Allgäu-Blues

Gegenüber liegt mein Großvater und ich hatte nicht gewusst, dass es in dem Dorf sonst noch etwas anderes gibt außer dem Metzger mit den schweinefreien Würsten und dem Dorfladen, in den meine Großmutter eingezahlt hat, damit es überhaupt noch einen Laden gibt, und dem sacht traurigen Wirtshaus mit seinem Biergarten unter Kastanien und den Brüchen im Asphalt der Doppelkurve, die ich jeden Tag nehme.

Da also gibt es plötzlich eine Bar mit Jam Sessions, für die Leute – ist das wahr, was ich auf dem Nummernschild lese? – bis aus der Schweiz angefahren kommen. Und ich schiebe die Tür auf, unsicher geworden in dem mir fremden Territorium, übersehe am Eingang einen Kollegen in Lederjacke und suche drinnen nach den Freunden, die mich eingeladen haben, und sehe stattdessen die Masseurin des Einödhofs, die Blockadearbeit geleistet hatte kürzlich, was meinen Kopfschmerz vervielfacht und biographische Fragen an mich selbst aufgeworfen hatte ausgerechnet an meinem Geburtstag.

Am Nachmittag habe ich das Büro hinter mir gelassen und bin durch Regenschleier in die alte römische Kapitale gefahren. „Nichts bereuen“, lese ich auf dem Eingangsplakat über dem Eingang des Baumarkts, der so gerne mit markigen Sprüchen wirbt. Ich bekomme die Kleinigkeiten, die seit Wochen auf einem Zettel stehen, die Lampe aber, für die ich Nutzen hätte und doch bisher ohne sie ausgekommen bin, stelle ich wieder zurück, ich ignoriere die Verlockungen der Metallwarenabteilung, weiche Feierabendholzträgern aus.

Und nochmals weiter nach Süden, Wolkenbänke verbergen die Berge, nicht aber den Höhenzug, auf den ich zusteuere, und es ist, als sähe ich ihn, schneeweiß und fichtenblau, nun zum ersten Mal – als Horizont der Stadt, der sonst verschwindet vor den Voralpen und Alpen über ihm. Hinauf auf die Autobahn und nach wenigen Hundert Metern schon wieder herunter, vorbei an dem Burggemäuer, an dem ich das letzte Mal zu einer Sommerhochzeit während meiner Stuttgarter Jahre war, den Hügel empor, er ist steiler als ich dachte, und zum Speicher hinüber, Straßen, auf denen ich seit vielen Jahren nicht mehr war. Eine Wiederentdeckung mehr in jener Region, von der ich weniger denn je weiß, ob sie Heimat ist.

Mein Ziel ein stattliches Gebäude in einem Weiler: Steingarten, Edelsteine, Holzkuppel, mit Schwammtechnik begelbte Wände. Ob ich nach meinem Besuch nur noch rosarot denken könne, hatte ich zuvor noch gescherzt. Ich betrete den Ladenraum mit den Yoga-Klamotten – „energetisierte Wellness- Bekleidung“ – und da dreht sich meine ironische Abwehr in ihr Gegenteil: Es plätschert und plärrt aus einem Radio ein ganz gewöhnlicher Popsender. Damit, denke ich mir, zu meiner Überraschung fast entrüstet, hat sich das Geschäft selbst entlarvt.

Über nie von mir je zuvor betretene Wege quere ich anschließend nach Westen, zwischen unerwartet steilen Hängen hindurch, an nie zuvor von mir betrachteten Kirchtürmen vorbei, der Regen spannt die Dämmerung bereits übers Land, als ich die Iller überquere und auf meiner steten Suche nach Oasen die IG OMa ansteuere: eine Art dörfliches Kulturzentrum im einstigen Bahnhofsgebäude. Züge halten hier immer noch, aber kein Bahnbediensteter hat hier Aufsicht oder verkauft gar Karten, und der aushängende Fahrplan markiert ganz andere Zeiten: Wochenmarkt, Dorfcafé und Feierabendtreff, Vorträge, Konzerte und alternative Filmvorführungen, Backzeiten für den Brotofen – nur nach Anmeldung -, afghanische Küche von Geflüchteten, Handarbeitstreff, Gemeindepolitik …

Ein befeuerter Bullerjan, ein Regal mit Weinsortiment, Cafétheke und Kuchenstücke, einer gibt Würstchen in heißes Wasser, die Menschen duzen mich. Der Macher, ein waschechtes Nordlicht, das in seinen Salzwassersang immer dann ein sehr südliches „griaß di“ einflicht, wenn ein weiterer Mensch hereintritt. Und ein Glaziologenpaar der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, das einen Vortrag halten wird über seine Arbeit und die weltweite Entwicklung der Gletscher und ihre Folgen. „Früher wusste ich nicht, wie man Gletscher schreibt, und jetzt bin ich selbst einer“, scherzt der Macher rätselhaft.

Welches Nichts, denke ich mir während des Vortrags, wir als Individuen in diesem Universum doch sind. Wir könnten getrost sofort aufhören, uns über alles mögliche aufzuregen, was uns widerfährt; es ist – vom Mond aus gesehen, ach was, vom drittnächsten Dorf aus betrachtet – vollkommen bedeutungslos. Und wie wir als Spezies in unserer Raubgier gleichzeitig einen ganzen Planeten – zumindest Abertausende seiner Lebensformen, uns selbst früher oder später eingeschlossen – in den Untergang treiben. Ungeheuerlich, unvorstellbar, dass die Politik und, ja, wir alle – du, Sie, ich – nicht viel mehr Konsequenz üben angesichts dessen, was so offensichtlich ist. Und ich steige in das Fahrzeug mit dem Verbrennungsmotor, das mich zum nächsten Ort tragen wird und gebe Gas und überhole eine lahme Ente auf der Autobahn und fühle mich schizophren.

