Das Dorfgedächtnis ist unerbittlich. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist es her, dass ich im nahen Weiler lebte. Räumlich war der Umzug fort für die Familie kein großer Schritt – trotzdem war ich damit aus diesem Raum verschwunden, hatte ihn für 25 Jahre vollkommen hinter mir gelassen. Und dann kehre ich zurück, Grau im Haar, und die, die immer hier waren, erkennen mich auf ein paar Stichworte hin, fügen mich ein in den ewigen Faden, den das Leben hier geduldig spinnt.
Ich folge der Dame ins Gemeindehaus eines für mich Jahrzehnte lang nicht mehr existenten, ja ausgelöschten Dorfes und brauche nur zu sagen, dass ich in den Weiler … zurückgekehrt bin, wo ich Jahre meiner Kindheit verbracht habe, schon findet sie nach einem Augenblick des Grübelns meinen Nachnamen. Die Nächste braucht immerhin noch meinen Familiennamen als Erinnerungshilfe, dann hat sie die Vergangenheit geordnet: Ach ja, ich habe doch mit ihrem Sohn zusammen den Kommunionsunterricht erhalten, die erste Stunde habe bei uns zuhause stattgefunden. Ich kann mich an nichts erinnern. Die Dritte lacht: „Ach, der Sohn von …! Sag ihm einen Gruß, wir haben zusammen Musik gemacht.“
Zwei Frauen tuscheln noch, tauschen eine Erinnerung aus oder eine soziale Relation, als der Yogakurs eigentlich bereits begonnen hat. An der Stirnseite des Raums hängt mittig ein Kruzifix, auf der gegenüberliegenden Seite tickt eine Uhr. Beides irritiert mich, beides gehört für mich nicht dazu: Yoga unter dem Gekreuzigten und ein Gemeinderaum im Zeichen des Kreuzes für einen, der alle Bindungen zur Frömmigkeit seines Kindheitsumfeldes längst hinter sich gelassen hat. Und das Ticken eines Sekundenzeigers war mir schon immer zuwider, dieses unablässige, mechanische Herabzählen unserer Lebenszeit, dieser geistlose Takt, der keinen Augenblick der Ruhe zulässt. Ich folge meinem Atem und vergesse bald die Uhr, nicht aber den Gedanken: Alle wissen sie etwas über mich. Und ich nichts über sie.
Später sitze ich noch einmal im Auto. Ein scharfer Ostwind treibt den Schnee über das Landsträßchen. Weiße Zungen schieben sich über die Fahrbahn, gierig darauf, jeden bekannten Weg auszulöschen in einer unbeschriebenen Wüste. Ich drücke das Gaspedal und suche mir eine Spur in dieser verwirrenden Welt.

Wie schön Du schreibst…und wie Du mir aus der Seele sprichst und wie ich alles kenne, ich war nur 15 Jahre weg vom Weiler, es hat gereicht.
Und den Sekundenzeiger im Yoga kenn ich aus dem Eßsaal im Altersheim…
Und es ist Heimat
Ich dank Dir, daß Du Deine Wahrhaftigkeit verschenkst…tut gut…Du atmest Seelenluft in die Welt
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Du Menschenfreundin, ich danke dir! Und ja, das mit der Heimat, das ist so eine Sache und darüber werde ich wohl noch lange nachdenken müssen.
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Als ich vor etlichen Jahren meine Stadt besuchte, da wo ich aufgewachsen bin, hörte ich wie zwei sich unterhielten. Das war nicht schwer, denn sie riefen sich über einen Platz etwas zu. Ich erkannte ihre Sprache, die mal die meine war. Ich hatte den Tonfall, den Klang nicht mehr parat. „Später sitze ich noch einmal im Auto. Ein scharfer Ostwind treibt den Schnee über das Landsträßchen. Weiße Zungen schieben sich über die Fahrbahn, gierig darauf, jeden bekannten Weg auszulöschen in einer unbeschriebenen Wüste.“
Dieses Bild geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf, „unerbittlich“. Wie ein Wanderer zwischen den Welten.
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Das stelle ich mir interessant vor, dieses Erwachen, wenn einem ein Tonfall begegnet, der mal der eigene war und dann ganz vergessen wurde. Mir ist es hier zumindest mit einzelnen Worten so ergangen.
Dein „Wanderer zwischen den Welten“ gefällt mir sehr gut. Danke dafür.
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Im ersten Moment ist es das zweifellos. Ich habe dann jedoch sehr schnell festgestellt, dass mit Sprache auch Identität verbunden ist. Alles hat eben seinen Preis. Wer wandert beobachtet – zwangsläufig – sehr viel, und bekommt von den Dingen etwas mit. Oft ist es zuviel zum Sterben aber es reicht auch nicht für ein zufriedenes Leben.
