Archiv des Autors: zeilentiger

Die Kurve

Eglofs war für mich immer eine scharfe Doppelkurve, die sich unter dem Auge eines Kirchturms hinabschwang ins Tal. Den Ort selbst hatte ich meines Wissens nie betreten, bis in meine Lebensmitte hinein blieb der Name nur diese Kurve, ein Bild aus Kindheits- und Jugendtagen, als man vor der Öffnung der A 96 noch diese Strecke nahm zum Bodensee oder vielleicht hinüber nach Dornbirn, wo wir eine Kindheitsfreundin meiner Mutter besuchten. Sie schätzte ich besonders, weil sie auf ihren Besuchen – damals noch von ihrem Studienort im Tirol aus – gern und bereitwillig mit uns Kindern spielte, ganz besonders das von mir geliebte Brettspiel mit den Figuren und den weißen Steinen, was meine Eltern selten taten, und auch, weil sie mit der Welt der Bücher in Verbindung stand, die mir Verheißung war und später lange Jahre ja auch eigener Broterwerb, und weiters deshalb, weil sie Geschichte studiert hatte, damals also in Innsbruck, welches ich lange Zeit ebensosehr und ausschließlich mit ihr verbunden hatte, bis einer meiner Onkel dann einige Jahre dort am Theater arbeitete, die Geschichtswissenschaft also, die ich später selbst studieren sollte. Das also war mir die Kurve von Eglofs.

Der Fußweg führte mich halb um die kleine Große Kreisstadt Wangen herum, zuerst zum Friedhof nach Süden, gut besucht an diesen Allerheiligen, an dem Menschen ihren Verstorbenen einen Besuch abstatteten, obwohl Allerseelen ja erst am nächsten Tag sein würde, aber der war eben kein freier Tag, weshalb Allerheiligen für den Friedhofsbesuch genutzt wurde. An den Eingängen schüttelten Männer in Uniform, hinter großen Brillen die Spendenbüchse. Man kannte sich, nur der Wanderer vor der Mauer war fremd.

Jenseits der Stadt, so dachte ich, würde ich innehalten und lauschen, sobald ich kein Motorengeräusch mehr hörte, aber immer blieb das Rauschen von der Bundesstraße wahrnehmbar, und wenn doch einmal nicht, inmitten eines Wäldchens vielleicht, dann zog ausnahmslos ein Linienflugzeug niedrig über den Himmel. Also ging ich eben, ging weiter, gehe weiter ohne innezuhalten, die Jochbeine glühen kalt, die Handschuhe vermisse ich nicht. Anders als die Straßen schweigen die Wälder, wenn nicht gerade eine Amsel Alarm schlägt. Wie eingefroren die Landschaft bereits, im Windstillen schwebt nicht einmal Laub herab. Greifvögel, Katzen beim Mausen, Jungvieh auf den Wiesen vor dem ersten Schnee, sonst kein Tier.

So quere ich also den Bach, der in seinem Namen den meinen mit sich trägt, passiere den ausgewiesenen Kräutergarten, der so stille ist wie die Wälder, komme den Himmelberg herunter und steige zum Schnaidthöfle wieder hoch und bin immerhin ein paar Mal überrascht, wenn ich Wirklichkeit und Karte wieder in Einklang bringen muss, das immerhin bietet der Weg, den ich sonst nicht innigst ans Herz legen würde. Passiere auf dem Kamm zuletzt den Hof, wo wir im Sommer auf der verwandtschaftlichen Radtour Halt gemacht haben, und bin dann, nach drei Stunden Wegs, in Eglofs.

Das Dorfcafé suche ich auf, um einen Studienfreund auf Besuch zu treffen. In der Uni-Mensa haben wir nicht selten zusammen geschwiegen, im Einvernehmen geschwiegen, und das muss man ja auch erst einmal können, gemeinsam im Guten zu schweigen. Später teilten wir in unserem Berufsleben noch einmal für ein paar Jahre eine andere Stadt, aber das letzte Wiedersehen lag auch bereits den zweiten Sommer zurück, ein herrlich strahlender, reifer Tag war es gewesen im Lautertal der Schwäbischen Alb, zwischen Blatt und Licht und der Herrlichkeit des Lauterwassers.

„Mein Kind“, spottet der Freund und deutet auf den Kinderstuhl neben sich, „mein Auto“, winkt er zum Fenster hinaus, „mein Baugrund“, zeigt er mir auf dem Smartphone eine eingeebnete Fläche. „Eine Fliegerbombe war zum Glück nicht drin“, atmet er auf.

„Vielleicht noch ein paar Alemannenknochen?“, ermuntere ich.