Als ich in der Blues Jam Session ankomme, bringe ich Müdigkeit mit. Von unserem Tisch aus haben wir eine schlechte Sicht auf die Bühne. Die anderen stehen immer wieder auf, um hinüberzuschauen zu den Musikern. Ich aber merke, wie mich eine unsichtbare Schere aus der Szene herausschneidet, eine Hand mich diesem Ort entrückt. Fremd das Lachen an den Tischen, merkwürdig der Biss jenes Mannes in die belegte Seele, irritierend die Bewegungen des Paares, das sich zu einem Turner-Hit zum Tanz vor die Musiker schiebt, befremdlich die Gesten des Sängers, die Tätowierungen der Sängerin, die sich mir immer gleichförmiger zu wiederholen scheinenden Blues-Phrasen. Mag sein, dass mich Jazz länger gehalten hätte oder auch Black Sabbath oder Johann Sebastian Bach, vielleicht auch nicht.

Ich stehe auf und gehe hinaus in die Nacht, vorbei am Grab meines Großvaters, von einer Plane abgedeckt, so wie die Kirche eingerüstet ist, hinüber zu dem stillen, leeren, dunklen Platz unter den winterlichen Kastanien und setze mich wieder einmal in mein Fahrzeug und ziehe die Zugbrücke hinter mir hoch.

Allgäu_Winter

Foto: Oliver Storz

P.S. Er ist wieder da, das freut mich sehr: https://waldundhoehle.wordpress.com/

Itinerar an der Jagst

Die historische Altstadt im Nirgendwo ist so schön und einsam, dass sie verdächtig wirkt, der Blick hinab in die Windungen des Flusstals so lauschig und traumumwoben, man möchte weglaufen. Es ist, als wäre man nach einem halben Leben in einem alten und ‚wahren‘ Deutschland der Märchen und romantischen Dichter angekommen. Die Schattenseite dieser Welt will ich nicht wissen. Ob die Dark Zone mit Totenkopf auch dazu gehört? Oder nur ein überlebenswichtiges Ventil in dieser Idylle ist?

Im hübschen Schlosscafé will ich zuerst nichts und bestelle dann doch einen Käseteller, während S. einen Kaffee trinkt. Eine Einkehr, bevor wir uns überhaupt auf den Weg gemacht haben. Als der Teller kommt – üppige Stücke aus der weithin bekannten Bio-Käserei in Geifertshofen und viel Drumherum – erschrecke ich. Wie soll ich das alles essen? Und dann noch wandern? Die Chefin, zuerst ein wenig grob zu ihrer Mitarbeiterin, dann entwaffnend ehrlich gegenüber ihren Gästen, steht in meiner Sichtlinie. Ich mustere sie: ihren starken Rücken, der ein gutes Stück älter ist als meiner, ihren Hintern, den Stand ihrer Beine und merke plötzlich, wie es mir kribbelig wird, während ich mit meinem Käseteller kämpfe.

Schöneck nach der ersten Steigung – ein müder Bärtiger rollt die Mülltonne an die Straße.

Ein letzter Blick auf die entrückte Altstadt aus dem hölzernen Aussichtspunkt heraus, dann geht es in Serpentinen hinab durch Auenmischwald. Immer wieder liegen Baumstämme quer. Manchmal umgehen wir sie auf rutschigen Böden, manchmal klettern wir über sie hinweg. Der Jahresausklang ist kalt und schneefrei. Kein Mensch auf den Wegen außer uns.

Ein weißer Reiher tief unter uns flieht davon. Schaden könnten wir ihm auf diese Entfernung nicht zufügen, womit auch immer. Außer vielleicht mit Zauberei, mag der Vogel denken, und erhebt sich ungelenk in die Lüfte.

Eine Parallele zum Fluss, dann eine Biegung hinweg: ein sehr kurzer Hohlweg, eine Schautafel des geologischen Aufbaus, Ruhm prähistorischer Fossilien. Die Schichtungen des Steins sind scharf in den Hang gezeichnet.

Bevor wir aufs offene Feld treten, schlage ich Wasser ab, aber dann führt uns der Weg doch nicht dort hinaus, wo ferne Menschen schlendern, sondern am Hang entlang auf Pfaden halb um das kleine Dorf herum. Es ist ein weiterer verwunschen-schöner Ort: Hammerhämmern, ein Kinderruf, Stille zwischen Höfen. Mir gefällt die Vorstellung, den Weg im Sommer zu gehen – verborgen im belaubten Wald und doch stets den Flecken im Blick zu haben, unsichtbarer Beobachter einer anderen Welt. Ein archaischer Blick, der von Indianern oder von Feen vielleicht.

