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Mittags treiben Möwen auf dem schwellenden Fluss

Mittags treiben Möwen auf dem schwellenden Fluss, fern jeder See. Der Regen formt Teiche auf der Oberfläche des Wassers.

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„Ich drehe einfach die Zahlen meines Alters um und frage euch: Was habt ihr alle gemacht, als ihr so alt wart?“, gibt der Gastgeber vor. Irgendwann ist das Thema bei zwei Sünden der Landbevölkerung: Alkohol und Raserei. „Früher war der Ort hier berüchtigt – ein richtiges Niemandsland zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Wenn du bei einer Verkehrskontrolle hier nur ein Fahrzeug angehalten hast, hattest du schon gleich den Ersten mit Alkohol am Steuer“, erzählt einer. Dann werden Unfälle aufgezählt, Verkehrstote, Schicksale. Es klingt wie Geschichten aus dem Krieg: auf jedem Hof ein Toter. „Und das Ostallgäu hatte damals auch einen ganz schlechten Ruf“, ergänzt der Polizist. „Weites Land, wenig Polizei. Da sind die schlimmsten Unfälle passiert.“

Später dann ein Spiel: schnelle Wahrnehmung, blitzartige Fokusveränderungen. Nach der Viertelstunde sind alle aufgedreht: Adrenalin in den Adern, Heiterkeit in den Stimmen. „Das Spiel wirkt wie ein Kaffee.“

Schließlich hinaus in die Nacht. Windböen, peitschender Regen. Schwarze Flächen und blendendes Licht und dann, plötzlich, ein Fell greifbar nahe am Straßenrand. Ich bin bereits vorbeigerauscht, als mein Gehirn erst verarbeitet, was es da gesehen haben muss: Ein Reh am Seitenstreifen, in Armreichweite des Fahrzeugs und leicht abgewandt, dabei völlig reglos. Zum Glück reglos: Nur ein Schritt nach links und es hätte ein Massaker gegeben. Und dann denke ich mir, hätte ich seine Augen gesehen vor einem Aufprall, wäre ich diesen Blick nicht mehr losgeworden.

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Das weite Land im Osten ist abgesoffen. Da braucht es nur mal eine Nacht und einen Tag zu regnen, und schon zeigt sich entlang der Bahngleise anstelle von Wiesen eine Seenlandschaft. Den Kröten in der folgenden Nacht auszuweichen habe ich nicht mehr geschafft.

Wanderer, kommst du nach Aigis

Die Autobahn fällt vor mir ab, ausgebreitet wie ein Geschenk über das Illertal hinweg, und in der Nachmittagssonne flimmert die Luft über den Autos, als wären sie zitternde Käfer in Sommerglut, und John Paul Jones setzt zu seinem Synthesizer-Intro an, diesen unverwechselbaren psychedelischen, schwirrenden Klängen, die vage an Indien erinnern, an ein schrilles Blasinstrument in der meditativen Selbstvergessenheit eines Ragas, und das Auto gewinnt an Fahrt und Jimmy Page streicht mit einem Violinenbogen über die Saiten seiner akustischen Gitarre und die Berge im Süden schimmern weiß und plötzlich reißt dieser Schleier wieder auf und für einen Augenblick ist die Welt so überwältigend schön, dass mir Tränen in den Augen stehen. „In the light you will find the road, you will find the road“, singt Led Zeppelin. Eine Kette an Wagen fährt ab von der Autobahn, Belgier und Holländer, Pottbewohner und Schwabenleute, alle wollen sie nach Oberstdorf oder Bad Hindelang oder ins Kleinwalsertal. Die Autobahn ist jetzt fast leer vor mir, sie schwingt sich die Hügel empor und ich jubel auf meiner Flucht vor dem bohrenden Schmerz in meinem Schädel, diesem Wochenverarbeitungsschmerz, dem Ruhe nicht hilft und der doch kaum etwas zulässt.

Außer Gehen.

