Wir sind zu viele. Das denke ich mir jeden Tag aufs Neue. Was ich daraus abzuleiten habe, wüsste ich nicht. Außer nicht an diesem Ort zu sein, an dem ich diese Zeilen schreibe.
Damit ist eigentlich alles gesagt, denke ich mir, als ich die sehr schmale Treppe des Steinhauses emporsteige. Der Gekko hat sein Versteck unter der Lampenabdeckung bereits verlassen, um seinen Platz einzunehmen: an der Decke zu kleben, winzige Fliegen zu fangen, seine Zunge übers Gesicht zu führen und sich im Morgengrauen wieder zu verkriechen, bis er eines Tages sterben wird.
Er ist der gute Geist der Nacht, sein Konterpart sind die Eidechsen. Im Glanz des Tages sind sie überall, sie rascheln durch das Laub, huschen über Mauern, schießen über den Weg, jede ihrer Bewegungen ist eine Explosion, geboren aus der Kraft des Sonnenfeuers.
Im Eidechsenland trabe ich vom Strand nach oben, der Weg ist eine einzige Steigung. Unter dem aufgebogenen Zaun krieche ich hindurch, Vögel schwirren über mich hinweg, Dornen kratzen die Beine auf, dann bin ich zwischen den Bananenbäumen der Finca, laufe immer noch bergauf. Der Hahn treibt seinen Harem sofort unter den Schutz eines Busches, ich passiere Orangen, Papayas, tamarillos, madronas, Maracujas, den Hofladen der Bio-Finca, dann bin ich oben am Steinhaus, Sekunden bevor meine Familie mit dem Auto eintrifft.
Der Ort ist ein Refugium, er ist Segen und eine der liebsten Beschäftigungen nicht nur der Kinder ist es, „mal kurz in den Hofladen zu schauen“ – einer Auslage an Gemüse, Früchten, Kräutern der Finca zur Selbstbedienung. Es gibt keinen wirklichen Grund, etwas anderes zu uns zu nehmen als das, was wir uns hier selbst kochen, außer diesen diffusen, oft genug Enttäuschung nach sich ziehenden Wunsch, Essen zu gehen.
Was uns nicht gelingt, ist der Kaffee. Ein Espresso aus einer Siebträgermaschine, die noch das schäbigste Café ihr eigen nennt, darin ein Schuss Milch, nur erwärmt, nicht aufgeschäumt, kein Firlefanz, so bin ich überhaupt erst auf den Geschmack der Bohne gekommen. Den besten Cortado habe ich ein paar Tage zurück in der Bar eines Bergdorfes erhalten, in der morgens betagte Männer mit stumpfen Augen lärmten, ein paar Sportabzeichen an der Wand, ein Holzgewehr, alles Härte und wir sehr fremd, ein Unort eigentlich, doch der Kaffee genauso, wie ich ihn mir auf dem Altar meiner Erinnerung platziert hatte.
Den Gekko überlasse ich seiner Nachtarbeit. Ich lausche für einen Augenblick vor der Tür des Kinderzimmers, dann gehe ich weiter. Zuhause schneit es seit Tagen. Wir sind zu viele. Und ich frage mich: Darf ich hier sein?