Brückenorte. Immer wieder führen flache Brücken über den Fluss und ein paar Häuser werfen sich drumherum. Ein Bauer wirft den Unimog an und zieht seinen Holzschlepper an uns vorbei. Wir biegen ab, an den allgegenwärtigen Apfel- und Birnbäumen vorüber, krüppelig wie aus einer vergangenen Zeit und dabei so wunderschön. Wir schwenken am Waldrand nach links, statt gerade übers Feld zu ziehen, und kommen in eckigen Bahnen um ein Feld herum dann doch dorthin, wo wir geradeaus gelandet wären. Immer wieder macht der Weg an der Jagst Umwege, Schleifen, Bögen, auf und ab. Auf der Lichtung ist die nackte Erde gefroren.

Über kantiges Gestein sucht der Weg die Höhe, freigewaschen von aller Erde, nur schlüpfriges Laub schichtet sich darüber und dann geht es schon wieder hinaus aus dem Wald, auf die Hochebene. Der strenge Wind weht uns Schweinegeruch entgegen, eine Windung des Weges bringt uns in Sicherheit. Heroben sind die Wege schlammig, der Frost ist am Fluss geblieben.

Ein Bauer spielt mit seinem großen Hund, einem Kalb. Als das Tier uns sieht, springt es mächtig auf uns zu. Ich bleibe stehen, hinter mir höre ich ein „oh nein, das brauche ich nicht“, und ich, der so rasch zur Furcht bereit ist vor unbekannten Hunden, weiß augenblicklich, dass es an mir liegt, der Stärkere zu sein. Und so lasse meine Hände entspannt hängen und spreche einen freundlichen Satz zu dem Hund, und Angst spüre ich keine, denn ich habe die Aufgabe, sie nicht zu haben. Der Hund umrundet uns einmal, lässt dann von uns ab. Der Landwirt, der uns nicht grüßt, klatscht dem Tier unter Tadel auf die Flanken.

Wieder hinab zum Fluss. Wie herrlich müssen die Auen im Sommer sein, wenn sich Äste grün über das Wasser beugen. Moos leuchtet am Hang auf, leuchtet auf den Steinen selbst noch am trübsten Spätdezembertag. Bei Hochwasser sind diese Wege geflutet.

Von der einstigen Heinzenmühle steht nur noch das Grundgemäuer. Ein Grillplatz, dort ein überdachter Steg hinüber aufs andere Ufer, die Talwände drüben Schichtgestein. Bald Ruinen am Wegesrand, nur noch Mauerreste, im Fenster noch nutzlos ein rostiges Gitter.

Unter der Autobahn hindurch, oben klappert es, wann immer ein Fahrzeug über die Brücke fährt. Im Fluss Inseln, bekiest und baumbestanden, wandelbares Land, geologisches Amphib.

Ein Bachlauf zweigt ab zur Hammermühle, das schmale Tal lockt. Wir aber bleiben am Flussufer. Schönheit hier wie dort, falsch kann keine Entscheidung sein. Der Uferweg wird noch wilder, wir bücken uns unter Ästen, weichen Schlammpfützen aus, balancieren auf schmalen Grasstegen.Wie viele Menschen gehen diese Wege? Das Wasser neben uns dunkelgrün. Der Wunsch, in der lichten Jahreszeit im Kanu hinabzutreiben oder auch schwimmend.

Gegenüber einer Kiesgrube wieder empor. Ein Schild – „permanender Weg“, ein Schreibfehler oder ein Fachbegriff, den nicht einmal das Internet kennt? – erklärt uns, dass wir den Weg, den wir hinter uns haben, gefahrlos gehen können, an diesem Tage frei von Hochwasser.

Oben in der Wiese zwei Menschen und zwei Hunde. Ein Fragezeichen zittert, dann spannt sich eine Leine am Rottweiler, das Tier steht stille.

Zur Kernmühle hinab, „Privatweg“ und schon der nächste Brückenort, es geht seitlich ins Tal hinein in Märchenschlaf, noch ein schattiger Grund mehr auf dem Weg. „Eichendorff hätte sich hier wohlgefühlt“. „Er war wohl nur hier für seine Gedichte“, hoch zum Schloss.

Dann gebändigte Wege; ein, zwei alte Menschen, die uns entgegenkommen, Crailsheim zu sehen, westlich davon auf einer Höhe ein Turm, eine Kirche vielleicht, die ich auf der Karte nicht finde. Im Osten fällt ein langer, gerader Höhenzug ab, es mag der Hesselberg sein. Und da kommt bereits der nächste schlammige Feldweg, der nächste Waldweg hinab zum Fluss, die nächste weite Wegschleife am Fluss.

Am Wasser ein lauschiger Hof, die nächste Mühle, der Fluss fällt über eine Staustufe ab. Inselchen und Enten, drüben Ziegen, auf der Wiese ein kleiner schützender Kreis von Bäumen, er ist das Gegenteil eines Hexenrings, vollkommener Schutz, eine Verkörperung jeden Kindertraums. Nichts Böses, nichts Unverständliches kann hier im engen Kreis dieser Bäume widerfahren. Nieselregen setzt ein, ganz mild, er formt Kreise auf dem Wasser, die Tropfen vom Himmel stimmen mich heiter, alles ist ein großer Frieden.

Am Auhof steht ein Hänger auf dem Feldweg, ein älterer Bauer und ein nicht so alter laden lange Holzscheite auf den Wagen. Sie schauen uns an, von Weitem schon, Zögern in ihren Gesichtern. Wir grüßen und sind schon vorbei. Wundersame alte Bäume, eine Wasserreserve mit Blick auf die Stadt, ein großes Pferd.

