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Passierschein

Mittags spaziere ich zum Pestfriedhof. Das war eine andere Nummer: Letalität von 95%. Vögel singen in den noch unbelaubten Bäumen, Blumen treiben aus dem Boden, die Sonne wärmt. Menschen sehe ich nicht. Immer bin ich allein an diesem Ort.

Das war gestern und da lag bereits greifbar in der Luft, was heute verkündet wurde. Der Ministerpräsident verhängt Ausgangsbeschränkungen im ganzen Bundesland. Kolleginnen rationalisieren: Sie hatten ja gesagt, sie müssten zu weiteren Mitteln greifen, wenn sich die Menschen nicht an die ausgegebenen Regeln halten. Ich bin, nicht unwidersprochen, anderer Meinung. Für mich war das Drehbuch längst geschrieben. Verabreicht wird die Medizin dann häppchenweise, so schluckt der Patient sie williger.

Im Windschatten beginne ich zu schwitzen, nur der bemooste Stein unter mir ist noch kalt. Eine Ameise krabbelt über mein Knie. Ich stehe auf und kehre zurück ins Büro. Jeden Tag werden wir weniger. Verdachtsquarantäne als Kontakt zweiten oder dritten Grades, die Entwarnung dann nach Tagen; verrinnende Aufgaben, Unterauslastung, wie der Firmengründer es nennt; Aushilfe in überlasteten Abteilungen, erst dort, dann ein paar weitere drüben. Am Abend weiß niemand: Werde ich die anderen am nächsten Morgen wiedersehen? Darf ich selbst wieder an meinen Schreibtisch?

Es ist ein bisschen Ferienlagerstimmung: überreizt und zugleich nicht ernst zu nehmen – als sei alles ein Spiel, gespielt mit schrillem Gelächter. In den Weidenkätzchen summen schon die Bienen.

Heute also die Nachricht, die Geschäftsführerin verkündet sie eine halbe Stunde später über den Lautsprecher, sie muss sich selbst dabei erst finden, so unbekannt ist ihr die Situation. Der Freitagnachmittagsrest unseres Teams teilt sich auf, den übrigen ihre ‚Passierscheine‘ zukommen lassen. Auf dem Heimweg werfe ich die Schreiben in ein paar Briefkästen, die Alpengipfel verschluckt, der Himmel düster. Wäre es Sommer, wehte gewiss Staub über die einsamen Straßen.

Zuhause feiern wir ein bisschen Nauruz, das persische Frühlingsfest mit seinen uralten Wurzeln, Tag-und-Nacht-Gleiche. Es beginnt für mich das gute halbe Jahr, das nicht so gute halbe liegt nun zurück. Das gefärbte Ei ist mir misslungen, die Schale zersprungen, die Rote Bete hat kaum abgefärbt, aber dafür, dass ich auch noch nie ein Osterei gefärbt habe, soll es mir recht sein. Köstlich dafür der persische Kräuterreis mit seiner Kruste und dazu das letzte, wirklich allerletzte Glas Chutney aus dem vorletzten Herbst, als ich in der Flut der Früchte Abende lang eingekocht hatte: Äpfel, Birnen, Quitten und immer wieder Äpfel, voller Gewürze und wurzelweise Ingwer.

Zu Nauruz legen die Zoroastrier und Parsen ihre heiligen Schriften auf den Tisch, die Muslime den Koran, Christen die Bibel. Und wer es nicht ganz so mit der Religion hat, einen Lyrikband. Im Iran von Hafis, dem Goethe-verehrten, versteht sich. Da meine Hafis-Ausgabe nur ein Reclamheftchen ist, gesellt sich ein zweiter Gedichtband hinzu: „Mein Europa“ – ich will den Glauben daran nicht verlieren – von Michael Krüger, dem Verlagsleiter von Hanser einst. Wir waren im Herbst auf seiner Lesung in der Provinzstadt, die Tochter ein paar Wochen alt, ihre erste Dichterlesung und friedlich eingehüllt in ihrem Tragetuch, es war wunderschön, und wunderschön auch die Widmung Michael Krügers an die jüngste Zuhörerin des Abends. Dann greife ich ein drittes Mal ins Regal und ziehe die Gedichte von Nietzsche heraus. Dieser a-moralisierende Querdenker kann nicht schaden in diesen Tagen. Die Tochter isst zum ersten Mal Reis. Ich könnte ihr Stunden zuschauen, wie sie Lebensmittel erkundet, ertastet, erschmeckt, so voller Ja zum Leben.

Später nochmals online. Die Zeitung voll mit Kriegsmetaphern und ich verstehe nicht, wieso.

Meinen täglich Kümmel gib mir heute

Noch nicht einmal angefangen, muss ich mich schon erklären: Mir geht es nicht um den echten oder Wiesenkümmel, den ich nicht besonders schätze, und erst recht nicht um einen Schnaps, den ich noch viel weniger leiden mag, sondern um den Kreuzkümmel. Den liebe ich außerordentlich. Daran ist schon zu erkennen, wie gefährlich es ist, beide Gewürze zu verwechseln oder durch nachlässigen Sprachgebrauch auch nur Raum zu öffnen für eine Verwechslung durch Dritte – ein Verhalten, das regelmäßig meine Entrüstung zur Folge hat. Und trotzdem mache ich genau das hier. Kümmel passt einfach besser in den Rhythmus der Überschrift.

Seit Wochen also ist kein Bio-Kreuzkümmel mehr zu bekommen, nicht von Lebensbaum, nicht von Sonnentor, auch nicht von Brecht im Reformhaus, wohin ich mich selten verirre. Ich rüste mich, möglichen Mehrfachrückständen von Pestiziden zum Trotz, konventionell angebauten Kreuzkümmel zu kaufen, allein, auch daran scheitere ich kläglich. Der Asiashop hat den ganzen Monat über geschlossen, das Besitzerpaar wohl in Thailand, einen indischen Lebensmittelhändler, wie ich ihn in Stuttgart gerne besucht habe, gibt es in der Provinzstadt nicht, und für den türkischen Supermarkt habe ich keine Zeit mehr. Meine Unruhe wächst. Mangelangst, Verknappungsnot, Belagerungsmentalität.

Ich erzähle vom Kreuzkümmel, um nicht vom Coronavirus zu schreiben. Der mit dem Erreger verbundenen Überrepräsentanz in unseren Medien und unseren Köpfen will ich nämlich keinen Vorschub leisten oder anders gesagt, mich nicht auch noch der Maschinerie der Angst in die Arme werfen. Was ja nicht heißen soll, dass der Virus harmlos wäre, nein. Aber …

Ach, ich wollte doch genau das nicht tun. Seit heute jedenfalls kenne ich Menschen, die sich deswegen in häuslicher Quarantäne befinden. Man darf gespannt sein.

Kreuzkümmel habe ich dann doch noch gefunden. Bio, ganzer Samen, online bestellt, meiner Frau sei Dank.