„Unwahrscheinlich. Wir sind auf Sandstein gestoßen. Das erhöht die Kosten zwar noch einmal, aber ein alter Alemanne dürfte sich da darunter jedenfalls nicht verstecken.“

Das Dorfcafé füllt sich. „Ausschließlich mit Butter gebacken“, wirbt das Café, vegan ist hier fehl am Platz bei den vielen selbstgebackenen Torten und Kuchen. „Wie zu Großmutters Zeiten“, da würde clean eating durchaus passen, gute Zutaten frisch verarbeitet, aber wer will sich hier schon ein solches Modelabel umbinden? Die Wirtin eine robuste, herzliche Frau, täglich frisch gebackenes Brot, kein Tisch in der Stube mehr frei, das Café läuft. Ein Schatz für ein solches Dorf, denn welches kann denn ein richtiges Café sein eigen nennen, und das noch mit so viel Leidenschaft, Herzblut und soliden Rezepten geführt?

Geschwiegen haben wir am Tische nicht. Für diesen Luxus sehen wir uns inzwischen dann doch zu selten. Ich stecke den Rest meiner Butterseele ein, klopfe dem Freund auf den Rücken und wende mich wieder gen Osten. Die Kurve bin ich nicht hinabgefahren.

Erinnerung bei der Betrachtung des Raureifs

Weggeräumt den Kot der Fledermäuse, die über dem Dachbalken einen Eingang gefunden haben. Weggeräumt das letzte Waldwesen aus Holz, Draht und roter Zunge von der Schnitzeljagd einst im Februar. Weggeräumt Staub und einen rostigen Schlüssel von den Fliesen. Das Sofa, neu auf dem Balkon, habe ich dann mit Tolstoj eingeweiht. Das kann natürlich nur der Anfang gewesen sein.

„We were talking – about the space between us all“, an einer Stelle hängt die Platte, Henry the Horse galoppiert, bis ich die Nadel anhebe, ein Hi-Hat läuft auf der Zeitachse rückwärts, niemals hatte Ringo Starr das Schlagzeug live so spielen können, wie wir es hören, ein Mückenstich juckt, nur Minuten nach dem Angriff. „Du willst es scharf?“, hatte der Koch heute gefragt und mir eine tückische Chilischote auf den Teller gelegt, zu dritt haben wir sie nicht geschafft, denn sie war die vegetabile Hölle. Wenn nur die Müdigkeit nicht immer wäre, wie das nur juckt, solch ein kleines Tier. Der Tag erlischt hinter den Eschen, es verströmt die Nacht über der Welt, und ich weiß nicht, ist es Anfang oder Ende.

Eine ganze Weile irre ich umher …

Eine ganze Weile irre ich umher, bis ich es finde im Hinterland des Städtchens. Nach vorne hin eine bodenständige Gaststätte, liegt mein Ziel versteckt in einem rückseitigen Gebäude. Eine lange, geschwungene Theke, rot bemalte Wände, runde Tischchen zwischen den Schmucksäulen, zugleich unterkühlt und mit einer Ahnung von Kellergeruch, weil sich nur am Freitagabend Menschen in dem sonst toten Raum aufhalten. Es ist Wahrheit und Fiktion zugleich.

Das Schlagzeug setzt ein, der Kontrabass gesellt sich dazu, dann folgen die anderen Instrumente. Die vier Vollblutmusiker sind sich in einer Weltmetropole über den Weg gelaufen waren und standen in dieser Kombination noch nicht zusammen auf der Bühne. Es kümmert sie nicht, sie spielen einfach, finden sich im Musizieren. Und ich fühle mich wie eine Pflanze nach Monaten der Dürre, die beim ersten Regen spürt, was sie die ganze Zeit so sehr vermisst hat. Weit, ganz weit und offen wird meine Brust und ich hätte weinen können vor Glück.

Am nächsten Abend am entgegengesetzten Ende des Allgäus: ein schmuckes, sympathisches Programmkino, ein Espresso, drei Angestellte und vier Gäste im Vorabendprogramm. Wir schauen einen Dokumentarfilm über einen Geiger und es geschieht erneut: Das Ambiente, die geistige Freiheit, „Der Klang des Lebens“ – wieder werde ich ganz weich und ich frage mich, was mache ich da eigentlich zurück im Allgäu, in dieser Ödnis, in der man so weit fahren muss für solche Erlebnisse, für diese kulturelle Nahrung.

Warum, das begreife ich, als ich am Morgen nur zehn Minuten fahren muss, um in einer wunderbaren Landschaft spazieren zu können: Herbstwälder und Moorwiesen, Kühe über grünen Hügeln und Bäche, in deren Klarheit ich am liebsten untertauchen würde. Und noch einmal nachts, als ich empor schaue in das Funkeln der Milchstraße und der Schmerz in meinem Kopf schwindet.

Und morgen – die Berge?

Biberkopf_Allgäuer Alpen_Alpen_Herbst

Totenglocken

„Jetz isch as halt so, bloß andersch.“ Aufschrift in verblasster Fraktur an einem Westallgäuer Bauernhof. Hinter dem Haus geht es sofort hinab in den Bregenzer Wald, ins Vorarlberg.

*

Ich komme vom Berg herunter und aus dem Wald heraus und da lehnt ein Mann an einem Anhänger hinter seinem Haus und raucht und schaut mich an.