Am Kieswerk noch einmal eine einstige Mühle, die Stadt ist schon sehr nahe. Ein Mann kehrt sehr gemächlich vom Fluss zu seinem Handkarren zurück, Werkzeug in den Händen. Er hatte Uferbäume beschnitten im Nieselregen.

Über Gleise hinweg, die Schienen lange Fluchten, so gerade wie nichts bisher auf diesem Wege, dann in eine uniforme, verwechselbare Siedlung hinein. Ein Geländewagen Hidalgo rebelliert mit seinen Länderplaketten und Safariklebern und einem Sticker „n‘Scheiß muss ich“. Der Traum der großen Freiheit im bürgerlichen Vorort.

Am Friedhof lassen wir die Wegweiser und queren hinüber ins Zentrum der Stadt, suchen den Treffpunkt, von dem S. eine Beschreibung erhalten hat, und finden ihn nicht. Wir irren hin und her und ich frage mich, wieso wir nicht einfach einen Menschen auf der Straße fragen, als wären wir in einem merkwürdigen Spiel, das vorschreibt, andere zu ignorieren. Und dann breche ich diese Regel und frage doch jemanden und gleich sind wir am Ziel.

Die Spindel

„Die Gründe gehen über die Klarinette hinaus.“ „Mich interessieren mehr die Gemeinsamkeiten zwischen Mann und Frau.“ „… und in jenem Augenblick wurden alle zukünftigen Gedanken, Wörter oder Gefühle, die dieser Schädel hätte hervorbringen können, ausgelöscht.“ Ein Schauder erfasst mich, ein heiliger Schauder, als ich diese Sätze höre, auffange aus dem Äther. Dunst steigt vor den weißen Bergen auf, das Licht sinkt. Dann esse ich den letzten, den wirklich letzten Rosenkohl, den die Ahnin auf dem Hügel geerntet und damit an diesem Tag bereits einige ihrer Nachkommen gesättigt hat. Das Spinnrad quietscht, von ihrem Fuß in Schwung gehalten, und ich denke mit Erstaunen, dass ich dieses Geräusch zuletzt in meiner Kindheit gehört habe.

Schnee, Winter, Zeit, Strömungen, Generationen

Kambium am Heuchelberg

Wann immer möglich, versuche ich eine Reise mit einer Wanderung zu verbinden.

Vereinzelt Schauer, meldete der Wetterbericht. Als ich mich aus dem Haus schleiche, in dem ich übernachtet habe, fallen ein paar Schneeflocken. Ich hatte zwei Freunde für die Wanderung gewinnen können, und in der Morgenkälte eines Novembersonntags treffen wir uns in irgendeinem Vorort von Heilbronn. Menschen gibt es hier kaum, nur stille Häuser. Vom Ausschreiten erhoffen wir uns warme Glieder. Die Zunge hingegen wärmt sich von selbst beim Wiedersehen mit den Freunden aus meinen Stuttgarter Jahren, teure neue Freunde damals in einer Zeit, in der ich bei Null angefangen hatte in der Kesselstadt.

Die schnurgerade Teerstraße führt uns hinaus aus dem Ort und hinüber zum Heuchelberg, einem niedrigen Höhenzug, der feucht im Morgentrüben liegt, kaum Lockung in dieser Jahreszeit. Der Ackerboden links und rechts klumpt in schweren Brocken. Zuckerrüben türmen sich, derbe Früchte zwischen kalten Wasserlachen und umgepflügter Erde. Der Wind ist schneidend. Ich denke an einen anderen November zwischen den Gräben von Verdun.

Die Morgensonne bricht durch eine Wolkenlücke, ihr fremdes Licht legt sich schwer auf ein Feld mit einer Zwischenfrucht. Biographisch haben wir uns wechselseitig auf den neuesten Stand gebracht, wir wechseln zu Themen, zu denen wir alle gerne etwas beitragen: alternative Modelle in der Landwirtschaft, Nischen in der Rockmusik.

Nach den ersten Kilometern über Asphalt wechseln wir auf schlammige Wege. „Das erinnert mich an die Zeiten, als wir als Kinder bei solchem Wetter über die Äcker sind und der Matsch gefühlt kiloweise an den Schuhen kleben blieb. Das war geil. Und gab dann immer einen Anschiss von der Mutter. Verständlich.“ Der Chemiker lacht, Vater und Sohn zugleich, und der Gärtnermeister pflückt an einem Weiher ein paar Hagebutten und saugt ihr Mark. Wir blicken auf das trübe Wasser, Erinnerungen an Horrorfilme, die ich nie gesehen habe, wechseln hin und her.

Zwischen Weinbergen ersteigen wir den Heuchelberg und dann gleich den Wartturm an seiner Schulter. Im späten Mittelalter war der Turm als württembergischer Grenzposten errichtet worden, nur ein paar Jahre, ehe die Grafschaft den Aufstieg zum Herzogtum vollzog. Ein paar Jahrhunderte lang überschaute der Turm die Nordgrenze Württembergs, bis diese in einer deutschen Flurbereinigung von Napoleons Gnaden noch ein bisschen weiter nach Norden geschoben wurde.

Und das dort im Süden, ist das der Stromberg, über den ich einmal an einem anderen Spätherbst gewandert bin? Keiner weiß es, gewiss ist uns nur der Dampf über Neckarwestheim. AKW statt Höhenzüge als Landschaftsmerkmale des modernen Menschen.

