Assumptio Beatae Mariae Virginis oder: Warum sagt mir das keiner

Am Samstagmorgen bin ich extra noch nach München hinein, um ein Buch zu besorgen. Auf den letzten Drücker natürlich als Geschenk für eine Freundin, die am selben Abend ihren Geburtstag feiert in einem israelischen Restaurant. Ich habe am Stachus geparkt, stehe vor dem Hugendubel und die Tür ist zu. Ich schaue auf die Uhr und sehe, es ist fünf Minuten vor 10 Uhr und der Hugendubel macht ja erst um 10 Uhr auf. Warte ich also und dann ist es 10 nach 10 und immer noch kein Mensch, der den Laden aufschließt. Was für eine Sauerei, denke ich mir. Eine Frechheit, da müsste ich mich eigentlich beschweren und bei der Zentrale von Hugendubel anrufen. Das tu ich dann glatt auch und lege los: Was soll das eigentlich soll, 10 nach 10 an einem Samstagmorgen und die Filiale immer noch zu? Tut uns leid, aber da müssen Sie lange warten, ist die Antwort, heute ist doch Feiertag. Feiertag?, rufe ich. Und warum sagt mir das keiner?

Ja, warum sagte ihm das keiner? Mein Freund lehnt sich zurück und ich lache über seine Geschichte, wie ich bei all unserer Treffen lachen muss, weil es immer mitten hinein geht in ein neurotisches Großstadtleben. Meine Tochter sitzt auf meinem Schoß und schaut sich auf dem Rathausplatz der Provinzhauptstadt um. So viele Menschen sieht sie selten auf einmal und ich verstehe sie, ich ja auch nicht, und das nicht nur in Corona-Zeiten.

Warum also sagte ihm das keiner. Mariä Himmelfahrt ist ja auch ein kurioser Feiertag. Nicht nur seines Inhalts und seiner Geschichte wegen, sondern auch, weil er in Deutschland neben dem Saarland – pardon – nur in bayerischen Gemeinden mit einer katholischen Mehrheit als gesetzlicher Feiertag gilt. Wobei die Mehrheit praktischerweise nur eine relative gegenüber der protestantischen Bevölkerung des Ortes ist, sonst hätte nämlich der Hugendubel offen haben müssen. Und dann das Datum: Wer erwartet bitteschön am 15. August, also abseits aller anderen Feiertage, in der letzten Glut des Sommers und mitten in den bayerischen Schulferien einen Feiertag?

Meine Großmutter vergisst ihn nicht. Sie bindet morgens verschiedene Heilpflanzen für die Kräuterweihe, gesammelt im Garten oder mitgebracht von den Wiesen überm Kreuzbachthal, wo ein paar Außenseiter und Reiche auf versteckten Berghöfen wohnen und eine von ihnen nur in der Unterhose bekleidet ihren Garten bestellt, es kommt ja eh kaum jemand vorbei. Nur oben auf der Kreuzleshöhe, von wo aus bei klarem Wetter der Bodensee zu sehen ist, wundert sich ein Radfahrer, warum er sich in die Weite hochgekämpft hat, um dann unter einer brummenden Drohne zu sitzen. Die steuert einer mit dem famosen Kennzeichen KE-RL-9000, um nur ein Detail aus dem Gesamtbild herauszugreifen.

Das Buch hat mein Freund übrigens dann doch noch bekommen – in Baden-Württemberg. Was zwar weit ist vom Stachus, aber doch vergleichsweise nur ein Katzensprung während seines Mittagsbesuches bei den Eltern im Allgäu. Fahr doch rüber, hatte ihm die Mutter am Telefon vorgeschlagen. Und weil du mein Sohn bist, rufe ich gleich mal an, ob sie das betreffende Buch auch haben. Hatten sie, sogar erst an diesem Morgen angeliefert, obwohl nicht einmal eine Neuerscheinung, so ein Glück muss man erst mal haben. Selig über diese Fügung und vielleicht auch ein wenig müde von der Fahrt erst nach München hinein und dann wieder hinaus bis über die Grenzen des Freistaates hinweg parkt mein Freund vor der kleinen Buchhandlung des kleinen Städtchens, das sich sehr gemacht hat seit seinem letzten Besuch vor Jahren. Passanten weichen dem Auto links und rechts aus, das irritiert ihn ein wenig. Im Laden sagt er dann deshalb auch: „Könnten Sie mir das Buch gleich geben? Ich habe nämlich das Gefühl, dass ich da draußen gar nicht parken darf.“ „Ihr Gefühl trügt Sie nicht, Sie stehen ja auch in der Fußgängerzone.“

Dabei, sagt mein Freund nach einem Schluck aus der Kaffeetasse, beschwöre ich bei allem, was mir lieb ist, dass da am Tor der Altstadt kein Schild angebracht war. Kein Schild!

Man hätte es ihm vielleicht sagen sollen.

4 Gedanken zu „Assumptio Beatae Mariae Virginis oder: Warum sagt mir das keiner

  1. janne

    Heute zurück aus Südtirol, heute gelernt: Ferragosto. Besser als Weihnachten und Ostern zusammen, sagt der Bergführer. Wir haben große norddeutsche Augen gemacht…

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  2. meinolfthomas

    Wer aus einer katholischen Gegend kommt, noch dazu aus einem Marienwallfahrtsort, kennt natürlich Mariä Himmelfahrt. Als Schüler und sogar später noch habe ich da immer mit dem kleinen Kirchenorchester in der Messe gespielt, oben auf der Orgelempore konnte man das Klicken des Weihrauchgefäßes hören, wenn der Priester um den Altar schritt. – Spielen: würd ich heute auch noch, aber jetzt bin ich ja hier.
    Fußgängerzone, tja, das sagt nicht jedem Autofahrer etwas. Auch Hofeinfahrt nicht, übrigens, wie ich kürzlich beobachten durfte, als in Prenzlauer Berg ein Auto genau in so einer Hofeinfahrt abgestellt war. Tolle Parklücke!, wird sich der Fahrer gedacht haben, so ein Schweineglück! Abgeschleppt wurde er nicht, aber das Ordnungsamt hat Fotos gemacht, und hinter dem Scheibenwischer klemmte ein Zettel. Ganz billig wird es nicht gewesen sein.

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