lässt, erheben sich die Alpengipfel. Widderstein und Großer Daumen rahmen das Blickfeld ein, mit jedem Schritt verschiebt sich die Perspektive, erst taucht das ebenmäßige Dreieck des Hochvogels auf, daraufhin das wuchtige Gaishorn, dann die Tannheimer, schließlich Säuling, Zugspitze, dann bin ich wieder im Wald. Früher trugen diese Namen kaum Bedeutung, mir waren die Berge gleichgültig. Ich habe sie erst in jüngerer Vergangenheit wirklich wahrzunehmen begonnen. Und jede Höhe, die man besteigt, offenbart nun eine Zahl neuer Ziele.

Vor mir sind sie wieder, flüchtiges Menschenwerk im knirschenden Schnee, die Tritte von Spaziergängern und ihrer Hunde. Ovale sind ausgestanzt, wo Pferdehufe den Grund hochgewirbelt haben. Zwischen den Stämmen ist kaum mehr Weiß, hier regiert ein kräftiges Grün: Teppiche aus Heidelbeersträuchern, an den Stämmen Moos. Jägerstände am Wegrand und eine Futterstelle für die Rehe, die blaue Tonne umgeworfen.

Als mir das Schwirren des Windrads zu mächtig wird, drehe ich ab, in einen sanft abfallenden Taleinschnitt hinein. An der Südflanke des Waldes reiht sich eine ganze Batterie von Bienenkästen, die Luft ist erfüllt von warmem Summen, ein Versprechen goldener Zeiten. Weiter unten zerrt der Wind an den Haaren, seltenere Bäume haben sich hier ihr Plätzchen erobert, braune Lärchen etwa. Ein kurzer Hohlweg, ein holzgetäfertes Künstlerhaus mit Galerie. Oben am Hang eine wild gebliebene Reihe von Bäumen vor dem tiefenHimmelsblau. Die Südhänge atmen Licht.

Ich schlage mich querfeldein, über apernde Hänge, verzaubert von der bald erwachenden Landschaft, steige über Schmelzwasserbäche und Stacheldrahtzäune, quere den leeren Sportplatz, nur durch die hohen Gitterwände an den Kopfseiten als solcher erkennbar, und dann bin ich wieder im Dorf, wieder ein Stückchen reicher.

apern (südd., schweiz., österr. für schneefrei werden). Ich gestehe, ich kannte das Wort nicht aus meiner Kindheit, sondern habe es mir über die Literatur (Franz Hohler, Spaziergänge) neu angeeignet. Heimat lernen.

Allgäu_Gehen_Winter_Februar

16 Gedanken zu „Es apert

  1. finbarsgift

    Sehr schön, dein Text, liest sich wie Balsam für die Feinstaub-geplagte Körper-Geist-Seele…

    Bisher kannte ich nur „es hapert“, nun haben diese beiden Wörter auch ohne h für mich eine Bedeutung, danke für diese munzige Horizonterweiterung…

    Liebe Morgengrüße vom Lu

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. zeilentiger Autor

      Lieber Lu, danke dir. Das freut mich, dass ich mit einem Moment der Frische dienen konnte. Ich bin doch immer wieder froh, dass ich die Kesselluft derzeit nicht atmen muss.
      Herzliche Morgengrüße, Holger

      Gefällt 1 Person

      Antwort
      1. finbarsgift

        Ja, lieber Holger, das kannst du auch, denn es wird hier immer schlimmer, daran wird auch das läppische Stadt-Verbot für ältere Dieselfahrzeuge auf Dauer nichts ändern…
        Herzliche Morgengrüße
        vom Lu

        Gefällt 1 Person

  2. Ulli

    ich lebte als Kind am Rand des Aper Waldes, da man im Dialekt bei uns von Apen = Affen sprach, verstand ich diesen Namen nie, denn Affen bin ich dort nie begegnet, wie auch! 😉
    Nun endlich weiss ich die Bedeutung, danke.
    Wieder bin ich gerne mit dir gegangen und folgte deinen Schritten, Bildern und Worten, wieder ein Stück reicher geworden, danke dafür!
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Liken

    Antwort
  3. Claus Kullak

    Ach ja, die vielen schönen Worte – und alle halten sich nur mit dem einen auf. In diesem Text hast Du Dich mal wieder selbst übertroffen!
    Was nun aber doch das Verb apern angeht: Ich kenne den Wortstamm von Kindesbeinen an durch meinen Vater. Den Wortstamm sage ich, denn er nutzte gelegentlich das Adjektiv aper, aber – soweit ich mich erinnern kann – nie das Verb. Interessanterweise habe ich das Gefühl, dass er den Begriff auch ein wenig falsch verwandte, nämlich als tauend oder angetaut (dem Verb also ähnlicher), nicht als „schneefrei“, wie der Duden ihn erklärt.
    Dein Text muss auf jeden Fall das erste Mal gewesen sein, dass ich das Wort je geschrieben sah …

    Liken

    Antwort
    1. zeilentiger Autor

      Jetzt habe ich zuerst einmal gestutzt, weil ich ja nur einen Spaziergang beschrieben habe, ohne zu versuchen, ihn weiterzuverarbeiten, zu transformieren. Aber ich freue mich natürlich! Herzlichen Dank, Claus.

      Schön, dass apern resp. aper so lebendig ist für dich. (Wer weiß, ob ich es bei meinen Großvätern nicht auch gehört und nur vergessen habe.) Ich habe Menschen hier in der Region gefragt und sie haben das Verb genannt („s’oberd“) – umso interessanter deine Erfahrungen. Vielleicht ist ja die Dudendefinition auch etwas zu eng? Oder sagen wir: Der Duden definiert das Adjektiv ergebnisorientiert, dein Vater verwendet es prozessorientiert?

      Gefällt 1 Person

      Antwort
  4. Pingback: Apernde Hänge am Anfang des Schächentals – Geheimes Tagebuch einer Redaktionsassistentin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s