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Das Lächeln der Chinesin

An der Sonnenseite des Kirchturms hängt das weiße Kreuz auf rotem Grund. Kirchweih ist an diesem Oktobertag. Der Ahorn am Bahnhof leuchtet in einem satten Gelb, ein bisschen Honig, fast schon Ocker. Die Farbe findet sich in den Hinweisschildern des Bahnhofs wieder. Der buckelige Leib der Endmoräne ist ratzekahl abgemäht, praktisch kein Feld, das nicht eben noch geschnitten wurde. Die Zeiten haben sich geändert. Die Bauern, die wenigen, die noch da sind, arbeiten auch nachts. Immer schon sind sie sehr früh auf, aber wenn Nacht wurde, ließen sie die Arbeit ruhen, das war schon Ehrensache. Nun aber leuchten spätabends noch auf den Feldern die Scheinwerfer der immer größer werdenden Traktoren und die mächtigen Strahler an Scheunen und Außenstallungen.

„M. muss zum Handballern nach Gauting fahren und weiß gar nicht, wo das ist“, sagt jemand. „Oh je, das hört sich weit an, wahrscheinlich noch hinter München. Das ist mein Sonntag, hat sie gesagt.“

Am nächsten Bahnhof springt ein chinesisches Pärchen auf. „Halt, halt“, ruft eine ergraute Dame. „Das ist noch nicht Kaufbeuren!“
„Biessenhofen?“, fragt atemlos der Chinese.
„Doch, ja, das ja.“
Das Pärchen wendet sich weiter zur Flucht aus dem Zug und noch einmal ruft die Dame: „Halt, halt!“ Die Jacke auf dem Sitz.
Die Chinesin stößt einen spitzen Schrei aus, stürzt lächelnd zurück zur Jacke und wieder hinfort zur Tür und hinaus und weiter wahrscheinlich nach Füssen, nach Schloss Neuschwanstein. Gelächter erhebt sich im Waggon, milde und wohlwollend und warm. Es macht die Menschen schön und in diesem Lachen hätte jeder jeden gemocht.

Der Zug fährt wieder an. Draußen ist der perfekte Herbst, leuchtend, strahlend, klar. Milde auch hier in seinem Licht.

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Ein Akt der Piraterie

Die begehrtesten Plätze sind die hinter dem Busfahrer, genauer die erste Reihe in Fahrtrichtung rechts vom Gang. Die Arme des Fahrgastes liegen auf der Trennwand zum Aufstieg, nichts verstellt das Gespräch mit dem Fahrer, der Blick senkt sich prüfend hinab auf Zusteigende. Wer den Bus besteigt, muss nicht nur an dem Fahrer vorbei, sondern auch Passagier Nummer 1 bestehen.

*

Der morgendliche Bus hinaus aus der Stadt ist fast leer. Ein hagerer, bedächtiger Mann lässt sich auf dem vordersten Platz rechts nieder. Seine mittellangen Haare stehen wild ab, die Wangen sind bartschattig, auf eine rustikale, nachlässige Art ist er gutaussehend. Eine Traurigkeit trägt der Bedächtige mit sich, zögernd eröffnet er das Gespräch mit der Busfahrerin, dann schüttet er ihr sein Herz aus. Seine Tochter hat Schwierigkeiten, einen Job zu finden, er macht ihr Mut, sich durchzubeißen, und hat trotzdem Sorge, dass sie wieder einmal das Handtuch werfen würde, und nun macht die Busfahrerin ihm Mut.

An der nächsten Haltestelle steigt ein ganz anderer Typ ein, ein Lauter, hinkend, das Gesicht aufgedunsen. Offensichtlich irritiert es ihn, dass sein Stammplatz schon besetzt ist, also lässt er sich in der ersten Reihe links vom Gang nieder. Die Busfahrerin redet noch, der Bedächtige ist bereits auf dem Rückzug. Bei erster Gelegenheit wirft der Laute einen Satz ein. Es ist nicht gerade eine schlaue Bemerkung, die er macht, aber darum geht es nicht. Ihr einziger Zweck ist es, einen Wurfhaken auszuwerfen und das Gespräch zu entern. Der Laute schiebt seinem Satz eine hässliche Lache hinterher. Die Abwehr des Bedächtigen ist greifbar, er schweigt, lehnt sich zurück, die Busfahrerin gibt nur einen unbestimmten Kommentar von sich.