Aigis, dieses Donnerfell der griechischen Mythologie, diese Drohung der olympischen Götter gegenüber den Sterblichen, ist zugleich ein kleines Dorf in den Allgäuer Voralpen, gute 900 m über dem Meeresspiegel, eine Kapelle, eine Reihe von Ferienwohnungen, eine Koppel voller glänzender Pferde. Ich schreite aus dem Dorf hinaus, hinein ins Galtviehschachen, Matsch, Schnee, Gras, Nadelteppich, über fast menschenleere Wege, an gelb blühenden Blumen – den ersten gelben Blüten dieses Jahres, die ich sehe – vorbei sehr steil hinab ins Tal der Jugetach und längst ist der Kopf frei. Ausschreiten ist Medizin, ist Lebenselixier und ohne diese Gänge hinaus wäre dieses sitz- und wände- und denk- und bildschirmlastige Leben überhaupt nicht auszuhalten, sage ich mir. Zugrundegehen würde ich, sage ich mir, als ich über die an den Rändern ausfransende Holzbrücke hinübergehe. Zugrundegehen, wiederhole ich, und daher steige ich flott über den vereisten Weg nach oben, aus dem Wald hinaus, über den grasigen Pfad hinauf, muss längst schnaufen, durch den Mund atmen, aber genau das tut mir gut.

An der Königsalpe schneide ich eine andere Spur. Ich setze mich nieder für einen Kaffee, denn es ist ein herrlicher Platz. Eine Tasse lang genieße ich den Frieden dieses Ortes, dann geht es weiter. Denn ich könnte in die Dämmerung geraten mit meinem Gang und außerdem will ich ja wieder zurück sein, wenn das Feuer entzündet wird. Meine Schritte sind Freiheit, sind Freude.

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Die Funkenhex brennt auch im Regen gut. Die Flammen schießen in die Höhe, Funkenglut treibt der Wind in den Nachthimmel, Rauch rankt sich einem tobenden Panther gleich um die brennenden Äste und Balken herum, es ist ein Glosen, Knistern, Glühen, Lodern, Sengen. Der Regen treibt die Menschen näher ans Funkenfeuer, die Hitze zurück. Jemand verteilt köstliche Krapfen. Der Regen verdichtet sich zu schweren Flocken. Das Funkenfeuer kümmert es nicht. Die Glut wird, versichert ein Bauer, nächstes Wochenende noch warm sein. Über Hunderte von Kilometern und über Ländergrenzen hinweg brennen an diesem Abend die Feuer. Zumindest einige zu sehen von einem Berggipfel herab, das müsste doch schön sein, überlege ich, leuchtend dort unten in der Welt der Menschen.

Aigis_Jugetach_Allgäu_Voralpen

Die Weisheit der Perser

Jetzt sind sie auch hier angekommen: Heute sehe ich meine ersten Schneeglöckchen. Vor zwei Tagen hatte sich der Schnee nochmals weiß über alles gelegt, und schon ist alles wieder anders unter dieser frühlingshaften Sonne. Die bräunlichgrünen Wiesen, die warmen Waldränder, die glänzende Kette der Berge, das alles ist von einer das Fassungsvermögen geradezu übersteigenden Schönheit. So muss sich ein Genesender fühlen, der nach langem Krankenlager wieder hinaustritt in die Welt.

Reiten, Bogenschießen, die Wahrheit sagen, das war laut Herodot das Ethos der alten Perser, die angemessene Art, wie ein Mann – und gelegentlich durchaus auch eine Frau – das Leben zu führen hatte. Eine andere mag sein, den Blick an den Horizont zu heften und den Lockungen des Windes zu folgen, ausschreiten, ausschreiten. Ich stehe auf der Höhe und schaue hinüber, wo der Großvater seine Sitzbank hatte, einen rostigen Flaschenöffner an einer Schnur – oder war es eine dünne Kette? – immer griffbereit. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden. Eine Brise aus West, die Sonne scheint, das Alpenpanorama ist die reinste Verführung.

Ich wende mich von den Gipfeln ab und mache mich ans Werk. Winterschäden beheben, einen Säugling tragen, im Garten werkeln. Werte ändern sich bisweilen. Das Glück ist überall.