„Griaß di“, entscheide ich mich für die offensivste Möglichkeit.

„Servus“, antwortet er.

Als ich ihn bereits passiert habe, sagt er noch etwas. „Ich hätte da eine Bergtour.“

Ich drehe mich um und weiß nicht, was er meint. „Ja, da komme ich runter“, entgegne ich.

„Nein, nicht über den Weg. Sondern dort.“ Er deutet auf die Wiese, die sich steil hochzieht bis zum Wald.

„Ja, aber auf dem Weg war es auch ganz schön.“ Noch immer begreife ich nicht.

Nach einer kurzen Pause ergänzt der Mann: „Ich hätte auch eine Gabel dazu.“

„Ach so!“, lache ich über das Arbeitsangebot. „Das nächste Mal.“

*

Katzenmühle, steht da angeschrieben mit einer Speisekarte und dem Verweis auf eine Schmuggelstube. Der Weg führt hinab in Waldesdickicht entlang eines Bachlaufs, dahinter nur Wipfel und Berghang und mitten in diesem Nirgendwo eine unsichtbare Grenze. Dort will noch etwas anderes sein? Ich schlage den Weg ein.

„Selbstbedienung“ steht da angeschrieben auf einem Schild auf der Terrasse. Ich grüße die kleine Runde am Tisch und gehe hinein, eine Frau schneidet einer anderen die Haare, ich biege ab und unter einem niedrigen Türsturz hindurch. Da ist eine kleine Küche, ein Schauraum mit Kuchen, Kaffeemaschine und Delikatessen, dahinter eine Stube, viel Holz, keine Gäste hier drinnen. Dann stehe ich da und weiß nicht weiter und irgendwann kommt der Mann aus der kleinen Gruppe draußen herein. „Jetzt wollte ich doch mal schauen, ob du zurecht kommst.“

Selbstbedienung ist wirklich ganz wörtlich gemeint, lerne ich. „Schüchtern darf man bei uns nicht sein.“ Also hole ich eine Flasche aus dem Kühlschrank und ein Glas vom Regal, suche den Flaschenöffner und schließlich die Kasse. Die gibt kein Wechselgeld, denn sie ist ein Holzkästchen mit einem Schlitz für Geldeinwurf. Ich habe das Geld nicht passend, es wird mein teuerstes alkoholfreies Weizen, das ich je getrunken habe, aber es tut nicht so sehr weh, denn längst hat die Katzenmühle mein Herz erobert. Ich spaziere hinaus, bewundere das viele Holz, die Heiterkeit der Betreiber, die verwinkelte Galerie, sehe, dass die Katzenmühle auch an manchen Abenden geöffnet hat.

„Pfiat di“, ruft mir der Betreiber fröhlich hinterher, als ich weiterziehe. Ich werde wiederkommen eines Abends und dann, versteht sich, nicht allein.

*

Über einen Graspfad geht es den Hang hinab, dann schwenke ich scharf auf einen Feldweg. Er führt direkt auf ein Dorf zu, auf eine Kirche am Ortsrand, zwei Autos sind in der Wiese geparkt, gegenüber steht ein Bauernhof mit Holz und frischen Farben im Sonnenschein. Und dann läuten auch noch die Glocken.

Eine unerhörte Idylle rückt dem Wanderer näher. Hier ist Deutschland noch in Ordnung, ist da plötzlich in meinem Kopf, und dabei will ich damit weder eine Aussage treffen, dass Deutschland nicht mehr in Ordnung, noch dass es früher je in Ordnung gewesen sei. Es ist nur eine spontane Reaktion auf diese ungeschminkte Schönheit.

Warum aber läuten die Glocken an diesem Nachmittag? Schwarzgekleidete Gestalten auf dem Friedhof belegen meinen Verdacht. Dann, als ich die Kirche passiere und den Bauernhof und den Brunnen, füllen sich die Straßen mit immer mehr Menschen in Trauerfarben. Alle sind sie jung, beinahe alle sind sie elegant und selbstsicher und schön und schlank. Die Autokennzeichen sind aus der Fremde: Stuttgart, München, Starnberg, immer wieder wiederholen sich diese Kennzeichen, da ist kein einheimisches Kennzeichen darunter, so wenig wie ich ältere und alte Menschen sehe, und aus den Autos steigen immer noch mehr junge, elegante Frauen und junge, elegante Männer. Eine Frau lächelt mich an, einer anderen laufen Tränen übers Gesicht, das Gasthaus, in dem ich eine Einkehr erwogen hatte, ist einer geschlossenen Gesellschaft vorbehalten, der Wirt zieht mürrisch an einer Zigarette auf dem Treppenaufgang.

