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Kreischen unterm Brunnenbogen

Die Wolkengebirge am schwäbischen Himmel wirken wie gemalt oder nein, vielleicht eher wie ein Scherenschnitt und rückseitig illuminiert, wo die untergehende Sonne ihre Kanten erstrahlen lässt. Der Abend ist zu genießen. Menschen bevölkern den Platz bei einem Weizenbier vor dem Rohrbecks. Springbrunnen plätschern, ein blonder Pferdeschwanz läuft barfuß über den augustwarmen Asphalt und die Welt könnte so schön sein.

Aber das hysterische Schreien einer Frau – vielleicht von ihrem Mann betrogen oder von ihrem Kleinkind bis zur völligen seelischen Erschütterung erschöpft – aus einem weit geöffneten Fenster zerstört die Illusion. Das Glühen der Wolkenränder erlischt, gegenüber an der Filiale der Drogeriekette rumpeln die Warenboxen des Lieferanten, ein provinzieller Sportwagen röhrt und das alkoholfreie Weizen ist doch nur ein Franziskaner.

Dann kreischt ein gelockter Knabe vor Entzücken unter dem Brunnenbogen auf und alles ist wieder gut für diesen Augenblick.

Fensterblicke

Sterne am Himmel, Hornissen im Haus. Noch ist es später August.

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Solch ein Tag, an dem man Herrndorf und Houellebecq kauft, ganz spontan, als ich aus dem Bus hinaus in die Sonne trete. Und später ein Rätsel: die Vorzeichen nach der Lektüre genau umgedreht.

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Die Kühe vor dem Fenster grasen unbeirrt, über den Fichtenwipfeln ziehen Nebelfetzen, ein Vogel stemmt sich gegen den Herbstwind. Zeit, die erste Holzdecke abzuschmirgeln. Zeit für Uriah Heep und einen starken Kaffee und Taten.

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Das rotlackierte Cockpit eines Segelflugzeugs, ein Elektromotor, ein KfZ-Nummernschild – ich weiß nicht, wie das Modell heißt. Leichtbau und eine Scheibe aus finnischem Glas, dahinter die Nacht, als wir den Hügel hinabrollen, durchs Dorf und weiter zum Bahnhof. Der Gast immer zwischen der Sorge, von einem Auto überrollt zu werden, und der Vorfreude, sicher gleich in den Himmel aufzusteigen.

Wir sind dann doch auf dem Boden geblieben. Mein Schritt aber war danach beschwingter.

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Pastellfarben über der schwarzen Linie des Horizonts. Ins Tintenblau der Höhe ziehen zwei Flugzeuge Parallelen. Erste Sterne, noch zaghaft vor dem roten Blinken eines Windrades. Der Grund bereits Nacht, Wiesen und Wälder untrennbar zu Schwarz zerflossen.

Aprikosen_Fenster_Sommer

Eine Erinnerung an den Sommer

Verzaubert vom Lauf eines Tieres

Abends, bevor ich ging, half ich die Pferde auf eine Wiese zu bringen. Es war bereits fast dunkel, nur ein letzter Glanz färbte noch den westlichen Horizont. Auf der Koppel angekommen, sprengten die Rösser schnaubend und prustend den Hang empor, wie eine entfesselte, übermenschliche Macht, und stürmten dann den Scheitel des Hügels entlang. Diese kraftvollen Silhouetten dort oben gegen das allerletzte Licht des Tages zu sehen, war so unerwartet wie überwältigend schön, als wäre die Welt verzaubert worden vom Lauf eines Tieres.

Unter der Burgmauer die schwäbische Toskana …

Unter der Burgmauer die schwäbische Toskana. Das liegt natürlich in erster Linie an der Reihe Zypressen dort drüben. Aber auch an der hügeligen, kleinteiligen, malerischen Landschaft: Äcker, Haine, Streuobstwiesen, kurzgefressene Schafsweiden. Die steilen Hänge der Schwäbischen Alb, wie scharf abgeschnitten, sind von Mischwäldern bedeckt, oben auf dem Traufrand reihen sich Burgen, dahinter erstreckt sich die Hochebene der Alb. Dem Mittelgebirge zu Füßen, nach Westen und Norden hin, ziehen sich Hügel Linie um Linie in den bläuenden Dunst.