Der Laute, einmal das Ruder übernommen, muss rasch nachsetzen, um die Planken unter den Füßen nicht wieder zu verlieren. Er bringt irgendeine, letztlich beliebige Anekdote aus der Nachrichtenwelt des Vortages, wieder schließt er mit einer dreckigen Lache und lacht gleich noch einmal, völlig unpassend, weil konträr zum Inhalt seiner Worte. Aber er hat es geschafft, er steht nun auf dem Mitteldeck der Kommunikation.

Ein paar Minuten später ist das Trio beim Flüchtlingsthema angekommen. Die Busfahrerin und der Bedächtige äußern sich kritisch, doch menschlich nachvollziehbar, der Laute aber hetzt. Er beherrscht die Szene. Voller Selbstgefallen überbrückt er den Gang und rutscht auf den Sitz neben dem Bedächtigen. Blackbeard hat das Schiff endgültig gekapert, die Fahne der Freiheit ist eingeholt.

Hässlichkeit regiert.

An der Höll

Ein Blick durchs Dachfenster, ein Ziel erfassen. Die Tür fällt unten ins Schloss, Beine schreiten aus.

Manches an dem Weg ist mir bis aufs Äußerste vertraut, anderes neu oder ganz vergessen: der geteerte Radweg parallel zur Straße, die ich überquere; der Schwung des Weges am Waldrand, der das Ziel nochmals vor dem Blick verbirgt.

Entlang der Brombeerranken, an denen wir Kinder uns die Beine aufgekratzt haben, schreite ich in die Höll, einer rechteckigen Wiese, auf drei Seiten von Wald umgeben, wo einst die Pferde grasten oder ein Volleyballnetz aufgespannt wurde und Freunde meiner Eltern aus den Weilern und Dörfern so oft zum Spielen kamen oder wir Bumerangs warfen, die unser Vater gebaut hatte, und zwischen zwei flachen Händen wieder aus der Luft griffen. Zwei der Wurfhölzer waren schwerer als alle anderen, das eine gelb, das andere rot lackiert, vor ihnen hatte ich Angst.

Ein Fuchs harrt in Lauer auf dem Feld. Er bemerkt mich nicht. Damals wäre ich nervös geworden, ich hätte gezögert, vielleicht wären meine Schritte erstorben. Wildtollwut war eine reale Gefahr und noch lange nicht ausgerottet. In meinen Träumen wurde der tollwütige Fuchs zum Sinnbild der erwachenden, verwirrenden Kräfte des Heranwachsenden. Heute müsste sich mein Unterbewusstsein ganz andere Bilder suchen. Ein paar Schritte kann ich noch machen, bis das Tier mich registriert und sich zur Flucht wendet, den rötlichen Leib und den dunklen Schwanz gestreckt, als ginge es um sein Leben.

Ich hatte es immer gewusst und trotzdem stehe ich erschrocken vor der Höll. Die Wiese meiner Kindheit ist nicht mehr, sie ist ausgelöscht. An ihrer Stelle ragen Bäume in die Höhe, haushoch bereits und eng gepflanzt, der Untergrund ist düster und von moderndem Laub bedeckt. Etwas drückt auf meine Brust. Tautropfen lösen sich von den Buchen und Fichten. Sie stürzen hinab, in die Tiefe, wie die Augenblicke, Tage und Jahre meiner vergänglichen Existenz.

Auftragsvergabe

Die Busfahrerin hält am Waldrand. Ein kantiger Kerl lässt von seiner Arbeit im Holz und tritt an die Tür, in den Linienbus.

„Ja grias di!“, begrüßt er die Busfahrerin, es folgt ein Servus an die Fahrgäste.

„So du mein Lieblingslandschaftsgärtner“, entgegnet die Fahrerin. „Wie geht‘s?“

„Sei froh, dass du kein Borkenkäfer bisch. Sonst müsste ich dich fällen.“

Gelächter, der Schlagabtausch geht ein paar Runden weiter, die Fahrgäste warten geduldig. Dann flicht die Busfahrerin wie nebenbei ein: „Die Platten wackeln. Mein Mann sagt, du müschtsch vorbeikommen.“

Damit ist alles geschwätzt. Der Kerle geht wieder ans Holz, der Bus rollt weiter übers Land, alle lächeln.

