Falscher Adel

Am höchstgelegenen zweigleisigen Bahnhof Deutschlands wechsle ich unter Nieselregen das Gefährt. Es ist doch erstaunlich, welche Superlative sich Menschen aus den Fingern saugen. Der ausgehängte Rekord ändert allerdings nichts daran, dass mich die Bahn in einen schäbigen, ohne Abstriche schäbigen Raum lotst, in dem sich nicht mehr befindet als ein Fahrkartenautomat zwischen Elend und Leere. Wie die Deutsche Bahn ihre Kunden abseits der großen Bahnhöfe behandelt, ist recht besehen eine ungeheure Zumutung. Oder ist das Konzept regionaler Eisenbahn in Wahrheit schon längst bankrott?

Der Sonntagmorgenzug ist erstaunlich voll, über einen Mangel an Fahrgästen kann sich die DB also eigentlich nicht beklagen. Eine Gruppe zierlicher, dunkler Mädchen in strahlendweißen Gewändern ist auf dem Weg zum eritreischen oder äthiopischen Gottesdienst, das Haar hochgetürmt unter einem weißen Schleier. Weiter fahren ein paar Vorarlberger, aus Österreichs westlichstem Bundesland zum Münchener Flughafen. Zwei Stunden sind sie schon unterwegs für gerade mal 100 km Luftlinie, höre ich. Die großflächige Elektrifizierung der Allgäuer Eisenbahn steht eben immer noch aus. „Des kasch gar it usspreche mit langem I“, kommentiert eine aus der Gruppe das Bahnhofsschild von Biessenhofen. Genau das, was ich am Tag zuvor dachte, als ich von Rieggis, ein gutes Stück weiter im Westen des Allgäus, aufbrach zu einem Spaziergang.

Als ich in Kaufbeuren aus dem Zug steige, ist es wieder trocken, der östliche Horizont ist finster, aber dort bin ich ja nicht. Die weißbeschleierten Kirchgängerinnen ziehen kichernd durch den Park, ein junger Mann im Anzug kommt entgegen, er wirft, absichtlich ruppig, sein Rad mitten auf den Weg und betritt den Bahnhof. Das ist wahrlich ein wunderliches Verhalten, das finden die Mädchen ebenso wie ich. Hätte ich den jungen Mann ansprechen sollen?

Antifa-Aufkleber an Laternenmasten, sie sind mir seit den Ausschreitungen während des G20-Gipfels lächerlicher als je zuvor, aber eine Überraschung ist das ja nicht, das wusste George Orwell schon in „Homage to Catalonia“, als er den Republikanern im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Falangisten beistand und bald seine Illusionen begraben musste. Ich darf, ermahne ich mich da, nicht den Fehler begehen, jeden Menschen, der sich mit der Antifa identifziert, mit den Plünderern von Hamburg gleichzusetzen. Aber es bleibt dabei, die Antifa tritt doch immer und immer wieder in einer Geste des Geschreis, der Gewalt, des Hasses auf. Nein, der Widerstand gegen rechtsextremes Treiben muss sich auf anderes gründen, meine ich. Da passiere ich das Mahnmal für ein Außenlager des KZ Dachaus. „Mitläufer. Und du?“, steht da. Das ist wohl einzuüben, jeden Tag aufs Neue, individuell und erst recht gemeinschaftlich.

Ich irre durch Hässlichkeit aus Beton und Asphalt, bis ich die Altstadt finde, die Straßen sind leer, das Stadttheater spielt „Die Vögel“ nach Aristophanes. Als diese Komödie in Athen geschrieben wurde, war Kaufbeuren nicht mehr als ein paar alte hallstattzeitliche Grabhügel und eine kleine bronzezeitliche Siedlung inmitten des feuchten Urwalds der Voralpen. Über die ersten Gassen spannen sich Wimpel, das Café Italia sucht eine Nachfolge, Ablöse möglich. Dann sind die Straßen aufgerissen, Zug um Zug Schotter und Schlamm, vor den Ladeneingängen schmutzige rote Teppiche. Ein Hahn kräht, ganz unerwartet in der Altstadt, vielleicht lebt er im Kloster der Stadtheiligen Crescentia. Ein Glatzkopf im Kapuzenkittel zerrt an einem Hund gigantischen Ausmaßes.

Der Regen hat die Stadt nun doch erreicht, ich betrete ein Café. „La Baronessa“ gibt sich elegant und fein und mundän und ist doch nur Schein, das ist sofort augenscheinlich. Beautywerbung für die Proseccodamen steht neben der Speisekarte auf den Tischen, aus den Lautsprechern läuft der Radiosender Antenne Bayern. Die Karte bietet ein Viagrafrühstück („mit einer Latte …“, so steht es da) und ein Familienvater entblödet sich nicht, genau dieses zu bestellen.

Womöglich soll ja der überlaufende Milchschaum auf meinem Cappuccino Ausgleich für diese Ansammlung von Geschmackslosigkeiten sein. Die Jacke fühlt sich jedenfalls gleich weniger regenfeucht an.

10 Gedanken zu „Falscher Adel

  1. wildgans

    Lange nicht gelesen, dass einer sich entblödet. Gutes Wort!
    Der Hahn in der Altstadt, den man nur hört. Der Riesenhund und wer an seiner Leine zerrt, allüberall diese Sonderbarmenschen. Als würden graufeuchte Tücher übers Sommerland gezerrt, die von der Glühsonne später gebleicht und getrocknet werden, um sanft zu entschweben. Die dunklen Weißgewandkichermädchen werden einer kirchlichen Institution zugeführt, heilig gezuckert, und junge Männer schmeißen zornig ihre Sportgeräte nieder. Das ist die Welt. Antifazeug und merkwürdige KZ-Gedenkschilder gehören dazu. Alles eben, auch höchst öde alte Bahnhöfe!