Und dann endlich hinein in den Wald. Blätter und Nadeln in den Farben des sterbenden Herbstes – leuchtendes Rotbraun der Buchen, mattes Braun der Eichen, Gelb von Ahorn und Lärche, an den Bäumen das dunkle Grün von Fichte und Kiefer. Tiere sehen und hören wir nicht, nur Menschen: Spaziergänger, Jogger, Mountainbiker.

„Wisst ihr, dass das Kambium der Bäume essbar ist?“, fragt der Gärtner. Er zieht sein Taschenmesser aus der Tasche und schneidet an dem kürzlich gefällten Baum die Rinde ab, dann ein paar Späne der darunter liegenden Schicht. Wir kosten, was wir bis dahin nicht kannten. Es erinnert vage an ungesüßten Kaugummi – herb und zäh und ein bisschen frisch. Wir hoffen, uns nie einen Winter lang davon ernähren zu müssen.

Am Saum einer Wiese zehrt der Wind an uns. Immerhin bleiben die Niederschläge aus. An den Drei Eichen ein Zögern, Wege in alle nur denkbaren Richtungen. „Im Dschungel ist das Problem, einen Weg zu finden. In diesem Wald hier haben wir genau das gegenteilige Problem.“

Einer bückt sich nach einem Eichenblatt. Eine Kugel in Grün und Rot klebt an ihr. Was ist das? Das Taschenmesser schneidet die Kugel entzwei, eine klebrige Substanz, eingebettet in ihr ein Wurm. Die nächste Kugel das gleiche Bild, der Pfad ist voll mit ihnen. „Galläpfel“, murmelt jemand. Ein Rest Zweifel aber bleibt und nährt augenblicklich die immer hungrige Fantasie. Witze über die Saat außerirdischer Lebensformen fallen. Was wir nicht kennen, ordnen wir sogleich einer Sphäre des Äußerstfernen, des Übernatürlichen zu. Wir Menschen sind doch angstbesetzte Wesen. Und ich male mir aus, während wir auf dem Waldweg durch lichtes Gehölz wandern, wie es wäre, käme nun ein Wesen, uns weit überlegen, und würde einen von uns ergreifen und knacken, das Innere betrachten, ihn wegwerfen, den nächsten nehmen und sinnend prüfen …

Zwischen zwei Waldeshöhen setzen wir uns zu einer Rast. „Ich stehe jeden Morgen gerne auf. Weil ich mich aufs Essen freue“, begeistert sich der Gärtner und packt Leckereien aus, öffnet eine Dose Hummus. – „Ich hatte Kichererbsen übrig.“ „Das ist mir noch nie passiert“, entgegnet der Chemiker trocken. – Verteilt dann selbstgebackene Schnecken. Ich verbrenne mich am heißen Tee, gleich darauf ergeht es meinem Gegenüber ebenso. „Die evolutionäre Entwicklung hat es noch nicht über den Tisch hinweg geschafft“, kommentiert der Dritte.

Eine Stunde später geht es über Schichten von Laub auf schmierigem Untergrund nach Eppingen hinab, eine lange Rutschpartie kurz vor unserem Ziel. Jenseits des Waldes dann die Anonymität von Neubausiedlungen, ein Friedhof, Industriehallen. Die Bahn fährt uns vor der Nase ab, jäh setzt der Regen ein, die Füße sind müde. Ein Rentnercafé, auf der entleerten Straße ein paar gegen die Kleinstadttristesse anlärmende Jugendliche. Selbst die hübschen Altstadtfassaden tragen Trauer. Wir sind, als wir uns später voneinander verabschieden, trotzdem glücklich.

Im Abenddunkel dann Schneefall, ein hypnotischer Wirbel im Licht der Scheinwerfer, während die Kurve der Autobahn nicht mehr zu enden scheint, der Abstand zu den Rücklichtern gleich bleibt, die Krümmung der Straße gleich bleibt, der Tanz der Flocken gleich bleibt, und alle Zeit, alle Bewegung aufgehoben wird.

*

Danke an D. und S. und alle anderen.

Ins Licht

Grau, alles grau, wahrscheinlich über Hunderte von Kilometer hinweg. Über den Alpen aber ein dünner, lichter Streifen, ein Hoffnungsschimmer. Die Richtung ergibt sich also von selbst. Licht lockt nicht nur die Motten, und so machen sich die einen in die Berge auf, um Ski zu fahren oder Schlitten und sich dabei den Knöchel zu brechen auf vereisten Hängen, andere, um ein Stück Blau zu ergattern, an einem Südhang der Voralpen zum Beispiel, der ausreichend schneefrei sein sollte für eine Wanderung, bevor – morgen, übermorgen – wieder Schnee fallen würde.

Einmal auf dem Wege bricht die Wolkendecke auf für einen Augenblick. Ein Strahlenfächer senkt sich vom gleißenden Himmel herab, als offenbarte sich ein Gott aus der Höhe. Später dann Jubel, als der Schleier ein zweites Mal reißt und alle Hoffnung bestätigt: dort oben die grasige Höhe, leuchtend in der Sonne. Als der Fußweg beginnt, ist alles längst wieder begraben. Raureif wuchert auf den Gräsern und Zweigen, streckt seine mineralischen Fühler aus, als würden die Kristalle hineinwachsen in diese Stille des Winters.