Benommen bewege ich mich gegen diesen schwarzen Strom. Benommen von dem Kontrast dieser ungeheuren Idylle und dem Tod eines offenbar noch jungen Menschen, den Dorfhäusern und all diesen eleganten, erfolgreichen Menschen aus einer anderen Welt. Stuttgart, München, Starnberg in diesem Tal ganz am Ende von Deutschland, und dann bin ich am anderen Ende des Dorfes, steige aus der Flut wieder ans Ufer einer einsamen Gemeinde und hätte so gerne gefragt und wage es doch nicht, hätte gerne gefragt nach dieser Geschichte, die ich da eben hinter mir gelassen habe und nur nach ihr hätte zu greifen brauchen.

Ich setze mich auf eine Bank, neben mir eine Scheune mit der Beschilderung „Reifenwechsel“ und einem Haindlingplakat und einem Plakat einer Vielhundertjahresfeier des Dorfes. Zwei Männer laden aus der Werkstatt Reifen in einen Lieferwagen, sie unterhalten sich angeregt, der eine ist hell und blond und der andere afrikanisch schwarz und ich weiß, dass ich es bereuen werde, nicht nach den Totenglocken gefragt zu haben, und wage es aus Scham doch nicht.

Vielleicht, sinne ich auf der Bank, war da einst ein sehr junger Mann, eine sehr junge Frau ausgezogen aus diesem 800-Seelen-Dorf am äußersten Rande Deutschlands, nur noch eine Siedlung liegt unterhalb im Tal vor der Grenze, das Tal ein Keil, ein Dreieck, dessen beide Schenkel österreichisch sind. Ist also von dort ausgezogen und hat Karriere gemacht in den Landeshauptstädten des Südens und nun als Toter zurückgekehrt in seine einstige Heimat. Ist zurückgekehrt in diese Idylle, die doch zugleich ein Kaff ist, ein Kaff sein muss, immer ein Kaff war und ein Kaff bleiben wird für die Jungen, vielleicht das allerschrecklichste Kaff sogar, einem Gefängnis gleich, und der junge Mensch also ging nach München und Stuttgart, ging in die Wirtschaft vielleicht, machte Karriere, eine Frau oder ein Mann mit Zukunft, lobten vielleicht die Älteren, halb stolz, halb missgünstig auf den Nachwuchs, und am Wochenende tanzten die Jungen und Erfolgreichen in München oder Stuttgart und feierten und die Zukunft ein ausgebreitetes Feld vor ihnen, eine Verheißung, die es zu erobern gilt, ein goldener Apfel am Baum.

Und jetzt liegt dieser Mensch tot da drinnen in dieser schönen Kirche zwischen all den schönen Menschen an diesem schönen Sonnentag und verwest.

Sinus

Den Tag über gehen, keine Straße, keine Siedlung, nur die eigenen Schritte. Gehen im Licht, auf Stein, über Wurzeln, die Aufmerksamkeit auf jeden Tritt gerichtet. Den Tag über gehen, bis die Muskeln schmerzen, und aus Quellbächen trinken, einfach den Durst löschen mit dem, was da aus dem Felsen fließt als ein Geschenk.

*

Ob Tanken bei Gewitter gefährlich ist, frage ich mich. Der Wind reißt an den kurzen Hemdsärmeln, ich finde keine Antwort. Spurensuche nach einem bestimmten musikalischen Genre aus einer gewissen Lebensphase. Im Subway hatte ich damals dazu getanzt und zuhause Radiosessions auf Kassette aufgenommen. Auf dem Videoportal höre ich mich durch R’n’B, R’n’B in allen möglichen Kombinationen, House, Deep House, lande irgendwie beim Trip Hop. Aber eine Antwort finde ich nicht. Der Tribut an die Herrin des Turms lässt die Hand sinken, irgendwann spüre ich die Folie eines Riegels zwischen den Fingern nicht mehr. Danke, den Weg ins Bett immerhin finde ich selbst. Am Horizont die rote Sichel des Mondes.

*

In einem Zwischenreich, einem zeitbefreiten Irgendwo zwischen Sport und Arbeit, einen Kaffee neben mir. Möchte hier bleiben, aber irgendwann muss ich hier raus und dann schnellt die Zeit zurück und rächt sich für den billigen Traum eines Feenreiches an der Autobahn. Es ruft also: die nächste Tat.

Arabisch_Essen_Vorspeisen

Träume von der Tiefe

Es ist wohlfeil, einen oft genannten Aphorismus erneut zu zitieren. Trotzdem denke ich später, als ich die Gipfel längst hinter mir habe, an Friedrich Nietzsches Ausspruch. Die Höhe bietet genügend Fläche, vom Kreuz hierhin und dorthin trennen Schritte vom Sturz hinab. Ich bin wachsam, aber nicht unruhig. Die Angst kommt erst später, nachdem ich Minuten auf dem Gipfel sitze, stehe. Stille, ganz stille sammelt sich der Abgrund um mich an und öffnet etwas in mir. Dem Druck der Tiefe halte ich nicht stand. Fast barsch frage ich: „Gehen wir weiter?“ Den Abgrund trage ich mit mir.

