Die Stadt zeigt ein Herz für Nerds, scheint es …

Die Stadt zeigt ein Herz für Nerds, scheint es (40 000 Einwohner, keine klassische Hochschule). Die Altstadtstraße runter gibt es einen schmuddligen Tabletop-Laden – aus beruflichen Gründen nur freitags geöffnet, aber manchmal schieben abends nachdenkliche junge Männer Armeen über den Tisch.

Zwei Gassen weiter eine Flucht von Räumen voll mit gebrauchten Stereoanlagen und einem umfangreichen, hochpreisigen Schallplattensortiment. Kunden scheinen unerwünscht. Verirrt sich jemand in das Geschäft, wird er ignoriert und die zwei Männer im Hinterzimmer erzählen sich mit dieser leicht schleppenden, anstrengenden Stimme von Filmen, die sie gesehen haben. Weicht der Kunde und ruft noch freundlich einen Gruß nach hinten, kommt nur ein verzögertes „bitte“.

Hatte ich mich denn für irgendetwas bedankt?

Ein ausgemergelter Greis zuckt auf einer Trage …

Ein ausgemergelter Greis zuckt auf einer Trage hinter der halb geöffneten Schiebetür. Ist er am Sterben? Im Flur liegt ein junger Mann – kurzgeschorenes Haar, billige Turnschuhe – auf einer anderen Liege, krumm, ausgeliefert, offenbar bewusstlos. Warum nur sind wir so furchtbar verletzlich? Ich bin froh, dass, was mich hier die letzten Stunden hat verbringen lassen, harmlos erscheint. Eilig schreite ich hinaus in die Nacht, zugleich beschämt, die Ärzte von so viel wichtigeren Fällen abgehalten zu haben, wie sirrend vor Dankbarkeit, das einfach tun zu können: sorgenfrei hinauszugehen, zurück in mein Leben der Pläne und Entscheidungen und scheinbaren Gewissheit des morgen.

Es ist doch merkwürdig, denke ich mir später …

Es ist doch merkwürdig, denke ich mir später, als ich aus dem Dachgeschossfenster hinunter auf die Stadtmauer schaue. Da fühle ich mich wie an einem ersten Urlaubstag und dabei beginnt morgen für mich eine neue Arbeit in einer neuen Branche. Aber vielleicht passt das in Wahrheit ganz gut zu einem ersten Urlaubstag: diese Erschöpfung von der Anreise, überreizt von den vielen Eindrücken, nervös vor dem, was da kommen wird. Und diese Wohnung, die ich eben betreten habe, ist mein Feriendomizil – sie wirkt tatsächlich so mit ihrem Holz und ihren Fliesen und ihren Terrakottafarben – und das da draußen ist eine mediterrane Illusion.

An den Busbahnsteigen sind Dörfer und Marktgemeinden des Allgäus und Mittelschwabens angeschrieben, aber der einzige Bus, der zu dieser abendlichen Stunde fährt, ist der Fernbus nach Berlin. Ob darin diese Schwaben sitzen, die in der fernen Hauptstadt ihr Glück zu machen versuchen, Prenzlauer Berg, Schwabenhass? („Es ist selten, dass einer aus Stuttgart nicht nach Berlin zieht“, hatte mein Vinylhändler zum Abschied gestaunt.) Ich erkenne die Gesichter hinter den Scheiben nicht, es ist bereits zu dunkel dafür.

Die Lichter über mir springen an. Ich sitze nach einigen furchtbar kalten Sommertagen auf einer Bank des Busbahnhofes und friere nicht, und ich zögere diesen Moment des Aufbruchs noch hinaus, wenn ich hinübergehen und den Schlüssel im Schloss drehen und die Wohnung betreten und die Taschen abstellen und mich umschauen und wissen werde, wenn ich mich in das fremde Bett lege und die Augen wieder aufschlage, wird eine neue Zeit angebrochen sein. Es schmeckt nach Spanien, nach Andalusien.

Memmingen_Siebendächerhaus_Altstadt_Schwaben_Allgäu_Geschichte

Warum nur kreist der Bussard über mir …

Warum nur kreist der Bussard über mir auf meinem Weg in meine Vergangenheit?

Vom Bahnhof bin ich hinaufgewandert auf den Hügel, eine Stunde Fußmarsch vom Ort meiner Geburt dorthin, wo meine Ahnen seit ein paar Generationen wohnen. Habe bei der Großmutter ein Käsebrot gegessen und eine Flasche geleert und bin dann weitergegangen. Habe drüben auf der nächsten Endmoräne schon mein Ziel gesehen, jenen Weiler, in dem ich wichtige Jahre meiner Kindheit verbracht habe und vielleicht bald dorthin zurückkehren werde.

Ich verlasse den Schotter der Feldwege und nähere mich über Sommergras dem schmalen Wäldchen auf halber Strecke zwischen beiden Hügeln. Wie oft war ich als Kind diesen Weg gegangen, auch in einem Alter schon, in dem man heute keine Kinder mehr hinauslassen würde ohne Aufsicht, und wie viele Jahre, ja Jahrzehnte waren seit dem letzten Mal vergangen, denke ich mir ehrfürchtig. Und dann kreist der Vogel über mir. Schrei um Schrei stößt er aus, während er über mir zirkelt. Was will er von mir? Es ist Juli und eigentlich schon zu spät für die Brutpflege, zu spät im Jahr für einen Angriff auf menschliche Störenfriede.

Ich trete in den Wald, suche mir einen Weg durch das Gestrüpp, den nadelbedeckten Boden hinab, staune darüber, hier zu sein. Als ich den Wald verlasse, ist der Vogel wieder über mir. Er begleitet mich auf meinem Weg zurück in meine Biographie wie ein Geisterwesen aus Carlos Castanedas Büchern. Ich lasse die Hände frei schwingen, die Finger leicht nach innen gekrümmt. Vor mir fallen Vergangenheit und Zukunft ineins.