Winter_Jungholz_Voralpen

Dichter Schnee erst auf dem Waldweg. Die meisten gehen geradeaus, bleiben auf dem halbwegs freien Asphalt, wo sich gleich hinter der Kuppe eine Alpe zeigen würde. Der Waldweg hingegen macht einen weiten Bogen durch den Tann. Tief waren Wanderer im Schnee eingesunken vor Tagen, die Ränder der Löcher sind hart vereist. In der Zärte des Neuschnees darüber kaum Spuren, da ging nach dem Fall nur ein Mensch mit Hund, groß der Mensch, klein der Hund, Seite an Seite. Das Gehen wird anstrengender, der Harsch aber trägt die meiste Zeit. Ein Glücksgefühl jeder Schritt, der nicht versinkt, gehalten von einer nur halb begreiflichen Macht. Über Wasser gehen für Anfänger.

Fichten liegen dahingeschlachtet von den Winterstürmen, zersplitterte Stümpfe ragen aus dem Forstboden. Die schnell wachsenden Flachwurzler in Monokultur sind leichte Beute für Gefahren: Windwurf, Borkenkäfer, Luftverschmutzung. Mittelfristig – und wo Bäume im Spiel sind, bemisst sich „mittelfristig“ schnell in Jahrzehnten – werfen sie eine höhere Rendite ab. Langfristig würden der Bergwald und alle von ihm abgeleiteten Größen von einem gesunden Mischwald profitieren.

Eisblumen zerbrechen unter den Fingern, ich weiß nicht, ob sich im schmelzenden Eis noch die Essenz einer pflanzlichen Struktur verbirgt oder andere Kräfte die Winterkristalle so formten. Schneewehen, zu tragendem Harsch verbacken, Lichtstrahlen zwischen vermoosten Stämmen, Wipfel in Helligkeit getaucht, dann das Blau wieder verschleiert, verhangen, verschwunden. Auf der spurenreichen Schneepiste ist der Himmel dann vollends frei. Mützen wandern in Jackentaschen, eine Eisfläche noch, dann der Aufstieg zwischen dürrem Gras, der Pfad eine Schlammspur, rutschiger als aller Schnee.

Oben schließlich ganz Licht und Wind und Weite. Gleitschirmsegler stoßen sich ab von der Bindung an die Erdenkruste und schweben hinaus in diese Weite, leuchten auf und verschwinden schon wieder in den Schwaden aus Weiß und Grau, ein Blindflug in die Niederungen der Welt.

Der Abstieg dorthin droht uns allen. Erst aber heißt es sich niederlassen auf Büscheln von Gras zwischen ausgetrocknetem Dung und Kalkgestein. Die Tiefe, sie darf noch ein bisschen warten.

Winter_Reuterwanne_Grünten_Allgäu

Am Klavier

Die Künstlerin am Piano dreht sich dem Publikum zu. „Ich bin ja Grazerin. Und wie nennen Sie sich? Wangerianer?“
„Wangener!“
„Wie, Wan-gener?“
„Nein, Wang-ener!“
„Und was ist hier die nächste größere Stadt?“
Gelächter. Die Musikerin nimmt einen zweiten Anlauf.
„Ist das Schwaben hier?“
„Ja!“ – „Nein!“
Um die Angelegenheit nicht in die Länge zu ziehen, einigt sich das Publikum über ein paar weitere Zwischenrufe auf „Allgäu“.
„Und wohin orientiert man sich hier eher, nach Stuttgart oder München?“
„Stuttgart!“ – „München!“
Konfusion.
„Kommt darauf an. Die Grenze ist nah“, versucht mein Sitznachbar zu klären.
Das Gesicht der Künstlerin hellt sich auf.
„Die nach Österreich?“
„Überall hin“, sage ich.
Das ist ja das Reizvolle. Nichts ganz, immer Möglichkeit. Wer sich hier nicht nach außen verschließt – auch die gibt es, nicht wenige –, ist Brückenbauer. Belächelt von außen und auch von innen, aber was kümmert das die Brücke.

Humor entsteht, wenn Melancholie ironisch gebrochen wird. Und das Publikum lacht viel. Die zarte Frau hat es im Griff. Singt Susana Sawoff, wird ihre Stimme fester und voluminöser. Die Ironie färbt sich in eine Lust an der Verspieltheit. Die Ballade, die zum Disco-Hit, die Ballade, die zum Swing wurde, Anleihen bei Nina Simone und Gospel, Bassist und Schlagzeuger steuern Backing vocals bei. Bei der jazzigen Interpretation eines Stücks von Jeff Buckley glüht der Körper kalt auf in Gänsehaut. Ich schließe die Augen.

„So, und jetzt gehen wir ins Wasser“, witzelt der Nachbar, als auch die zweite Zugabe beendet ist. Es dauert einen Augenblick, bis ich begreife. „Ach, das reicht auch noch das nächste Mal“, antworte ich und wir lachen in Lebenslust.

Gedanken am Eingang der Grabkammer

Der Wind weht kalt. Die meisten Bäume tragen auch jetzt noch grünes Laub, am Hang erblüht die Wiese sogar gelb. Der Wind aber, der über die andalusische Ebene bläst, ist so kalt, dass ich mir meine Mütze wünsche im Sonnenschein.