Es ist die Landschaft, die ich verlassen habe, um in meine Heimat zurückzukehren. Rückkehr kann so schön sein – in beide Richtungen.

Ich stehe seit Stunden schon in Wolken ausschwärmender Flugameisen, droben im Himmel das Dröhnen historischer Flugzeuge, der September brennt heiß wie ein Sommer, doch das Herbstlicht sinkt schwere nieder. Glücklich sind die Hochzeitsgäste, ergraute Männer duzen mich auf Augenhöhe, was mir gefällt, Hände liegen auf warmem Stein oder an kühlem Glas.

Grillen rufen die Dämmerung herbei, dieser Sommergesang warmer Landstriche, der im Allgäu viel verhaltener ist, und Wind kommt auf. Wüsste man, dass man morgen stürbe, könnte die Antwort nur lauten: „Ach, aber jetzt ist es schön.“

Wein vom bayerischen Bodensee …

Wein vom bayerischen Bodensee wird hier verkauft – ich wusste nicht einmal, dass es dort solche Reben gibt -, samstags und am Dienstagabend im ersten Stock. Das Haus daneben wird die Stadt ab Herbst mit Biokäse verwöhnen. Noch ist alles hinter den Schaufenstern Baustelle, unverhüllt und offen wie als erster Beweis der Transparenz und Authentizität, die Bio verspricht. Aber noch ist ja Sommer, irgendwie, an diesem 2. September. Die kurz abgeschnittene Hose freut sich in der Abendluft trotzdem schon auf dem Winterschrank.

Die Beine darunter aber, noch immer blass, auf den nächsten Sommer schon.

Blues_Leben_Weisheit_Memmingen

Ein stakender Reiher erhebt sich …

​Ein stakender Reiher erhebt sich, erst am anderen Ende des Sees wagt er einen entrüsteten Ruf und quert dort mehrmals über dem Wasser. Ein Sirren in den Schwarzerlen löst die Stille des Fichtenholzes ab. Es frischt auf. Lange bleibe ich an der kalten Asche eines Lagerfeuers nicht sitzen.

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Weit in den Osten des Landkreises bin ich gefahren, um meinen Pflichten nachzukommen. Die junge Frau im Landratsamt widerlegt mit ihrem Lächeln alle vermeintlichen Fährnisse von Amtsbesuchen, wie ich ja überhaupt seit Jahren auf Ämtern fast nur freundlichen Mitarbeitern begegnet bin. Die Schulungen scheinen Früchte zu tragen, das Wort Bürgerservice Inhalt zu gewinnen – zumindest solange man die Grenzen einer bürgerlichen Rolle nicht austesten muss oder will. Die junge Frau also lächelt und der Klang ihres Dialektes entzückt mich. Plötzlich erscheint sie mir schön.

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Ein Bauer sägt im Holz, ein anderer zieht einen Entwässerungsgraben ins Feld. An der Fassade eines Einsiedelhofes laufen grüne Streifen herab, als hätten die Fensterläden geweint. Der Hof sieht unbewohnt aus, aber das muss nicht unbedingt so sein. Manchmal gibt es sie ja immer noch, diese heruntergekommenen Gehöfte unter der Hand eines heruntergekommenen Eigenbrötlers, bis die Behörden kommen, weil der Bauer das Vieh schindet.

Der nächste Weiler hingegen zeigt sich ganz schmuck und aufgeräumt, die Häuser sind renoviert, eine Kapelle unterm Zwiebeldach strahlt. Hinterm Wald dann ein Alter im Unterhemd über der haarigen Brust, der im Trog den Melkeimer putzt. „Hallo, grüß Gott“, antwortet er. Sein „hallo“ hatte ich nicht erwartet.