Stille Höhen

Im Tal ist es kalt. Handschuhe wären nicht verkehrt, denke ich mir. Wir verpassen den Pfad in die Höhe, aber letztlich ist es egal, denn in eine Richtung müssen wir den Talweg so oder so nehmen. Eine Kuh auf einer Wiese gefällt uns, ein kräftiges, dunkles Rind mit markanten Linien, wir denken beide an ein Urrind. Dann schweigen wir wieder. Ich hänge düsteren Gedanken nach, nach einem Gespräch ist mir nicht.

Oben reden wir. Die Sonne löst die Zunge, lachend schieben wir die Ärmel zum Ellbogen zurück. Es ist warm auf Halbhöhenlage. Weite Hänge aus braunem Gras fallen unter einem blauen Himmel ab, Geröll strahlt im Licht. Unter uns rosten Buchen, die paar Bäume heroben – Bergahorn, Birke – sind bereits kahl, Sattgrün tragen einzig die Latschen. Oben dann weiß der Schnee im grauen Gestein.

Es ist still. Tief unten rauscht der Fluss, eine Dohle krächzt auf, ein Verkehrsflugzeug brummt, leider, aber ansonsten ist es still. Eine Durchgangsstraße kann den Erholungswert eines ganzen Bergtals zunichte machen. Das Stillachtal hin zu Deutschlands südlichstem Flecken aber ist eine Sackgasse. Die Stille ist ein Segen.

Dann ein sehr trockenes, hartes Klacken, gedämpft und doch mit einer Macht, die zum Schweigen verurteilt. Wir halten inne. Stein schlägt auf Stein, Fels fällt, fällt, fällt. Ein Steinschlag, drüben, jenseits des Tals, an den 2500ern. Ein Geräusch bar jeder Gnade. „Hoffentlich ist nichts passiert“, flüstert jemand.

Dann herrscht wieder Stille.

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Hornissenflug

Morgens in der Hölle von IKEA. Ich treffe eigens schon kurz vor Öffnung ein, um rasch wieder gehen zu können. Ich bin nicht allein. Einige Stoßtrupps haben sich für den Sturm auf das Einrichtungshaus bereits gesammelt. Viele von ihnen scherzen und lachen, als wären sie zum Vergnügen hier. Als ich 45 Minuten später wieder hinaustrete, hängt noch immer Nebel über der Donaustadt, aber der Parkplatz ist bereits voll. Ich bin froh, als ich wieder die Kette der Berge vor mir sehe und den Himmel blau hinter dem Allgäuer Tor.

Die Hornissen fliegen immer noch ein und aus. Ein Wesen, das einem Kolibri ähnelt, aber unmöglich einer sein kann, schwirrt um die letzten Blüten des Gartens. In der heißen Jahreszeit verirren sich diese Taubenschwänzchen manchmal über die Alpen nach Norden. Nun geht der Oktober zu Neige und der Falter tanzt noch immer seinen Kolibriflug. Auf der Südseite ist es warm genug, hemdsärmelig dazusitzen, neben den noch grünen Tomaten. Für sie ist jeder Tag ist ein Vabanquespiel. Nochmals einen Tag an den Stauden reifen lassen oder doch schon vor dem drohenden Erfrierungstod retten? Die Winterreifen, erinnere ich mich da. Vergiss die Winterreifen nicht! Ich habe keine Routine eingeübt, mir um Winterreifen Gedanken zu machen. Wie leicht aber lässt sich das auch vergessen unter dem gelben Wein, wo die Hornissen brummen. Bald werden die Insekten sterben. Einzig die neue Königin wird den Winter überstehen, um dann aus sich heraus ein neues Volk zu erschaffen für einen Sommer lang. Welche Kräfte in diesem einen Tier zum Tragen kommen!