Es apert

„Wie still es ist“, sage ich zu meinem syrischen Begleiter, als wir das Dorf durchschreiten. „Ja“, bestätigt er nachdenklich. „Nirgendwo hört man Kinder.“

Daran denke ich, als ich vom Parkplatz an der Kirche aufbreche, das Sträßchen hinauf, und zum Kalvarienberg abbiege. Über Eisplatten geht es an einer Hütte vorbei, auf der Wiese vor dem ersten Stein rostet eine ausgeschlachtete Karosserie. Der Kreuzweg ist von einem greisen Bürger gestiftet worden, Bronzeskulpturen von schlichter Formgebung auf Granitplatten, eingerahmt von kugelförmigen Buchsbäumchen. Die Stationen fügen sich nicht in die Landschaft, sie sind Fremdkörper.

In den Bäumen zwitschern Vögel, endlich, denn wie ungewohnt wenige waren es den Winter über, manche – Kleiber, Dompfaff, Blaumeise – fehlten entgegen der Gewohnheit ganz. Der Wind ist zackig und frisch, aber die Sonne gewinnt an Kraft, erste Knospen rüsten sich zur Lebensexplosion. Eine Ahnung von Ostern mitten im Fasching.

Ein schwarzes Eichhörnchen schreckt empor, es setzt an zum Sprung auf einen Baum und stöbert dann doch weiter auf dem Boden. Der von Buchenblättern beladene Waldweg richtet sich direkt zur Mittagssonne. Auf einem Grat erhebt sich das Kruzifix, zu seinen Füßen eine kleine gemauerte Grotte. Eine Kerze flackert, ein geprägtes Amulett ist in das Hasengitter vor der Nische geflochten. Barfüßig steht die Mutter Gottes auf einem Stein, ein Rosenkranz ist fester Bestandteil der Figur, ein zweiter ist über ihre zum Gebet gefalteten Hände gehängt. Viel hilft viel.

Dahinter erst beginnt wirklich der Wald. Ein hölzerner Wegweiser verweist auf einen Burgstall. Er ist erst noch zu finden. Eine Buche strebt mit allen, teils schon krüppeligen Ästen gen Osten, ihre Westseite ist nackt. Der Pfad schlängelt sich über Wurzeln auf den Hügel. Hier war im schneefreien Dezember meine Großmutter mitgegangen auf dem Weg zu einer Krippenausstellung, ein Freund aus Stuttgart war zu Besuch, ein Teil der Verwandtschaft, ein schwarzer Hund. Zwischen rauschenden Fichten öffnet sich der Pfad bald auf eine Wiese, eine sanfte Hügelkuppe, fast ganz umgeben von Wald. Das Gras am Rand des Forstes ist winterblond und verblichen. Baumwurzeln ziehen sich meterweit in die Wiese hinein, monströsen Adern gleich, kaum verborgen von Erdreich und Gras.

Ein Stückchen Waldweg zwischen jungem Nadelgehölz, im Schnee nur noch Rehspuren, nicht mehr von Mensch und Hund, dann geht es schon wieder hinaus auf die Wiese, und nach Süden, wo das Rund des Waldes eine Lücke lässt, erheben sich die Alpengipfel. Widderstein und Großer Daumen rahmen das Blickfeld ein, mit jedem Schritt verschiebt sich die Perspektive, erst taucht das ebenmäßige Dreieck des Hochvogels auf, daraufhin das wuchtige Gaishorn, dann die Tannheimer, schließlich Säuling, Zugspitze, dann bin ich wieder im Wald. Früher trugen diese Namen kaum Bedeutung, mir waren die Berge gleichgültig. Ich habe sie erst in jüngerer Vergangenheit wirklich wahrzunehmen begonnen. Und jede Höhe, die man besteigt, offenbart nun eine Zahl neuer Ziele.

Vor mir sind sie wieder, flüchtiges Menschenwerk im knirschenden Schnee, die Tritte von Spaziergängern und ihrer Hunde. Ovale sind ausgestanzt, wo Pferdehufe den Grund hochgewirbelt haben. Zwischen den Stämmen ist kaum mehr Weiß, hier regiert ein kräftiges Grün: Teppiche aus Heidelbeersträuchern, an den Stämmen Moos. Jägerstände am Wegrand und eine Futterstelle für die Rehe, die blaue Tonne umgeworfen.