*

Da liegen die anderen also auf der Bergwiese und halten ein Nickerchen. Wir haben den Ponten hinter uns, diesen Berg mit seine ganz und gar unallgäuerisch anmutenden Namen. Pons, pontis spuckt die Erinnerung altes Schulwissen aus, aber warum sollte der Berg nach dem lateinischen Wort für „Brücke“ benannt sein? Später lese ich, dass eine Ableitung von „Bann“ als wahrscheinlich gilt, also ein „gebannter Berg oder Wald“, Holzschlag verwehrt. Vor dem Ponten haben wir den Bschießer überquert, und dessen Name passt ja umso besser ins Allgäu, treffender geht es kaum als ein gedehntes, um nicht zu sagen kuhmäuliges „Bschiaßa“. Die Österreicher übrigens – die Grenze nämlich verläuft über die Höhe – schreiben Bscheisser, was zugegebenermaßen auch nicht übel ist.

Da liegen die anderen also auf der Bergwiese und halten ein Nickerchen. W. auf der Seite, vermutlich schläft sie tatsächlich, ihre Beine jedenfalls zucken, M. auf dem Rücken, die Füße aufgestellt, die Kappe übers Gesicht gezogen, eher Ruhen als Schlafen. Einen kleinen Gipfel haben wir noch vor uns, dann geht es wieder hinab in die Welt des Alltags, und das wollen wir noch hinausschieben, wobei ich sagen muss, ich könnte doch jetzt gleich schon weitergehen, statt ins Büchlein zu schreiben, denn Schlummern, das ist nichts, dann wache ich in der Sonne noch völlig benommen auf, hirnweich und knieweich gleichermaßen.

Schwebfliegen und Schmetterlinge über blühenden Kräutern, ein Kreis von Latschenkiefern, Wind weht, weniger frisch als noch zur Mittagszeit, mild war es wirklich nicht. M. hat sich leise aufgerichtet, wir schauen uns an, überlegen, wer es zuerst ausspricht: Gehen wir weiter?

„Ich habe geträumt“, schreckt W. da auf.

Allgäuer Alpen

In der Nachbarschaft des Ponten

Nach Norden

Wo die Mittelstreifen verblassen und manchmal auch ein gelber Wegweiser, irgendwo auf den Ausläufern einer Endmoräne, da rollen die Reifen über rissigen Asphalt. Eine Südstaatenflagge weht neben einem Misthaufen. Es ist noch etwas in die Fahne eingezeichnet, etwas, was sie von der Flagge der amerikanischen Sezessionisten unterscheidet, aber ich kann nicht erkennen, was es ist. Ich könnte anhalten, denke ich, aber im Hof daneben arbeitet ein Bauer und Scham hält mich ab, meiner Neugier so offensichtlich nachzugehen.

Dann verliert sich das eiszeitliche Geröll in der Landschaft und wir sind endgültig im Maisland angekommen. Menschenhoch gewinnen die Stauden Überhand vor jauchegetränkten Feldern und die „Milch macht Bayern stark“-Schilder werden seltener. Der Horizont hier ist Mittelmaß, nicht zu fern und nicht zu nah, er tut nirgends weh und erhebt das Herz selten, nur ein bisschen Schwung in der Landschaft. Der Bergblick, mein Anker, wird einem fast nirgends mehr geschenkt, und der Fußweg über die flachen Bachtäler, eingeebnet einst von eiszeitlichen Flüssen, sind öde, es ist eine Pein, sie zu durchwandern, selbst wenn sie nur ein, zwei, drei Kilometer breit sind.

Die Kirchtürme tragen Farben, beinahe wecken sie das Misstrauen desjenigen, der die wehrturmartigen Kirchtürme aus dem Hügelland gewohnt ist. Und wenn du, dich bei deinem Gefühl ertappend, lachst, ist eigentlich schon alles gesagt. Denn das Misstrauen der Höhenbewohner kennen sie hier nicht. Wer hier wandert, wird von den Einheimischen immer wieder angesprochen, ein freundliches Woher und Wohin in einem hübschen Bayern-Schwäbisch, und sie erzählen dir ungefragt dies und jenes, eine Wegempfehlung, ein schiefer Kirchturm, eine Quelle mit geheiligtem Wasser und gute Wünsche für den weiteren Weg, als würden sie sich wirklich freuen, dass ein Fremder hier herumspaziert durchs Unterland.

Und lächelnd setzt du deinen Weg fort.

An der Mindel im Mai

Falscher Adel

Am höchstgelegenen zweigleisigen Bahnhof Deutschlands wechsle ich unter Nieselregen das Gefährt. Es ist doch erstaunlich, welche Superlative sich Menschen aus den Fingern saugen. Der ausgehängte Rekord ändert allerdings nichts daran, dass mich die Bahn in einen schäbigen, ohne Abstriche schäbigen Raum lotst, in dem sich nicht mehr befindet als ein Fahrkartenautomat zwischen Elend und Leere. Wie die Deutsche Bahn ihre Kunden abseits der großen Bahnhöfe behandelt, ist recht besehen eine ungeheure Zumutung. Oder ist das Konzept regionaler Eisenbahn in Wahrheit schon längst bankrott?