Über einen halb zugewachsenen Feldweg, von Birken gesäumt, von rotem Laub aus dem Vorjahr bedeckt, geht es zur Fernverkehrsstraße zurück, ich quere nach einem Bus, der wohl aus dem Oberbayrischen herüberkommt. Der Lech ist nicht weit.

Von einem Weiler aus drei Häusern her verbellt mich ein Hund. Schon auf die Weite überschlägt sich seine Stimme, ohne dass er es wagen würde, einen Schritt näherzukommen. Die Ziegen auf der Weide lassen sich von dem Alarm anstecken, sie suchen Zuflucht auf ihrem Tränkewagen. Ich biege ab, an einem hübschen Hof vorüber, seine Rückseite aber ist eine Ruine. Die Tenne klafft weit auf, die Einfahrt ist zusammengebrochen, Gebälk herabgestürzt, nur noch die Hälfte steht, wie ein von Karies völlig zerfressenes Gebiss.

Hütte_Wald_Allgäu_Ostallgäu

Am Waldrand sitzt ein alter Landwirt, sein schwarzes Rad neben sich. Er sieht aus, als säße er zum Sinnieren auf dieser Bank, einem Rückzugsort also, an dem er über etwas nachdenken könne, was woanders keinen Raum findet. Hinter dem Wald färbt sich der Himmel dunkel.

Der Wind nimmt an Fahrt auf, als ich zwischen den Bäumen hervortrete, und ich weiß, gleich wird es so weit sein. In einer Kehre reißt es Staub vom Feldweg empor, ich stemme mich gegen den Wind. Hinter dem Hügel regnet es schon herab, dafür tauchen im Süden auf einmal die blassen Schemen von Bergen auf, die den ganzen Tag verborgen gewesen waren. Hundert Schritt vor dem Parkplatz klatscht der erste Tropfen auf meine Stirn. Das Wetter bricht los, als ich in das Auto steige, das ich – nach so vielen Jahren ohne PKW – vor ein paar Stunden erst angemeldet habe. Regen rauscht auf das Ostallgäu herab und ich starte den Motor.

Durch die Heidengasse

Durch die Heidengasse der schwäbischen Altstadt kommen mir zwei Araber entgegen. Ich schmunzele. Der Ungläubige, das bin hier wohl ich.

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Sanft legt sich der Abend über die Stadt und vor der evangelisch-lutherischen Kirche Unsere Frauen – ihre Wurzeln reichen bis in die Karolingerzeit zurück – sitzt ein Grüppchen von Frauen auf der Bank, den Hidschab auf dem Kopf, munter auf Arabisch schwatzend. Und dem Agnostiker stiehlt sich ein Lächeln ins Gesicht, als er das Brückchen über den Kanal betritt.

Ein Märchen von Rapunzel, 3

​Abends, da war es noch August, wandere ich von Rapunzels Turm durch den Gotteswald hinüber nach Württemberg, um Kartoffeln aus einem Acker zu klauben. Mit Zustimmung des Eigentümers natürlich. Er macht mir dafür auch ein Bier mit der Zinke seiner erdigen Spatengabel auf.

Wir sollten öfter abends noch auf dem Acker stehen, denke ich in der Dämmerung. Und fühle mich so frisch wie seit Tagen nicht mehr.

​Ich möchte wieder zurück an die lichtblauen Wasser des Lechs …

​Ich möchte wieder zurück an die lichtblauen Wasser des Lechs, wo nachts Feuer auf den Kiesbänken brennen. Ich möchte mich wieder Steigungen emporarbeiten, bis der Körper jubelt vor Glück. Ich möchte wieder vom Föhrenstrand aus in das weiche Grün des Sees hinausschwimmen, der Sonne entgegen, an den Flanken die jähen Hänge unerschütterlicher Berge. Ich möchte wieder mit vertrauten Menschen diese Wege gehen, so reich an Eindrücken und Lachen und Gemeinschaft.

Lech_Fluss_Wasser_Reutte_Sommer

Nur ein jämmerlicher Abklatsch der Realität (Telefonknipse)