Als mir das Schwirren des Windrads zu mächtig wird, drehe ich ab, in einen sanft abfallenden Taleinschnitt hinein. An der Südflanke des Waldes reiht sich eine ganze Batterie von Bienenkästen, die Luft ist erfüllt von warmem Summen, ein Versprechen goldener Zeiten. Weiter unten zerrt der Wind an den Haaren, seltenere Bäume haben sich hier ihr Plätzchen erobert, braune Lärchen etwa. Ein kurzer Hohlweg, ein holzgetäfertes Künstlerhaus mit Galerie. Oben am Hang eine wild gebliebene Reihe von Bäumen vor dem tiefenHimmelsblau. Die Südhänge atmen Licht.

Ich schlage mich querfeldein, über apernde Hänge, verzaubert von der bald erwachenden Landschaft, steige über Schmelzwasserbäche und Stacheldrahtzäune, quere den leeren Sportplatz, nur durch die hohen Gitterwände an den Kopfseiten als solcher erkennbar, und dann bin ich wieder im Dorf, wieder ein Stückchen reicher.

apern (südd., schweiz., österr. für schneefrei werden). Ich gestehe, ich kannte das Wort nicht aus meiner Kindheit, sondern habe es mir über die Literatur (Franz Hohler, Spaziergänge) neu angeeignet. Heimat lernen.

Allgäu_Gehen_Winter_Februar

Eine Lücke schließen

Draußen Sonnenschein, drinnen Schredderkopf, wie so oft nach einer besonders fordernden Arbeitswoche. Ein paar Kilometer weiter nördlich beginnt, wieder einmal, der Nebel. Ganz Oberschwaben liegt unter einem bleichen Tuch und der äußerste Punkt meiner Reise, der Waldsaum der Schwäbischen Alb, ist unter Eis und Frost erstarrt, völlig reglos, beinahe lautlos, ein Geisterreich.

Immerhin habe ich eine Lücke geschlossen, eine Lücke von anderthalb Kilometern zwischen jeweils einigen Tagesmärschen im Norden und im Süden. „Und nicht nur das, sondern zugleich ein neues Ziel gefunden“, sagt M. und deutet auf den geisterhaften Wald. Sie liebt Winterwanderungen, ich ziehe den Sommer vor.

Im Dorf unten steht noch immer das hübsche blaugelbe Haus mit seiner rätselhaften Inschrift. Ob es etwas mit den Freimaurern zu tun haben könne, frage ich. Das nicht, aber, das zeigt später eine Internetrecherche, es wohnt dort – oder wohnte zumindest bis vor wenigen Jahren – ein Verschwörungstheoretiker. Es wirkt wie schlafend, dieses Dorf, und birgt doch dunkle, regsame Räume wie die Brauerei in der Tropfsteinhöhle oder einen schillernden Mahner der Neuen Weltordnung. Wie passend, dass ich morgens im Auto H.G. Wells immer noch wunderbare „Zeitmaschine“ um die Auseinandersetzung mit den Morlocks aus der Tiefe gehört habe.

Der Nebel jedenfalls bleibt, über den Mittag, in den Nachmittag hinein. Welche Erleichterung, als ich endlich wieder die Grenze des Allgäus erreiche, die Schemen der Gipfel wie ein Versprechen der Freiheit vor mir auftauchen und Wiesen, Wälder, Dörfer im Licht der Sonne satt erstrahlen. Aufatmen, die Seele hebt sich.

Zwiefaltendorf_Riedlingen_Zwiefalten_Winter_Wald

Spurensuche

Das Dorfgedächtnis ist unerbittlich. Mehr als ein Vierteljahrhundert ist es her, dass ich im nahen Weiler lebte. Räumlich war der Umzug fort für die Familie kein großer Schritt – trotzdem war ich damit aus diesem Raum verschwunden, hatte ihn für 25 Jahre vollkommen hinter mir gelassen. Und dann kehre ich zurück, Grau im Haar, und die, die immer hier waren, erkennen mich auf ein paar Stichworte hin, fügen mich ein in den ewigen Faden, den das Leben hier geduldig spinnt.