Der Sonntagmorgenzug ist erstaunlich voll, über einen Mangel an Fahrgästen kann sich die DB also eigentlich nicht beklagen. Eine Gruppe zierlicher, dunkler Mädchen in strahlendweißen Gewändern ist auf dem Weg zum eritreischen oder äthiopischen Gottesdienst, das Haar hochgetürmt unter einem weißen Schleier. Weiter fahren ein paar Vorarlberger, aus Österreichs westlichstem Bundesland zum Münchener Flughafen. Zwei Stunden sind sie schon unterwegs für gerade mal 100 km Luftlinie, höre ich. Die großflächige Elektrifizierung der Allgäuer Eisenbahn steht eben immer noch aus. „Des kasch gar it usspreche mit langem I“, kommentiert eine aus der Gruppe das Bahnhofsschild von Biessenhofen. Genau das, was ich am Tag zuvor dachte, als ich von Rieggis, ein gutes Stück weiter im Westen des Allgäus, aufbrach zu einem Spaziergang.

Als ich in Kaufbeuren aus dem Zug steige, ist es wieder trocken, der östliche Horizont ist finster, aber dort bin ich ja nicht. Die weißbeschleierten Kirchgängerinnen ziehen kichernd durch den Park, ein junger Mann im Anzug kommt entgegen, er wirft, absichtlich ruppig, sein Rad mitten auf den Weg und betritt den Bahnhof. Das ist wahrlich ein wunderliches Verhalten, das finden die Mädchen ebenso wie ich. Hätte ich den jungen Mann ansprechen sollen?

Antifa-Aufkleber an Laternenmasten, sie sind mir seit den Ausschreitungen während des G20-Gipfels lächerlicher als je zuvor, aber eine Überraschung ist das ja nicht, das wusste George Orwell schon in „Homage to Catalonia“, als er den Republikanern im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Falangisten beistand und bald seine Illusionen begraben musste. Ich darf, ermahne ich mich da, nicht den Fehler begehen, jeden Menschen, der sich mit der Antifa identifziert, mit den Plünderern von Hamburg gleichzusetzen. Aber es bleibt dabei, die Antifa tritt doch immer und immer wieder in einer Geste des Geschreis, der Gewalt, des Hasses auf. Nein, der Widerstand gegen rechtsextremes Treiben muss sich auf anderes gründen, meine ich. Da passiere ich das Mahnmal für ein Außenlager des KZ Dachaus. „Mitläufer. Und du?“, steht da. Das ist wohl einzuüben, jeden Tag aufs Neue, individuell und erst recht gemeinschaftlich.

Ich irre durch Hässlichkeit aus Beton und Asphalt, bis ich die Altstadt finde, die Straßen sind leer, das Stadttheater spielt „Die Vögel“ nach Aristophanes. Als diese Komödie in Athen geschrieben wurde, war Kaufbeuren nicht mehr als ein paar alte hallstattzeitliche Grabhügel und eine kleine bronzezeitliche Siedlung inmitten des feuchten Urwalds der Voralpen. Über die ersten Gassen spannen sich Wimpel, das Café Italia sucht eine Nachfolge, Ablöse möglich. Dann sind die Straßen aufgerissen, Zug um Zug Schotter und Schlamm, vor den Ladeneingängen schmutzige rote Teppiche. Ein Hahn kräht, ganz unerwartet in der Altstadt, vielleicht lebt er im Kloster der Stadtheiligen Crescentia. Ein Glatzkopf im Kapuzenkittel zerrt an einem Hund gigantischen Ausmaßes.

Der Regen hat die Stadt nun doch erreicht, ich betrete ein Café. „La Baronessa“ gibt sich elegant und fein und mundän und ist doch nur Schein, das ist sofort augenscheinlich. Beautywerbung für die Proseccodamen steht neben der Speisekarte auf den Tischen, aus den Lautsprechern läuft der Radiosender Antenne Bayern. Die Karte bietet ein Viagrafrühstück („mit einer Latte …“, so steht es da) und ein Familienvater entblödet sich nicht, genau dieses zu bestellen.

Womöglich soll ja der überlaufende Milchschaum auf meinem Cappuccino Ausgleich für diese Ansammlung von Geschmackslosigkeiten sein. Die Jacke fühlt sich jedenfalls gleich weniger regenfeucht an.

Das also ist Scharlachrot, denke ich mir …

Das sechste Kapitel, denke ich mir, das sechste Kapitel sollte ich doch einmal vorlesen.