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  2. Ulli

    Die Lauten schreien, säen Hass und Gewalt, die Leisen werden übersehen? Na, du weißt es selbst, es ist wie überall, nicht alle sind gleich, auch wenn sie sich unter einem Namen sammeln. Selbst HH war nicht einfach nur HH und es waren nicht nur sogenannte Autonome, die die Schanze zu einem Schauerort werden ließen…
    Dieses Cafè sucht hoffentlich nicht mehr Seinesgleichen und den Cappu trinkt man dann wohl eher woanders, oder?! Na, und den jungen Mann hätte ich wohl angesprochen, wahrscheinlich ohne viel Erfolg. Wildgans benutzte oben das Wort „Sonderbarmenschen“, ja, die gibt es überall und in aller Coleur, aber deine Berichte bleiben deine Berichte, die ich so gerne lese.
    herzlichst
    Ulli

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  3. mickzwo

    Man könnte es sich jetzt leicht machen und denken, dass alles zu verotten begann als bei der Bahn noch niemand von Wetter sprach. Doch das ist sicher zu kurz gesprungen. Der allgemeine Niedergang von Sitten und Lebensart begleitet immer die jeweils Lebenden. Besonders die, die immer mit geschärften Augen durch leben gehen. Man neigt dazu, Rüchwärts zu blicken. Denn das, was man da sah war einem eben Vertraut und deshalb Gemütlich. Allemal gemütlicher als dieses augenscheinlich Unbekannte..

    Wieder war es mir ein Fest Dich zu lesen. LG, mick.

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    1. zeilentiger Autor

      Danke dir, lieber Mick, für deine Worte. Ich denke, bei der Bahn – um bei diesem Beispiel zu bringen – finden wir fort- und rücklaufende Entwicklungen parallel. Wie ungeheuer altbacken wirkt auf uns inzwischen ein IC, den wir ja noch als ein Zug des Fortschritts kannten, also der ICE gerade erst entwickelt worden war. Und auf der anderen Seite waren diese leeren Räume des Elends damals aufgeräumte Wartezimmer mit einer Glasscheibe, hinter der ein echter Mensch saß und Fahrkarten verkaufte.

      Herzliche Grüße
      Holger

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  4. Philipp Elph

    Über Jahre ein Mal monatlich:
    Biessenhofen Bahnhof am Morgen.
    Das Ankommen war noch erträglich. Ein paar hundert Meter zum Werk. Dort eine andere Welt als die Büro in Münchens Prinzregentenstraße.Nette Kolleginnen/Kollegen, Neuigkeiten, interessante Gespräche. Entspannte Atmosphäre. Entschleunigung garantiert.
    Biessenhofen Bahnhof am Abend
    Nach dem Arbeitstag von dort wieder zurück. Viel zu früh am Bahnhof.Tristesse am Gleis. Im Zug stehend bis der Zug kommt. Dann im zu kalten/zu warmen Waggon in stickiger Luft eineinhalb Stunde zurück in die Metropole, zurück ins Hamsterrad.
    Verdammt lang her, immer noch ins Hirn geprägt.

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    1. zeilentiger Autor

      Das hätte ich nun gar nicht erwartet, lieber Philipp, dass du richtig eine Geschichte mit Biessenhofen hast! Damit kennst du den Ort sehr viel besser als ich. Ich habe deine atmosphärische Beschreibung mit viel Neugier und Faszination gelesen. Danke dafür!

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  5. Herr Ärmel

    Die Welt wird weder schlechter noch schlimmer. Sie ändert sich lediglich. Und die ständigen Veränderungen kosten Kraft, dort, wo wir uns nach Dauer sehen. Nach Vertrautheit und Geborgenheit. Das alles ist jedoch eine Illusion. Selbst wir als die Urteilenden verändern uns, wir werden älter. Und manche vielleicht verzweifeltermmer in die Welt gehen mit offenen angesichts der auslaufenden Lebenssanduhr.
    Dass Sie, lieber Zeilentiger, noch immer in die Welt gehen mit offenen Augen und beschreiben, was Sie wahrnehmen, macht Sie standhafter gegen sinnverdunkelnde Anfechtungen. So jedenfalls habe ich auch diesen Ihren feinen Text gelesen.
    Herzlichen Dank dafür, Ihr Herr Ärmel

    PS: Ich erinnere einige Allgäuer Kleinstädte. Illertissen, Kempten, Kaufbeuren… Als Kind durchfuhr ich mit meinen Eltern diese Orte auf dem Weg zum Schiurlaub. Sie erschienen mir düster und abweisend. Mag sein, dass das Winterwetter sein Übriges dazu beitrug. Aber ich wette, diese Kommunen sind auch noch heute überaus unattraktiv. Insofern gibt eben doch so etwas wie Dauer

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    1. zeilentiger Autor

      Lieber Herr Ärmel, danke für Ihre Überlegungen, die mir vorkommen, als hätten Sie bereits einen erst noch online zu stellenden Texte bereits mitkommentiert.

      Ja, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass gewisse Kleinstädte damals sehr düster und abweisend wirkten. Es hat sich manches getan seither – der Tourismus hat zugenommen, Geld ist mehr da, alles wird zur Kulisse aufgehübscht, das abweisend-misstrauische, bisweilen schäbige, sehr ländliche Allgäu hat sich vermutlich seit den 80ern mehr und mehr aufgelöst. Trotzdem, ich bin mir sicher, Sie würden die Düsternis immer noch unter der Fassade erkennen können.

      Herzliche Grüße
      Ihr Zeilentiger

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