Ich folge der Dame ins Gemeindehaus eines für mich Jahrzehnte lang nicht mehr existenten, ja ausgelöschten Dorfes und brauche nur zu sagen, dass ich in den Weiler … zurückgekehrt bin, wo ich Jahre meiner Kindheit verbracht habe, schon findet sie nach einem Augenblick des Grübelns meinen Nachnamen. Die Nächste braucht immerhin noch meinen Familiennamen als Erinnerungshilfe, dann hat sie die Vergangenheit geordnet: Ach ja, ich habe doch mit ihrem Sohn zusammen den Kommunionsunterricht erhalten, die erste Stunde habe bei uns zuhause stattgefunden. Ich kann mich an nichts erinnern. Die Dritte lacht: „Ach, der Sohn von …! Sag ihm einen Gruß, wir haben zusammen Musik gemacht.“

Zwei Frauen tuscheln noch, tauschen eine Erinnerung aus oder eine soziale Relation, als der Yogakurs eigentlich bereits begonnen hat. An der Stirnseite des Raums hängt mittig ein Kruzifix, auf der gegenüberliegenden Seite tickt eine Uhr. Beides irritiert mich, beides gehört für mich nicht dazu: Yoga unter dem Gekreuzigten und ein Gemeinderaum im Zeichen des Kreuzes für einen, der alle Bindungen zur Frömmigkeit seines Kindheitsumfeldes längst hinter sich gelassen hat. Und das Ticken eines Sekundenzeigers war mir schon immer zuwider, dieses unablässige, mechanische Herabzählen unserer Lebenszeit, dieser geistlose Takt, der keinen Augenblick der Ruhe zulässt. Ich folge meinem Atem und vergesse bald die Uhr, nicht aber den Gedanken: Alle wissen sie etwas über mich. Und ich nichts über sie.

Später sitze ich noch einmal im Auto. Ein scharfer Ostwind treibt den Schnee über das Landsträßchen. Weiße Zungen schieben sich über die Fahrbahn, gierig darauf, jeden bekannten Weg auszulöschen in einer unbeschriebenen Wüste. Ich drücke das Gaspedal und suche mir eine Spur in dieser verwirrenden Welt.

Vor dem Mittagessen drei Paar Schneeschuhe …

Vor dem Mittagessen drei Paar Schneeschuhe und vier Hundepfoten in unberührtem Weiß. Der vergrößerte Fuß sinkt in den weichen, tiefen Schnee und presst ihn zusammen, stößt dann auf den Harsch der vergangenen Woche, durchbricht ihn knackend, sinkt noch eine Winzigkeit tiefer und hebt sich dann wieder leicht und mühelos. Es ist fast, als könne man über Wasser schreiten.

Wir nehmen Wege, die keine Karte kennt, auch das Auge nicht, sondern einzig unser Entschluss, querfeldein, das Tal zwischen den stummen, dunklen Fichten hinunter, durch Holundergebüsch hindurch, einen Hang empor, eine Senke hinab, in der einst wohl die Schmelzwasser der Eiszeitgletscher zur Seite flossen, die Steigung wieder hinauf. Für einen Augenblick verschwindet alles Land hinter der Kuppe, der Hang scheint wie eine makellose Mauer aufzuragen in einen drohenden, schneebeladenen Himmel. Und nur eine einsame Anflugstange für die Greifvögel durchbricht diese Gewalt, einem Miniaturgalgen gleich in vollkommener Wintereinsamkeit.

Der Himmel zieht sich weiter zusammen. Der Hund drüben im Schnee ein tiefes, ganz und gar körperliches Schwarz, ansonsten nur zerfließende Schichten von Weiß und Grau, die Wälder jenseits der Felder auf blasse Schemen reduziert. Schneefall setzt ein, der Wind beißt in die Wange, alles wird zu einem Wirbel aus Flocken. Atem fließt, ein Kristall zerschmilzt an den Wimpern, Fuß für Fuß geht es tiefer in dieses lautlose Stürmen hinein. Ist irgendeine andere Gewalt derart stille? Nie erschien mir Winter schöner, das Leben richtiger. Wie froh ich bin, der Kesselstadt entkommen zu sein, als hätte ich Jahre ein Leben im Falschen geführt.