Peter Kurzeck, „Übers Eis“, wie er, in sein Manuskript vertieft, das Dezemberwetter ganz dunkel draußen und eigentlich immer dunkler werdend mit dem Fortschreiten des Morgens, seine Trennung im Nacken, das Bewerbungsgespräch im Theater vor sich am späten Vormittag, einen Espresso machen will und alles schief geht, immer und immer wieder schief geht. Und schon ein Kapitel fertig. Das ist es ja gerade, die Kunst, die kleinen Dinge zu beschreiben. Aber merkwürdig, denke ich mir, da findest du lange Zeit kein Buch, das du lesen magst, und dann kannst du dich gar nicht retten vor Bücher, die du am liebsten alle gleichzeitig lesen wolltest. Und noch merkwürdiger natürlich, dass alle diese Bücher schon im Regal standen, als ich nichts gefunden hatte, nichts lesen konnte, offenbar gar nichts lesen wollte, das muss ich doch daraus schließen, denke ich mir.

Der Neffe, den ich von dem Sturz noch gezeichnet vorzufinden glaubte, schon wieder ganz munter, ich hätte nichts gemerkt, hätte ich es nicht gewusst. Zu spät gekommen, der Besuch natürlich trotzdem erwünscht, und er lebendiger als sonst, und berichtet von seiner Entdeckung, dass er Bilder gefunden habe, die er in jüngerem Alter gemalt habe, und dann zieht er die Blätter hervor, zuerst allesamt umgedreht, dann sie umdrehend und baut aus bemalten Seiten, die mir zuerst zusammenhangslos erscheinen, ein gewaltiges Schiff voller Wunder zusammen. Fast wünsche ich mir selbst dieses kindliche Vermögen zurück, ganz ohne Ziel und Zweck schöpferisch sich zu erfüllen.

Und dann, ganz schnell, schon wieder ein Tag vorüber, den ich gelebt oder auch nicht, das weiß ich selbst nicht genau, denke ich mir und blicke aus dem Fenster. Das also ist Scharlachrot, denke ich mir, als ich zu den letzten farbigen Wolken hinübersehe.

Auftreten

„Das Gaishorn“, sagte mein Bruder, „kann man ja ein Stück weit auch mit dem Fahrrad hochfahren“. Im aufkommenden Nebel sei er dann aber auf dem Abstieg vom Gipfel auf einen anderen Weg geraten und musste anschließend eine ungeheure Strecke gehen, um wieder an sein Rad zu gelangen.

Schaut man von Norden auf die Kulisse der Allgäuer Alpen, fällt das Gaishorn als besonders wuchtig auf. Das relativiert sich ein bisschen von anderen Perspektiven aus, das hatte ich bereits erfahren, auf dem Berg selbst aber war ich noch nie. Also nehme ich mein Rad mit und fahre den Schotterweg zum Älpele hoch oder genauer gesagt, schiebe das größte Stück, denn es ist doch verflucht anstrengend. Zwei Bauern treiben Jungvieh durch den Wald zusammen, um es auf eine höhergelegene Weide zu bringen. An den Tieren vorbei schiebe ich sowieso und überhole sie, wuchte vorsichtshalber das Rad ein paar Schritt neben ihnen über den Zaun, vor dem sich das Vieh versammelt, und öffne dann erst für mich den Draht über dem Wirtschaftsweg. Ein dritter Bergbauer steuert rückwärts sein Auto den Berg herab und kurbelt die Scheibe herunter. „Servus“, sagt er. Wenn die Viecher kommen, solle ich halt auf die Seite treten und es vorbeilassen. Aber da war ich ja schon weit vorneweg.

Ein Berg wird immer dann reizvoll, wenn die Waldgrenze überschritten ist. Ein weiter Kessel tut sich auf. Ein paar niedrige Laubbäume sind über das Grün verstreut, in den Hängen wachsen Föhren, Geröll zieht sich in Bahnen die Wiesen hinab. Das Älpele am Rande des Kessels öffnet erst eine Stunde später, also muss ich mit den beiden Wasserflaschen im Rucksack auskommen. Ich binde das Rad an einem Zaun fest, ein Wanderer überholt mich, sonst ist es still. Ich schreite in den Kessel hinein, in diesen Frieden, der monatelang im Jahr von Schnee bedeckt ist. Das Flugzeug am Himmel natürlich nervt.

Erst dann sehe ich das Gaishorn: ein Felsmassiv über Schotterhängen, oben leuchtet das Gipfelkreuz im Sonnenlicht. Mein Weg macht einen Knick, der Grashang, auf den ich gegen die Sonne zuwandere, ist ein von schwarzen Schattenlinien durchzogenes Grün. Oben gehen zwei Menschen. Bald bin auch ich oben auf diesem Kesselrand, passiere den Weg, der vom Vilsalpsee heraufführt und habe das Massiv vor mir. „Trittsicherheit erforderlich“, warnt ein Schild. Das ist, sage ich mir, kein Problem. Das ist alles kein Problem, solange das Schild nichts von Schwindelfreiheit schreibt. Ich lasse das Grün zurück und betrete hartes Grau. Der Pfad quert zur Hälfe ein Schotterfeld, über das im Winter gerne Skitourengeher abfahren, dann geht es dort recht steil hinauf. Im Geröll achte ich auf jeden Schritt, wenn ich einmal nach oben blicke, sehe ich nur Fels aufgetürmt. Wo dort der Pfad hindurchführen wird, kann ich nicht erahnen, aber das ist ja ganz gewöhnlich so, wenn man von unten einen Berg hinaufschaut. Alles kein Problem.