Ich stehe am Eingang der tumba de Servilia. Hohe Treppenstufen führen hinab zwischen steingeschichteten Wänden. Die Pforte in die Grabkammer – freigelegt von Archäologen und heute unbedacht – steht offen. Unmittelbar jenseits der Schwelle leuchtet der Boden auf im Licht der Dezembersonne. Danach Schatten zwischen Steinwänden. Die weitläufige Grabanlage geht auf griechische Vorbilder zurück. Ich zumindest erkenne das nicht. Erahne nur an den Säulenresten, in einem Relikt aus der Antike zu stehen. Ob aber am Rande der Syrischen Wüste oder an der Grenze Schottlands, ob in Rumänien oder Marokko, Köln oder Karthago, das erkenne ich an dem Gestein nicht.

In eine Katakombe darf ich hinabsteigen, über eine fest montierte Aluleiter in eine rechteckige Grube hinab. Fast scharrt der Rucksack am Schacht entlang, ich drücke mich an die Leiter. Dann ein Durchgang in die Finsternis, irrationale Ängste blitzen aus tiefen Schichten meines Hirns auf, dann gewöhnen sich die Augen allmählich an das Dämmerlicht. Ich mache einen Schritt hinein und schließlich hat sich das Auge ganz angepasst und ich erkenne festgestampften Boden, die gemauerten Wände mit den je fünf Urnennischen an der Seite und einer größeren an der Stirnseite.

Das Grabmal stammt aus der frühen römischen Kaiserzeit, als Feuerbestattung allgemein üblich wurde und Urnen mit den Knochenresten in Familiengräbern abgestellt wurden. Später wurden die Knochenreste in eben der Grube beigesetzt, in der der Leichnam eingeäschert worden war, dann brachte das Christentum wieder die Erdbestattung zurück.

Mich beruhigt die Feuerbestattung. Gewiss ist der Akt der Verbrennung eines fleischlichen Körpers kein schöner. Und der Holzbedarf für den Scheiterhaufen – moderner gesprochen: der Energiebedarf unserer Krematorien – enorm. Aber mich beruhigt das reinigende Element. Verkohlte Knochensplitter in einer Urne strömen nicht den Schrecken eines wandelnden Leichnams aus, jener furchtbarsten Abnormalität der Vorstellungskraft. Intuitiv begreife ich, warum frühe Kulturen ihre im Erdreich bestatteten Toten bisweilen mit einem Stein beschwerten oder andere Vorkehrungen gegen eine Wiederauferstehung trafen.

Nun, ich nehme an, dass Gesellschaften, die in ihren Bestattungsriten für eine rasche Auflösung des verwesenden, weichen, schillernden, unsäglich stinkenden Fleisches sorgten – ob durch Feuer oder etwa auch durch Geier und anderes Getier, die das Gebein abnagten -, dass diese Gesellschaften einen anderen Schrecken der wandelnden Toten und Wiedergänger kannten, fleischlos eben, als Geister und Gespenster vielleicht. Sie sitzt tief verwurzelt im menschlichen Sein, diese Angst.

Vom Marktplatz her sind Weihnachtslieder zu hören, süßliche Lieder aus Lautsprechern ausgestrahlt. Die Fußgängerzonen auch der spanischen Städte sind unerträglich in den Wochen vor dem Weihnachtsfest. Der Kommerz erlebt seine Sternstunde, auch in den Werbeausstrahlungen des Fernsehens, zu dem ich an dem einen oder anderen Abend Einblick habe, anders als zuhause. Um die eigentliche Weihnachtsbotschaft geht es dabei längst nicht mehr. Heruntergebrochen ist diese frohe Kunde der Geburt Christi zwar merkwürdig, aber zugegebenermaßen doch tröstlich: Ein Gott inkarniert in der Welt, um sich so opfern zu können für seine eigene Schöpfung und ihr damit ein Weiterleben nach der Schwelle des Todes zu schenken. Zugegebenermaßen, das ist Trost in einer Welt, die nur das Fortbestehen als jammernde Schatten – Schatten unserer selbst im wahrsten Sinne des Wortes – in einer dunklen Unterwelt kennt oder – wieder modern gesprochen – die molekulare Auflösung von Nervenbahnen. Trotzdem ist es nicht meine Botschaft.

„Christ ist geboren“, hängt an roten Fahnen zwischen spanischen Nationalflaggen gegenüber an der Hauswand. „Frohe Weihnachten.“ Hinter mir, aus der anderen Richtung, dringen aus dem arabischen Imbiss religiöse islamische Gesänge. Ein hübscher Kontrast. Meinetwegen auch gute convivencia. Heute mag ich sie beide nicht. Da denke ich wieder an das Bildnis des Jesuitenpaters im Museum der Schönen Künste in Sevilla. Überlebensgroß, ein asketisches, intellektuelles, scharfes und schattenreiches Gesicht – ganz Krieger des Geistes -, der Körper nichts als Schwärze des weiten Gewandes, die ausgestreckte Hand am Totenschädel. Worte braucht diese Botschaft nicht. Wer sie trotzdem in die Sprache übersetzen will, findet sie in einer Kirche einige Straßenzüge weiter. Finis gloriae mundi – „Das Ende irdischen Ruhms“ – oder In ictu oculi – „In einem Wimpernschlag“. In einem Wimpernschlag kann alles nichtig sein, was du dir auf Erden angesammelt, errungen.

Zwei tapas, eine caña, ein café con leche über dem Pflaster des Platzes sind Wimpernschläge des Genusses, während ich diese Zeilen schreibe. Der Wind weht kalt auch hier im Herzen der Stadt und singt weiter sein Lied der Vergänglichkeit.