Später lodert im Westen eine andere Art von Weiß auf. Das Illertal ist in ganzer Breite zu überblicken, über den jenseitigen Höhen lässt die Sonne die dünne Wolkendecke erstrahlen. Eine Dorfglocke schlägt 12. Rauch aus einem Kamin.

Als wir die Schneeschuhe abschnallen, schiebt sich von Westen her bereits die nächste Wolkenfront heran. Wieder wird die Welt zu weißem Fallen.

I had to yodel

Was ist der Schrecken des Eises noch, wenn der Schrecken der Finsternis endlich aufgehoben ist?

Der Winter beginnt erst. Nachts wachgelegen, weil der Wind so ums Haus pfeift. Der Wind hält an. Auf halber Strecke von der Arbeit ein Schneegestöber, dass ich kaum ein paar Meter weit sehe. Die Haustür ist bis oben hin weiß verziert. Mir gefällt dieser Anfall von Kühnheit unserer längst altersschwachen Winter. Ich lasse mich anstecken und schnalle mir einen Rucksack um und trete nochmals hinaus und hinüber auf die nächste Endmoräne, zu Fuß einen Besuch abzustatten. Im Scheinwerfer der Fahrzeuge zieht der Schnee ganz flach in Wellenlinien über den Boden, wie Sand im Sturm. Dünen bilden sich, ihr Schwung reinste Schönheit. Eine weiße Wüste, zumindest für eine kurze Zeit.

Dauerhaft ist die Wüstenei in kultureller und kulinarischer Hinsicht, die Oasen sind erst zu finden. In der Küche zischt es, jemand hat Muscheln bestellt, dunkler Wein steht auf dem Tisch. Ob diese Pizza schmecken wird? Der vorherige Versuch war ein Reinfall, die italienischen Betreiber ganz und gar der Lehre von der Quantität verschrieben. Nichts, wirklich nichts an jener übergroßen Pizza hatte Geschmack. Berlin, denke ich und schaue in den Schnee hinaus und hinüber zu dem wuchtigen Kornhaus, ja Berlin kann es. Aber gut, was ist das auch für ein Vergleich, Berlin und Marktgemeinden wie, sagen wir einmal, Dietmannsried oder Obergünzburg, das ist doch ganz ein anderer Horizont. Andererseits, Flugzeuge heben in Berlin wiederum nicht ganz dort am Horizont ab, wo sie sollten, und was die Pizza betrifft, kann das meine Verwandtschaft im Steinofen mindestens so gut wie Berlin. Die Bedienung trägt die Teller auf und ich ahne …

Ahnte auch, dass Kühnheit manchmal Torheit ist. Winterwunderland ist Winterwanderland, nur nicht für mich, ich schniefe und schnäuze. Gen Morgen träumte ich, ich sei ganz kurz, für zwei, drei Tage vielleicht, zurück in Deutschlands sechstgrößte Stadt gezogen, geflüchtet gewissermaßen vorm Landleben, um dann wiederum gleich wieder ins Allgäu zu fliehen, wobei ich eben noch der Polizei – warum sie mich suchte, wusste ich nicht – entkam. Zurück im Allgäu blühte bereits der Löwenzahn, alles war gelb bis zum Horizont und im ganzen Traum kamen nur Frauen vor. – Im Schrank kein Kräutertee.

Schwedische Krimis auf dem Papier, schwedische Krimis auf dem Bildschirm, Dinge, für die ich mir sonst keine Zeit nehme. Schnee fällt. „Diese Einsamkeit, dachte er. Der schonische Winter mit seinen kreischenden, schwarzen Vogelscharen“, schreibt Mankell. Der Film hat kaum Farben, so wenig wie die Landschaft draußen. Bunt nur die Sekrete aus meinem Leib. Wieder ein Abend, der die verhasste Nacht mit sich bringt. Es ist still bis auf den rauen Atem. Selbst die Blaulichter im Tal ganz ohne Laut.