Dann verliere ich die roten Wegmarkierungen. Das da, das sind doch Stiefelspuren? Also muss es dort entlanggehen, orientiere ich mich. Dann verliere ich auch diese Spuren und weiß nur, irgendwo dort hinauf muss es halt gehen. Mein Atem geht noch eine Spur schneller, als er angesichts der körperlichen Anstrengung müsste, und ich denke mir: Alles kein Problem. Noch kann dir nichts passieren.

Endlich entdecke ich wieder einen roten Farbtupfer und rufe ihm stumm mein Hurra zu. Ich erreiche ein Schneefeld, das sich in einer Rinne gehalten hat. Dort hinüber? Ja, eine undeutliche, bräunlich geränderte Linie zieht sich quer hindurch. Das müssen Fußspuren sein. Der Schnee ist weich und sulzig, darunter grobkörnig zäh. Ich trete die hangaufwärts liegenden Kanten meiner Stiefel kräftig in die Masse, um einen sicheren Stand zu haben. Ich steige weiter empor, keine Spur von den Menschen, die ich auf dem grünen Kamm noch vor mir hatte, nur ein ausgelassener Ruf eines Menschen auf einem Grat zur Rechten.

Vor einem zweiten Schneefeld verliere ich wieder die Wegmarkierung. Ich spähe hierhin und dorthin, nirgendwo ein aufgemalter roter Fleck oder Strich. Taste mich zwischen Felsen empor, hoffe auf ein Zeichen. Es kommt von unerwarteter Seite. Eine sportliche Frau überquert unter mir das Schneefeld. Also doch dort hinüber und den steiler gewordenen Hang hinauf? Ich rufe der Frau zu. Sie versteht mich zuerst nicht, antwortet dann auf meine Frage beinahe schnippisch: „Oder hast du einen besseren Weg?“. Ihre Sicherheit wird zur meinen, ich steige wieder hinab und quere den Schnee, gehe dabei auf Nummer sicher und stoße die Spitze meines Stiefels dreimal in den Sulz hinein, bevor ich das Gewicht verlagere. Die Profis würden mich belächeln, aber auslachen würde mich nur ein Narr.

Die Bergfee ist bereits entschwunden, ein Mann kommt mir entgegen, als er mich passiert, warte ich, bis er das Schneefeld erreicht hat, denn ich möchte ihm auf diesem steilen Stück kein Geröll hinterherschicken. Dann keuche ich weiter, sehe die Frau auf dem Endspurt zum Gipfel, quere ein drittes Schneefeld, flacher zwar und trotzdem das aufregendste, denn es ist das höchste, hier zu stürzen, hätte den längsten Weg zur Folge. Dann bin ich oben.

Der Ausblick ist phänomenal und trotzdem beunruhigt mich die Tiefe, die sich überall auftut. Der Wanderer, der mich am Älpele überholt hatte, fotografiert mit viel Geduld: die Aussicht, das Gipfelkreuz, die Bergblumen, die Insekten. Die Bergfee entschuldigt sich bei mir auf Tirolerisch, dass sie mich ihrer Kopfhörer wegen nicht gleich verstanden hatte, und ich bin doch nur froh, dass sie gerade da des Weges gekommen war, als ich jemanden brauchte. Wasser, ein paar Bissen, Fotos und nochmals Wasser und ich mache mich wieder auf, auf der Suche nach festem Grund unter den Füßen.

Ich stehe vor dem Weg, den ich für den Abstieg vorgesehen hatte, und lese „Absturzgefahr! Trittsicherheit erforderlich“ gleich dreimal untereinander. Das ist nicht ganz das, was ich wollte. Trittsicherheit, sage ich mir erneut, das geht doch. Und ich kann jederzeit umkehren, einen anderen Weg nehmen, ein Umweg von ein oder zwei Stunden zwar, aber machbar. Mehr oder weniger über einen Grat führt der ausgesetzte Weg. Ja, abstürzen wäre fatal, aber es sind keine tiefen Abgründe, die sich links und rechts auftun. Behutsam setze ich einen Fuß vor den anderen, greife mit der Hand gerne an den Fels und am Ende war es nur die Sorge vor dem, was kommen könnte, was mich beunruhigt hatte, nicht der Weg, den ich tatsächlich gegangen bin.

Dann ist es nicht mehr weit. In den Kessel hinab, die Sonne brennt, Vögel schlagen zwischen den paar Büschen Alarm, dann das Älpele, die Wirtin spricht Hochdeutsch, wie merkwürdig, und ich fülle meinen Wasserhaushalt wieder auf.

Die Abfahrt dann natürlich ein Heidenspaß.

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