Die Erde wurde von den Tropen aus erobert, aus diesem Garten Eden ohne Jahreszeiten, diesem unentwegt gebärenden Schoß. Die Pioniere, aus dem Paradies verstoßen, hatten einen schlimmsten Feind zu bezwingen: den Mangel an Wasser – schiere Trockenheit oder aber die Kälte, die das Wasser gefrieren und so nicht mehr frei strömen lässt in den Kreisläufen der Eroberer. Aber die Pflanzen fanden Wege, mit dieser Not umzugehen. Und so taten es ihnen die Tiere nach, um den Winter, diese Jahreszeit des Todes, zu überstehen. Abzusterben bis auf die Mutter eines künftigen Zeitalters, die tief verkrochen über die Wintermonate dahindämmert, ist einer von vielen Wegen. Eine Logistik aufzubauen, die es einem privilegierten Teil einer Art erlaubt, jederzeit und in unerhörter Geschwindigkeit Nahrungsmittel aus aller Welt herbeizuschaffen, ist das jüngste Kapitel in der Geschichte dieser Strategien. Der Preis dafür lässt sich nicht im Geringsten in den Währungen messen, die wir in unsere Supermärkte tragen …

Ich schiebe die Gedanken beiseite und teile die Teller aus. Es gibt eine Gemüselasagne der Großmutter, wir essen auf der Terrasse, manche suchen freiwillig die Schattenplätze. Dankbar lasse ich mich auf einem Sonnensitz nieder. Noch fliegen die Hornissen, noch fliegen sie …

Als die Teller leer sind, ist der Himmel zugezogen. Nebel nichtet die Welt. Kälte kommt.

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Gib eine Beschriftung ein

Fensterblicke

Sterne am Himmel, Hornissen im Haus. Noch ist es später August.

*

Solch ein Tag, an dem man Herrndorf und Houellebecq kauft, ganz spontan, als ich aus dem Bus hinaus in die Sonne trete. Und später ein Rätsel: die Vorzeichen nach der Lektüre genau umgedreht.

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Die Kühe vor dem Fenster grasen unbeirrt, über den Fichtenwipfeln ziehen Nebelfetzen, ein Vogel stemmt sich gegen den Herbstwind. Zeit, die erste Holzdecke abzuschmirgeln. Zeit für Uriah Heep und einen starken Kaffee und Taten.

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Das rotlackierte Cockpit eines Segelflugzeugs, ein Elektromotor, ein KfZ-Nummernschild – ich weiß nicht, wie das Modell heißt. Leichtbau und eine Scheibe aus finnischem Glas, dahinter die Nacht, als wir den Hügel hinabrollen, durchs Dorf und weiter zum Bahnhof. Der Gast immer zwischen der Sorge, von einem Auto überrollt zu werden, und der Vorfreude, sicher gleich in den Himmel aufzusteigen.

Wir sind dann doch auf dem Boden geblieben. Mein Schritt aber war danach beschwingter.

*

Pastellfarben über der schwarzen Linie des Horizonts. Ins Tintenblau der Höhe ziehen zwei Flugzeuge Parallelen. Erste Sterne, noch zaghaft vor dem roten Blinken eines Windrades. Der Grund bereits Nacht, Wiesen und Wälder untrennbar zu Schwarz zerflossen.

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Eine Erinnerung an den Sommer

Verzaubert vom Lauf eines Tieres

Abends, bevor ich ging, half ich die Pferde auf eine Wiese zu bringen. Es war bereits fast dunkel, nur ein letzter Glanz färbte noch den westlichen Horizont. Auf der Koppel angekommen, sprengten die Rösser schnaubend und prustend den Hang empor, wie eine entfesselte, übermenschliche Macht, und stürmten dann den Scheitel des Hügels entlang. Diese kraftvollen Silhouetten dort oben gegen das allerletzte Licht des Tages zu sehen, war so unerwartet wie überwältigend schön, als wäre die Welt verzaubert worden vom Lauf eines Tieres.

Ein Märchen von Rapunzel, 3

​Abends, da war es noch August, wandere ich von Rapunzels Turm durch den Gotteswald hinüber nach Württemberg, um Kartoffeln aus einem Acker zu klauben. Mit Zustimmung des Eigentümers natürlich. Er macht mir dafür auch ein Bier mit der Zinke seiner erdigen Spatengabel auf.

Wir sollten öfter abends noch auf dem Acker stehen, denke ich in der Dämmerung. Und fühle mich so frisch wie seit Tagen nicht mehr.