Spanien_Andalusien_Strand_Vergänglichkeit

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Und Weihnachten ist auch schon wieder vorüber. Der Jahreswechsel aber ist noch in Gange. Ein glückreiches neues Jahr  wünsche ich meinen lieben Leserinnen und Lesern!

Vorstadtfreuden

Der magere Fensterputzer und die ältliche Türkin scherzen über ihre Motorhaube. Die Farbe weicht von der des Autos ab. Eine Reparatur, versucht die Frau zu erklären, aber Deutsch kann sie nicht wirklich. Sie lachen trotzdem beide.

Im türkischen Supermarkt finde ich, was ich nicht auf dem Wochenmarkt, nicht im Bioladen, nicht im Asienladen mit dem schroffen Besitzer und seiner Thai-Frau, die nichts anderes als „bye-bye“ zu jedem Besucher sagt und damit das Abweisende des Mannes und des Ladens auf bedrückende Weise wiedergutzumachen versucht. Hier, in dem türkischen Supermarkt, finde ich also Chilis, ganze Bündel von Chilis, und sie sind nicht einmal aus Kenia oder Thailand importiert, sondern aus Italien, und natürlich den großen Becher Gazi-Joghurt mit dem gelben Deckel, einen stichfesten Joghurt, für den ich bisher kein entsprechendes Bio-Produkt gefunden habe. Nach mir ein Mann, dessen Einkauf am Samstagvormittag aus drei Fläschchen Jägermeister besteht. Meine Heiterkeit weicht einer Trauer.

Auf dem Rasen des Wohnblocks zieht einer am Seil ein Vogelhäuschen in den Regen hoch. Der Gesichtsausdruck des Mannes ist so hart, er könnte auch den Galgen für ein Lynchgericht vorbereiten irgendwo in Wildwest. Ich packe meine Einkäufe zu den anderen und verlasse die Stadt.

Lob der Stadt

Ein Paar Scheinwerfer, zwei Rücklichter, das trübe Licht eines Bauernhofes, der Rest ist Dunkelheit.

Novemberabende musst du in der Stadt verbringen. Lichterketten schälen sich aus dem Nebel, ganze Hänge sind illuminiert, allerortens Farben in einer Zahl und Raffinesse, die du vergessen hattest, das Leuchten ein Staunen. Licht reflektiert auf dem regennassen Boden, an Glas, Stahl und Chrom, an Sandsteinfassaden, die dem Auge mit jedem Schritt Neues bieten, ein Kaleidoskop menschengeschaffener Schönheit aus einer Ära der Fußgänger. Durch das vornehme Holz der Raucherbar nach oben, ein Glas Wein, dessen Preis keine Rolle spielt, auf weißem Leinen und der Blick hinab auf die Gasse. Später beim Gang durch vertraute Straßen das Wunder grün belaubter Bäume und Kerzenschein hinter Glasfassaden, um das sich Menschen versammeln, Schatten im Glück, und ich erinnere mich an Küsse, die hier ihren Anfang oder ihr Ende nahmen. Und dann irgendwann stehe ich in der Küche, die mir so winzig vorkommt und wo ich doch so wunderbare Menschen zu so wunderbaren Abenden um mich hatte und nie ist mir Stuttgart so schön erschienen wie an diesem Abend.

Zuhause zwei Rücklichter auf der Landstraße und der Schrei eines sterbenden Tieres in der Finsternis.

Abschalten

Die Berge ein blasser Scherenschnitt in Blau, dunkler und metallischer als die Wolkendecke in der Höhe. Zwischen ihnen, über den Bergen, unter den Wolken, ein Raum, in den sich die Morgensonne, selbst noch unsichtbar, vorwärts tastet. Das Licht wird mutiger, die Wolkendecke entflammt von unten her in einem feurigen Rosa. Wie ein Buschfeuer breitet es sich aus, um dunkle Wolkentäler herum erobert es den Tag.

Zwei junge Männer beobachten dieses Schauspiel, während sie wie ich auf Mitfahrer warten. Einer hält das Smartphone gen Horizont, ich suche nach Worten, die unser Staunen beschreiben. Die Welt wird heller, die metallische Fläche der Berge gewinnt Kontur, das Feuer am Grund der Wolken erlischt. Morgenmenschen grüßen sich, wechseln die Fahrzeuge, setzen gemeinsam ihren Weg zur Arbeitsstätte fort.

Abends im Kopf ein Gewitter, ein Neuronensturm, Whiteout, wie auch immer. Ich schalte das letzte Soziale Medium ab, das ich mir noch aktiv bewahrt habe, vom Blog vielleicht noch abgesehen. Das System will mich nicht ziehen lassen: Es hält mir eine Galerie von Freundesporträts vor, ein jedes mit der Botschaft versehen, dieser Mensch werde mich vermissen. Ich muss ein Scheusal sein, diesen Schritt zu tun. Ich schließe die Augen und lausche dem Vortrag eines Hirnforschers, der mir empfohlen wurde. Die Stimme ist angenehm bedächtig. Das Wort Aufmerksamkeitserheischer lässt mich lächeln. Ruhe kehrt ein.

Den Blog werde ich erst einmal bewahren.

Alpen_Allgäuer Alpen_Hochvogel_Sommer_Geröll