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Ich danke Dir.
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Oh, ich danke dir!
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Das Dorf lebt von seinen Gewißheiten.
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… und manchmal sind sie vermeintliche, manchmal ein Gefängnis oder beides. Ja. Also dieses Dorf. Wenn ich es mir ganz frei gestalten könnte, fände ich es reizvoll, eine Woche im Monat in, sagen wir, London zu leben.
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Krass viele Leute da. Also in London. Nicht im Dorf.
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Eine Weltstadt.
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„Alle wissen sie etwas über mich. Und ich nichts über sie.“ das stelle ich mir ungemütlich vor, irgendwie…
Als Zugvogel habe ich solch einen Ort nicht und wenn ich das so lese weiss ich auch nicht, ob mir das fehlt, ich glaub eher nicht.
Dir einen wunderbaren Tag
herzlichst
Ulli
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Ganz genau, liebe Ulli, ein bisschen ungemütlich. Von später aus gesehen gar nicht schlimm, erst recht, wenn sich dann ein Feld für einen Dialog eröffnet. Aber zuerst einmal ein bisschen beunruhigend.
Ganz herzliche Grüße zurück in dein „Winterquartier“!
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Ja, was du da beschreibst, das kenne ich auch, wenn auch nur von Besuchen im alten „Weiler“. Und ich ahne, dass der Schnee, der die alten Wege zu neuer Jungfräulichkeit überstäubt, wohl tun kann, wenn es eine Rückkehr auf Dauer ist.
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Ja, das meine ich auch, liebe Maren. Führst du deine Besuche noch immer fort? Oder ist das abgeschlossen? Vielleicht haben wir darüber einmal geredet, aber daran erinnere ich mich nicht mehr …
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Die Besuche mache ich immer noch, Holger. Und ich stelle fest, dass mich bei den Assoziationen (und Festlegungen) aus alten Zeiten nicht mehr primär Enge und Irritationen befallen, sondern ein beinah schon warmes Gefühl.
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Das ist schön!
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Der urbane treibt die Geschichte weiter. Im ruralen Raum bewahren sich Gedächtnis und Tradition. In Ihrem Weiler hat sich offenbar noch viel von diesem Gedächtnis lebendig erhalten. In einiger Zeit werden auch Ihre Erinnerungen wieder erwachen.
Lummerland ist den Städten inzwischen viel zu nahe gekommen. Die Alten sind verstorben, die meisten Jungen in alle Winde verstreut. Nur vereinzelt können das alte Wissen und die kollektiven Erfahrungen noch angezapft werden.
Ich danke Ihnen für Ihren Bericht, der mir die Zwiespältigkeit der gepriesenen Beschleunigung wieder einmal so anschaulich nahegebracht hat.
Herzlicher Mittagsgruss,
Herr Ärmel
PS: tickende Uhren sind die Pest
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..der urbane „Raum“…
Entschuldigung für die Eile
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Danke sehr, Herr Ärmel, für Ihren Kommentar. Diese Dichotomie von Stadt und Land hatten Sie mir gegenüber zum Umzug schon einmal erwähnt und ich habe immer wieder darüber nachgedacht. Manchmal ist dieses lange Gedächtnis – man möchte fast sagen: diese Sphäre der lounge durée auch beklemmend. So habe ich erfahren, dass Menschen, die ich vor über 30 Jahren einmal gekannt hatte, immer noch in demselben Dorf wohnen. Da glaubte ich ein Gewicht auf meiner Brust zu spüren und wollte diese Menschen schütteln und rütteln und rufen: Rennt, rennt!
Herzliche Frühnachmittagsgrüße
Ihr Zeilentiger
P.S. Schön, dass wir uns bei den tickenden Uhren so eins sind.
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Wenn man wüsste oder zumindest abschätzen könnte, was geschehen würde, wenn die mit „Rennt, rennt!“ Geschüttelrüttelten sich tatsächlich auf die Wege aus ihren Eigenwelten aufmachen würden in die grossen grauen Städte…
Tulpenkwietschender Nachmittagsgruss,
Herr Ärmel
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Einen kenn ich, der lebt abwechselnd in London und in einem kleinen Weiler im Hunsrück. Einen anderen kenn ich, der hat`s mit Düsseldorf und einem Eifelweiler – beide finden das jeweilige Weilen wunderbar!
Deine Schilderung ist passend!
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Das klingt wirklich wunderbar!
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Sollen sie doch wissen. Was wissen sie denn schon?
„Erbaulich“ wäre es zu hören, was man denn alles ist.
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Ja, was weiß jemand schon …
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