Der Schnee wird feucht, er sackt zusammen, die Eiszapfen schon wieder verschwunden. Das Bellen einer Füchsin im nahen Wald. Rot morst das Windrad sein ewiges – –  –

Und dann das Gelächter beim Post eines Onkels, der den Winter mit seinem Cavaquinho im Gepäck in einem warmen, sonnigen Land der Neuen Welt verbringt und dort von Freunden mit einem Geburtstagskuchen überrascht wurde. „I was so overwhelmed that I had to yodel!“, schreibt er.

Winter_Allgäu_Schnee

Neujahr

1.

Die Autobahn, auf der nachts, in der ersten Stunde des neuen Jahres, sechs Menschen ihr Leben verloren haben, ist noch immer gesperrt, sehe ich aus dem Zugfenster heraus.

Ich bin froh, der Stadt wieder entkommen zu sein, in der ich die letzten Tage verbracht habe. Bald spaziere ich einen Hügel hinauf, Sonne, Wiesen, Bergblick, das ganze Programm. Ein Schwenk bringt den Rückstau auf der Autobahn wieder ins Blickfeld. Auch andere Menschen zieht es an dem Nachmittag auf die schöne Höhe, man kommt ins Gespräch. Eine Freundin, so erzählt ein Paar, sei von der Gegenfahrbahn aus Zeugin des Unfalls geworden. Sie hat das Krachen gehört, wie sich die Fahrzeuge ineinander verkeilten, das Schreien der Menschen. Zitternd fuhr sie am nächsten Parkplatz ab, unfähig, ihre Fahrt fortzusetzen.

Kinder treten aus dem Wald und zu den Erwachsenen heran, Holz auf den Armen, um etwas zu basteln, zu bauen, ein Lächeln im Gesicht, ganz Unschuld. Sie sind eine Wette auf die Zukunft.

2.

Hier auf dem Land dreht man an Neujahr ganz leibhaftig seine Runde und wünscht den Nachbarn zu Kaffee, Bier, Likör oder unter verzweifelter Abwehr eben all dieser Angebote, jedenfalls allzeit viele Hände schüttelnd „A guats Nuis“.

Die Großmutter hat dazu eigens ihren besten Pullover angezogen und die feinen Gläser herausgestellt, von denen ich nicht einmal wusste, dass es sie gibt, und nebenbei wechseln Nachbarn, die sich die Klinke in die Hand drücken, den Preis für eine Ladung Holz oder die Kunde über ein Stück verkauftes Land. Archaische Riten und das Versprechen eines Morgen, das auf dem Gestern steht.

 

Allgäu_Winter_Wertach

Ein Dozent der Altstadtgassen

Die türkische Dönerfrau steht unter Belagerung eines bierfreudigen Graubarts. Der doziert und rechnet – stockend, dann hochkonzentriert – vor, wie viele Generationen unser Atommüll strahlen wird. Auf 40 000 Generationen kommt er. So lange sind wir für den strahlenden Müll verantwortlich. Aber vielleicht gibt es bis dahin schon gar keine Menschen mehr. „Also was soll der Scheiß?“

Da kann ich nur zustimmen. Der Dozent der Altstadtgassen freut sich über die Resonanz und findet in diversen zeitgenössischen Führungspersönlichkeiten sein nächstes Thema. „Abschießen werd i den Sauhund“, bedenkt er einen gewissen Politiker einer anderen Nation. Da gehe ich nicht mehr mit. Ein paar Minuten fruchtlose ethische Diskussion folgen, dann mache ich mich auf, den Döner längst in der Hand.

„Verschießen will i jedenfalls koin“, sage ich zum Abschied. Die Dönerfrau lacht froh vor Zustimmung. Der Dozent der Altstadtgasse aber ruft mir hinterher: „Wenn du die it abschießen willsch, wirsch du halt irgendwann ihre Schuah putza.“

Das könnte natürlich blühen.